Das Gnettner-Areal an der Altenstadter Straße in Schongau.
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Auf dem ehemaligem Firmengelände der Gnettner Holzindustrie an der Altenstadter Straße in Schongau ist zwischenzeitlich ein neues Wohnviertel entstanden.

Nach 20 Jahren

Gnettner Holzindustrie: Ehemalige Beschäftigte fordern letzte Rate aus dem Sozialplan ein

  • Christoph Peters
    vonChristoph Peters
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Knapp 20 Jahre ist es her, dass die Schongauer Traditionsfirma Gnettner Holzindustrie des früheren Stadtrats Günther Gnettner ihren Betrieb einstellte. Doch auf die letzte Rate aus dem damals vereinbarten Sozialplan warten die betroffenen Mitarbeiter bis heute vergebens. Eine Interessensgemeinschaft will das nun ändern.

  • Bei der Schließung der Gnettner Holzindustrie vor 20 Jahren wird ein dreistufiger Sozialplan vereinbart.
  • Ehemalige Beschäftigte fordern nun die Auszahlung der letzten Rate.
  • Der frühere Firmenchef teilt mit, dass dafür das Geld fehle.
  • Die Stadt Schongasu wehrt sich gegen Vorwürfe, sie habe die Baulandentwicklung verschleppt.

Schongau – Eleonore Bernert kann sich noch gut erinnern an den Juli 2000. Zwei Tage vor dem Urlaub habe die Firma ihres Mannes die Bombe platzen lassen, erzählt die 75-jährige Hohenfurcherin. 30 Jahre hatte Manfred Bernert für die Schongauer Traditionsfirma Gnettner Holzindustrie gearbeitet, deren Ende nun plötzlich bevorstand. Weil sich das Geschäft laut der Firma nicht mehr rentierte, sollte das Werk geschlossen werden, über 100 Mitarbeitern drohte die Entlassung. Daran änderten auch die folgenden Verhandlungen des Betriebsrats mit der Geschäftsführung nichts. Mit Hilfe der IG Metall gelang es zumindest, die Folgen für die Mitarbeiter ein wenig abzumildern. Man einigte sich nach zähen Verhandlungen auf einen dreistufigen Sozialplan in Höhe von 1,7 Millionen Mark.

Es geht um insgesamt 255.000 Euro

Als Eleonore Bernert heuer bei der Durchsicht der Unterlagen ihres 2013 verstorbenen Mannes zufällig das Papier in die Hände fällt, kommt die ganze Geschichte von damals wieder hoch. Und auch die Erkenntnis, dass das vereinbarte Geld aus der dritten Tranche bis heute nicht ausbezahlt worden ist. Es geht um insgesamt 500.000 Mark, umgerechnet rund 255.000 Euro, die an die ehemaligen Mitarbeiter ausbezahlt werden sollten, wenn aus der Verwertung des Firmenvermögens des Betriebs ein Überschuss verbleibt.

In ihren Garten hatte Eleonore Bernert Betroffene der Gnettner-Schließung zu einem ersten Informationsaustausch geladen.

Weil Maschinen und Grundstücke längst verkauft worden sind – auf dem ehemaligen Genttner-Areal an der Altenstadter Straße ist in den vergangenen Jahren ein neues Wohngebiet entstanden – fasst die Hohenfurcherin am Sterbetag ihres Mannes im Mai einen Entschluss: Die 75-Jährige will sich nicht mehr weiter vertrösten lassen. Sie macht weitere ehemalige Mitarbeiter ausfindig, man schließt sich zu einer Interessensgemeinschaft zusammen. Mitte Juli setzt sie ein Schreiben an den früheren Eigentümer der Firma, Günther Gnettner, auf. Darin fordert sie den einstigen Schongauer Stadtrat auf, endlich auch die ausstehende Rate zu begleichen.

Die Stadt Schongau soll die Verwertung des Firmengeländes verzögert haben

Die Antwort ist aus Sicht der Interessensgemeinschaft ernüchternd. Über eine Münchner Steuerberatungsgesellschaft lässt Günther Gnettner Anfang August schriftlich mitteilen, dass eine vollständige Befriedigung der Verbindlichkeiten der ehemaligen Holzindustrie durch die Verwertung des Betriebsvermögens nicht zu erwarten sei. Der Grund dafür seien die Kosten, „die durch die Behinderung durch die Stadt Schongau an der Verwertung der Grundstücke entstanden sind“. Ihre „Querschüsse“ hinsichtlich der Ausweisung als Bauland und Anforderungen an Erschließungsmaßnahmen hätten die Abwicklung verzögert und so für laufende Finanzierungskosten gesorgt, ohne dass nennenswerte Einnahmen generiert werden konnten. „Dieses Ergebnis ist nicht nur für die Mitarbeiter der Gnettner KG höchst unbefriedigend und bedauerlich, sondern auch für Herrn Gnettner persönlich, der die letzten 20 Jahre mit hohem persönlichen Engagement versucht hat, hier einen Überschuss zu erwirtschaften.“ Gnettner selbst war trotz mehrmaliger Versuche der Heimatzeitung für eine persönliche Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Gewerkschaft IG Metall bezweifelt die Darstellung Gnettners

Eleonore Bernert und ihre Mitstreiter wollen sich damit nicht zufrieden geben. Sie haben den früheren Wessobrunner Bürgermeister Helmut Dinter um Hilfe gebeten, der nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zwischenzeitlich zur IG Metall zurückgekehrt ist. Dinter kennt den Fall Gnettner bis ins Detail. Vor 20 Jahren saß der damalige IG-Metallsekretär selbst mit am Verhandlungstisch. Er zweifelt an der Darstellung Gnettners, wonach es am Geld für die dritte Rate aus dem damals mühsam vereinbarten Sozialplan fehle. Dinter verweist auf ein schon 2006 erschienenes Interview mit Gnettner, in dem der Schongauer Unternehmer erkläre, sämtliche alten Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und Banken erfüllt zu haben. Mittlerweile sei auch das ehemalige Firmengelände mit einer Größe von mindestens 65 000 Quadratmetern fast komplett als Bauland von Gnettner verwertet worden, so Dinter. Selbst wenn man nur einen Bruchteil des marktüblichen Baulandpreises zugrunde lege, hätte die ausstehende Sozialplanabfindung schon vor geraumer Zeit ohne Schaden für den Unternehmer zur Auszahlung gebracht werden können, ist der Gewerkschaftsvertreter überzeugt. Dinter hat dem früheren Schongauer Stadtrat deshalb im Auftrag der Interessensgemeinschaft schriftlich aufgefordert, den offenen Betrag von rund 255 000 Euro zu bezahlen – zuzüglich Zinsen.

Schongaus Bürgermeister weist die Vorwürfe zurück

Post hat derweil auch die Münchner Steuerberatungsgesellschaft bekommen. Absender des Schreibens ist Schongaus Bürgermeister Falk Sluyterman. Der Rathauschef weist darin den Vorwurf, dass die Stadt die Firma Gnettner bei der Verwertung der Grundstücke behindert habe, zurück. Die pauschale Behauptung entbehre jeglicher Grundlage. Diese Auffassung bestätigt der Bürgermeister auch im Gespräch mit den Schongauer Nachrichten. „Die Aussage, dass die Stadt hier etwas verzögert haben soll, hat mich schon sehr überrascht und verärgert.“ Damit der Vorwurf nicht einfach so im Raum stehen bleibt, hat Sluyterman dem Unternehmen eine Frist gesetzt, die Anschuldigung entweder zu konkretisieren oder zu widerrufen. Andernfalls behalte man sich rechtliche Schritte vor.

Noch hoffen Eleonore Bernert und ihre Mitstreiter auf eine einvernehmliche Lösung, darauf, dass die letzte Rate ohne weiteren Streit überwiesen wird. „Das wäre eine schöne Sache“, sagt die Hohenfurcherin. Notfalls werde man aber auch vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung nicht zurückschrecken. „20 Jahre sind einfach genug.“

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