+
Große Pläne für die eigene Landwirtschaft – aber auch Angst um die Existenz. Das haben (von links) Andreas Spielberger, Michael Staltmayr und Johannes Berchtold. Um aufzurütteln, sind sie in der Kreuz-Bewegung aktiv.

Grüne Kreuze

Der stille Protest der Bauern ist im Landkreis angekommen

  • schließen

Sie stehen in Birkland, in Apfeldorf, in Forst, in Weilheim – und es werden immer mehr: grüne Kreuze. Die deutschlandweite Bewegung, mit der Landwirte auf ihre Zukunftsängste aufmerksam machen möchten, ist längst im Landkreis angekommen.

Landkreis– Zwei Tage lang hat Michael Staltmayr mit zwei Kumpels Holz abgeschnitten, gehobelt, zusammengenagelt und grün gestrichen. In der Farbe des neuen Protestes, mit dem Landwirte deutschlandweit auf ihre schwierige Situation aufmachen möchten. Michael Staltmayr und seine Freunde sind junge Landwirte, wild entschlossen, für ihre Zukunft zu kämpfen. Doch um die hat nicht nur Staltmayr Angst: „Das Höfesterben schreitet immer mehr voran.“ Befeuert durch immer noch mehr Auflagen, die die Landwirte von der Politik aufgebrummt bekämen.

Der Jung-Landwirt hat nicht nur – allen Zukunftsängsten zum Trotz – mit gerade mal 28 Jahren den Familienbetrieb übernommen. Er hat auch in einen neuen, modernen Stall investiert. „Ich hatte auch viele schlaflose Nächte deswegen“, räumt Staltmayr ein.

Von der Landwirtschaft zu leben zu können, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr

Heute im Haupterwerb eine Landwirtschaft betreiben und davon leben können, das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Warum er sich trotzdem für die riesige Investition in den neuen Stall, geeignet für 78 Kühe, und einen Melk-Roboter, entschieden hat? „Ich wollte schon immer Bauer sein.“

28 Kreuze auf Ackerflächen in Birkland, Apfeldorf und Forst

Sein Herzblut steckt in der Landwirtschaft. Um so mehr ist er bereit, für seine Zukunft als Bauer zu kämpfen. Mit den grünen Kreuzen wollen er und seine Kollegen ein Zeichen setzen. 28 Exemplare haben sie gebaut und auf Ackerflächen in Birkland, Apfeldorf und Forst aufgestellt.

Auflagen der Politik sind kaum mehr zu erfüllen

„Wir jungen Bauern wollen wieder was anschieben“, sagt Staltmayr. Von der Politik würden sie dabei immer wieder ausgebremst. Die Auflagen, die die Landwirte inzwischen bekämen, seien kaum mehr zu erfüllen, ärgert sich der Jung-Landwirt. „Die machen die kleinstrukturierte Landwirtschaft kaputt.“

Die grünen Kreuze, sie stehen für den stillen Protest. Für immer mehr Landwirte, die die Landwirtschaft aufgeben müssen, weil es sich finanziell nicht mehr ausgeht. Oder weil der Betrieb strenge Auflagen nicht erfüllen kann.

Staltmayr nennt ein Beispiel: In Bayern steht mehr als die Hälfte der Milchkühe in Anbindeställen. Aber die bayerischen Molkereien wollen ab 2021 für Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung weniger bezahlen. „Da werden bei uns viele Bauern aufhören müssen“, fürchtet er.

Handel zahlt  immer geringere Preise für Fleisch und Milch

Hinzu kommt: Die Bauern stehen vielfach unter Druck. Der Handel zahlt immer geringere Preise für Fleisch und Milch. Die Folge: Die Zahl der Höfe sinkt seit Jahren.

Dafür, dass dieses Sterben nicht weitergeht, kämpfen Landwirte nicht nur bei Demonstrationen wie jüngst in Berlin, München oder Memmingen, wo auch einige Landwirte aus dem Landkreis Weilheim-Schongau vertreten waren. Deutschlandweit sollen schon mehr als 10 000 Kreuze aufgestellt worden sein und auch im Weilheim-Schongauer Land werden es immer mehr. Ein stiller Protest gegen das folgenreiche Agrarpaket.

Mitten in der Protestbewegung angekommen ist auch Kristine Asam aus Weilheim. Die 38-Jährige betreibt mit ihrem Mann die Landwirtschaft, die einst ihre Familie aufgebaut hat. Ob sie ihren Kindern empfehlen würde, den Betrieb irgendwann zu übernehmen? „Das weiß ich inzwischen nicht mehr.“

45 Kreuze auch auf Ackerflächen in und um Weilheim

45 Kreuze hat Asam in einer Werkstatt gebaut und zusammen mit anderen Landwirten auf Ackerflächen in und um Weilheim aufgestellt. Kreuze, in denen auch viel Verzweiflung der Landwirte steckt. Verzweiflung darüber, „dass wir als Buhmänner hingestellt werden“.

Bauern klagen: „Wir werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt“

Verzweiflung über eine von der Politik übergestülpte Auflagenflut, „die arbeitstechnisch nicht mehr zu erfüllen ist“. Und Verzweiflung darüber, was der Verbraucher oftmals so lapidar über Landwirte sagt: „Wir Bauern betreiben keinen Raubbau an der Landschaft“, betont Kristine Asam. Denn „nur ein gesunder Boden trägt die Frucht“. Grund und Boden und Existenz, seien in der Landwirtschaft unzertrennbar. Klar, es müsse sich etwas ändern. „Aber dann muss man auch mit uns reden.“ Stattdessen würde über Bauern geredet. „Wir werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.“

Mit der Kreuz-Aktion will man aufrütteln. Auch den Verbraucher. „Der muss aufwachen – und zwar bevor es irgendwann keine Bauernhöfe mehr gibt. Wir arbeiten mit der Natur.“

Auch interessant:

Das hätte böse ausgehen können: Womöglich hat ein Unbekannter die Radmuttern am Wagen eines Peitinger gelockert. Während der Fahrt rollte dem 59-Jährige plötzlich der linke Vorderreifen auf und davon.

Für ziemliches Aufsehen sorgte bei den Stadträten jüngst ein nicht persönlich unterzeichneter Brief von „Fridays for Future“. Schongaus „Rückständigkeit“ solle endlich beendet werden, heißt es darin. Das wollen die Räte nicht auf sich sitzen lassen und „in den Dialog treten“.

Mehr Aktuelles aus der Region lesen Sie hier.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schongau: Posse um Hausnummern
Eigentlich geht es nur um zwei kleine Zahlen: Ein Schongauer Musiklehrer braucht für seine Gewerberäume am Bahnhof einen neuen Stromanbieter. Allerdings haben die beiden …
Schongau: Posse um Hausnummern
Schüler in den Kindergarten? Mutter von drei Kindern geht für Ferienbetreuung in die Offensive
14 Wochen Schulferien pro Jahr stehen sechs Wochen Urlaub pro Elternteil gegenüber. Bestenfalls. Eine junge Schongauer Mutter geht jetzt in die Offensive. Sie findet: …
Schüler in den Kindergarten? Mutter von drei Kindern geht für Ferienbetreuung in die Offensive
Wegen Greta Thunberg: Erwachsene gründen „Parents for Future“-Gruppen - „Jeder muss handeln“ 
Für den Klimaschutz gehen seit Monaten Schüler auf die Straßen. Als „Parents for Future“ unterstützen immer mehr Erwachsene die Demonstranten - nun auch im Landkreis. 
Wegen Greta Thunberg: Erwachsene gründen „Parents for Future“-Gruppen - „Jeder muss handeln“ 
Asam-Nachfolger gesucht: Wer wird neuer Bürgermeister in Peiting? Die Kandidaten im Überblick
Eine Ära geht in Peiting mit der Kommunalwahl im März zu Ende: Nach 24 Jahren im Amt tritt Bürgermeister Michael ASM (SPD) nicht mehr an. Gleich fünf Kandidaten bewerben …
Asam-Nachfolger gesucht: Wer wird neuer Bürgermeister in Peiting? Die Kandidaten im Überblick

Kommentare