Oliver Pötzsch hatte allerlei Anschauungsmaterial wie diese Pestmaske für sein Publikum dabei.
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Oliver Pötzsch hatte allerlei Anschauungsmaterial wie diese Pestmaske für sein Publikum dabei.

Lesung des Erfolgsautors

Oliver Pötzsch erzählt im Schongauer Ballenhaus gruselige Seuchen-Geschichten

Erfolgsautor Oliver Pötzsch ist zu einer Lesung nach Schongau gekommen. Im Gepäck hatte er gruselige Seuchen-Geschichten. Und Anschauungsmaterial.

Schongau – Es dauerte nicht lange, da ging ein Raunen und Schmunzeln durch den Ballenhaussaal. Gelächter folgte. Erfolgsautor Oliver Pötzsch hatte kurz zuvor, eine Plastikratte in den Händen haltend, darüber berichtet, wie im Mittelalter die Pest nach Deutschland gekommen war. Vermutlich sei der Ursprung am Schwarzen Meer zu suchen, konkret beim Reiter- und Kriegervolk der Tartaren, die erstmals von der Seuche befallen worden seien und sie sogar als biologische Waffe eingesetzt hätten – indem sie Menschen, die die Krankheit dahin gerafft hatte, kurzerhand über die Stadtmauern direkt ins feindliche Gebiet katapultierten. Dann sei sie über Österreich nach Bayern eingeschleppt worden. „Kommt Ihnen das bekannt vor?“, fragte er mit verschmitztem Blick – eine nur allzu deutliche Corona-Anspielung, die gleich verstanden und gerne aufgegriffen wurde. Ein spannender und zutiefst unterhaltsamer Abend nahm daraufhin seinen Lauf.

Gleich in zweifacher Hinsicht stand das verflixte Virus im Zentrum der Lesung des 50-Jährigen im Veranstaltungssaal des Ballenhauses. Zum einen, weil auch die kulturverwöhnten Schongauer seit Ausbruch der Pandemie im März dieses Jahres in puncto Veranstaltungen auf Sparflamme gehalten wurden und jetzt regelrecht ausgehungert sind. „Es ist schön, dass wir wieder starten können“, freute sich Veranstalterin Kornelia Funke im nach Corona-Maßstäben voll besetzten Saal. Zum anderen, weil Pötzschs neuester Roman, der inzwischen achte Band der berühmten Henkerstochter-Saga, die Seuche und das Leben in einer seuchengeplagten Zeit selbst auf mehreren Hundert Seiten zum Thema macht.

Pötzschs eigene schaurige Herkunft – zahlreiche seiner Vorfahren waren Scharfrichter – setzte so etwas wie einen Schlussstein auf das Gewölbe aus gruseligen Geschichten, verschrobenen Anekdoten, quirligen Klängen und spannenden historischen Beiträgen. Sichtlich Spaß hatte er am Vorlesen und Erzählen. Kein Zweifel – der Mann, langjähriger Rundfunkredakteur und jetzt freier Schriftsteller – hätte, lebten wir noch im finsteren Mittelalter, seine Ahnenreihe sicher komplettiert und womöglich selbst zum Schwert gegriffen, um irgendeinen Bösewicht seines Kopfes zu entledigen.

„14 meiner Ahnen sind diesem blutigen Handwerk nachgegangen, die meisten davon im bayerischen Schongau“, ließ der Autor nicht ohne Stolz wissen. Und so erfuhren die Besucher so manches, was in den Schulbüchern nicht so lebendig zur Sprache kommt. Zum Beispiel, dass Tinkturen, Pentagramme und Amulette – meist vergebens – gegen die Seuche herhalten mussten, dass der Pestfloh als Krankheitsüberträger irgendwann auf den Menschen übergesprungen ist, weil das Blut der Ratte seinen Mund verklebte und als „Nahrungsquelle“ nicht mehr zur Verfügung stand. Dass der Beruf des Henkers wie kein anderer mit Legenden und Vorurteilen behaftet ist und dass es überaus ehrbar war, in Zeiten, in denen rücklings gemeuchelt wurde, dem Tod bisweilen ein Schnippchen zu schlagen – indem der Scharfrichter zur Waffe griff.

Umrahmt wurde der gelungene Abend im Ballenhaus mit mittelalterlicher Musik: Valentin Schmitt und Veronika Rüfer untermalten die Passagen witzig und mit viel Gespür für skurrile mittelalterliche Befindlichkeiten mit Renaissance-Instrumenten. Ein echtes Gänsehauterlebnis. Die Zuschauer dankten es mit Applaus, eine Zugabe blieb ihnen leider nicht vergönnt. Dafür gab’s beim Rausgehen für alle ein Freibier.

RAFAEL SALA

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