+
„Sich nicht zu melden oder zurückzurufen und Termine nicht einzuhalten, geht gar nicht“: Kreishandwerksmeister Stefan Zirngibl.

Der Fluch des Handwerker-Booms

Warum kommt kein Handwerker zu mir? Insider klärt auf - und übt Selbstkritik

  • schließen

Sie brauchen einen Handwerker? Ganz dringend? Der geht aber nicht mal ans Telefon? Wir sprechen mit einem Insider im Oberland über die Probleme der Firmen und ein Stück Selbstkritik.

Eine kleine Umfrage allein unter den Kollegen der Redaktion ergab folgende Erfahrungen in diesem Jahr:

  • Ein Gartenbauer kam drei Mal nicht zum vereinbarten Termin, obwohl sich der Kollege extra frei genommen hatte.
  • Ein anderer Gartenbauer konnte nur an einem Sonntag um 7.30 Uhr und legte dann ein völlig überteuertes Angebot für eine Hecken-Neupflanzung vor (letztlich wurde der Auftrag von einer anderen Firma für ein Drittel der Summe erledigt)
  • Ein Heizungsbauer hatte es in einem halben Jahr nicht geschafft, ein Angebot abzugeben.
  • Ein anderer Handwerker hat seine Rechnung nie gestellt.
  • Ein Handwerker hatte sich nach abgegebenem Angebot nie wieder gemeldet und war auch nicht zu erreichen.

Nur Zufall?

Herr Zirngibl, wenn man die Erfahrungen nur aus dem Kollegenkreis zusammenfasst, denkt man sich, Handwerkern liegt an Kleinaufträgen von Privatpersonen nichts.

Zirngibl: Dieses Pauschalurteil trifft so sicher nicht zu. Dennoch muss man folgendes berücksichtigen: Kleinaufträge, in der Regel Reparaturen aller Art, tragen zum wirtschaftlichen Gesamtergebnis eines Handwerksbetriebes nur einen ganz kleinen Teil bei. Der Aufwand für die Abwicklung solch einer Arbeit übersteigt meistens den erzielbaren Ertrag und bindet zudem einen nicht unerheblichen Zeitanteil des Betriebsinhabers.

Arbeiten dieser Art mehr und mehr als Serviceleistung gesehen

Wir Handwerksmeister betrachten die Erledigung dieser Art von Arbeiten mehr und mehr als Serviceleistungen für unsere Kunden, also in Hinblick auf Kundenzufriedenheit, Kundenbindung und sicher auch in der Hoffnung, dass ein Kunde, den wir bei kleinen Arbeiten gut bedienen, vielleicht auch einmal mit einer größeren Arbeit zu uns kommt. Mein Vater hat zu mir immer gesagt: „Wenn du dir einmal für eine kleine Arbeit zu schade bist, ist das der Anfang vom Ende!“ Das beherzige ich seit Jahrzehnten und sage dies auch immer wieder meinen Handwerksmeistern.

In unserem täglichen, termingebundenen Arbeitsablauf können wir Kleinaufträge nicht immer sofort oder zeitnah erledigen. Wichtig wäre, wenn die Handwerksmeister ihren Kunden gegenüber Zeitabläufe und Termine so genau wie möglich kommunizieren. Dann werden „Stresssituationen“ auf beiden Seiten minimiert.

Wie erklären Sie sich, dass so oft Termine nicht eingehalten werden?

Zirngibl: Die Ursachen dafür sind oft ganz banal: Der Handwerksmeister macht am Donnerstag oder Freitag die Fertigungs- und Montagetermine mit seinem Kunden für nächste Woche aus, alles ist vorbereitet, alle Termine stehen. Montag früh meldet sich ein Mitarbeiter krank, weil er sich am Sonntag ein dickes Knie beim Fußballspielen eingehandelt hat. In dem Moment ist zumindest ein Teil der Terminplanung Makulatur. Kommt noch eine Notfallreparatur (z.B. ein verklemmtes Garagentor) dazu und eventuell am Dienstag ein weiterer Mitarbeiter mit „Männerschnupfen“, dann ist die Terminplanung für eine ganze Woche obsolet. Ist ein Mitarbeiter länger als eine Woche krank geschrieben, zieht sich dieses Problem in die nächste und übernächste Woche.

Wichtig, dass den Kunden eine Verzögerung so schnell als möglich mitgeteilt wird

Oder der Handwerksmeister hat für einen Auftrag zusätzliche Bauteile von einem anderen Lieferanten bestellt, die trotz unterschriebener Auftragsbestätigung mit Angabe des Liefertermins nicht geliefert werden – der ausgemachte Termin beim Kunden platzt. Ich könnte noch eine Vielzahl solch widriger Umstände aufzählen, allein das hilft dem Kunden natürlich nichts. Wichtig für meine Handwerksmeister wäre hier, dass sie ihren Kunden dies so schnell als möglich mitteilen und dabei verbindlich sagen können, wann der Kunde mit der Erledigung seines Auftrags rechnen kann.

Mundpropaganda ist nicht zu unterschätzen – Betriebe, die sich nie melden oder Termine nicht einhalten, werde ich sicher nicht weiterempfehlen. Ist den Firmen das egal, weil momentan der Laden sowieso läuft?

Zirngibl: Es ist sicher richtig, dass wir Handwerksmeister seit mehreren Jahren am Limit unserer Arbeitskapazitäten sind und die Auftragslage mehr als gut ist. Aber sich nie zu melden oder zurück zu rufen oder Termine nicht einzuhalten, geht gar nicht. Das ist für keinen Handwerksbetrieb ein Aushängeschild und wird sich in „schlechten Zeiten“ unweigerlich rächen.

Aber auch hier sollte man folgendes berücksichtigen: Über 80 Prozent unserer Handwerksbetriebe haben weniger als sieben Mitarbeiter, das heißt, der Betriebsinhaber, der Meister, arbeitet selbst in der Werkstatt und auf den Baustellen mit. Er ist also untertags so gut wie nicht im Büro. Die Mobiltelefone sind zumindest auf den Baustellen ausgeschaltet, wir können nicht alle fünf Minuten unsere Arbeit unterbrechen, sonst werden wir überhaupt nicht mehr fertig. Am späten Nachmittag kommen wir zurück, müssen noch die Arbeitsvorbereitung für den nächsten Tag machen, das ein oder andere gilt es noch mit den Mitarbeitern zu besprechen und Werkzeug und Material müssen auch noch aufgeladen werden.

Handwerker sind keine Industriefirmen

Dann Büro: Der Anrufbeantworter ist voll, der Mail-Account ebenso. Beim ersten Kunden Mailbox, beim zweiten auch, und wenn die wichtigsten Mails beantwortet sind, ist man bereits mindestens zehn Stunden im Betrieb. Ich will an dieser Stelle sicher nicht jammern, aber vielleicht für ein wenig Verständnis werben: Wir Handwerker sind keine Industriefirmen, wir fertigen keine Serienteile, wir erledigen nach wie vor zum Teil ausgefallendste Kundenwünsche, immer aber Einzelanfertigungen – und das dauert mitunter auch einmal etwas länger. Dennoch gilt auch hier: Eine entsprechende Kommunikation mit dem Kunden ist unerlässlich.

Sind Personalprobleme mit ein Grund, dass es in den Betrieben manchmal nicht rund läuft?

Zirngibl: Ja, natürlich auch. Gute Facharbeiter in den verschiedenen Handwerken sind praktisch nicht zu bekommen, der Markt ist nahezu leer gefegt. Deshalb sind wir Handwerker ja auch an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit bei der Bewältigung der vielen Aufträge angelangt. Interessant zu wissen ist vielleicht, dass das Handwerk insgesamt etwa 32 Prozent aller Lehrlinge ausbildet, aber nur etwa 15 Prozent dem Handwerk erhalten bleiben. Unsere bestens ausgebildeten Junghandwerker sind begehrt zum Beispiel bei der Bundeswehr, bei den verschiedenen Gemeindewerken, Bauhöfen, Industrie- und Großbetrieben. Hier wird abgeworben zum Teil mit Lohnversprechen, die wir Handwerker einfach nicht bezahlen können. Spannend wird es sicherlich wieder, wenn die großen Firmen tausende von Mitarbeitern „freistellen“, denn eines gilt bei uns Handwerkern nach wie vor: Arbeitsplätze im Handwerk sind krisensicher.

Kurios: Manchmal werden sogar Rechnungen spät oder gar nicht gestellt. Hängt das mit der Bürokratie zusammen oder ist das schlicht Schlamperei?

Zirngibl: In den meisten Handwerksbetrieben arbeiten die Ehefrauen mit – für uns Handwerksmeister unverzichtbar. Unsere Frauen erledigen in der Regel die Bankgeschäfte, die Buchhaltung, die Lohnbuchhaltung und vieles mehr, natürlich neben der üblichen Hausarbeit und der Betreuung und Versorgung der Kinder. Die Angebote und natürlich auch die Rechnungen müssen allerdings von uns Handwerksmeistern zumindest vorgeschrieben werden, da unseren Frauen der technische Hintergrund fehlt. Offen gestanden: Vielleicht ist der ein oder andere Handwerksmeister mit einem Zwei- oder Drei-Mann-Betrieb ab und zu einfach zu müde, macht nur das Dringendste und lässt eine kleine Rechnung einmal liegen, merkt es dann nach geraumer Zeit und schämt sich, eine verspätete Rechnung zu stellen. Und ja, dazu noch die immer weiter steigenden Lasten einer völlig ausufernden Bürokratie, die unsere Arbeitszeiten Jahr um Jahr mehr bindet. Seit Jahren wird uns Handwerkern von der großen Politik versprochen, kleine und mittlere Unternehmen zu entlasten, und jedes Jahr kommen wieder ein paar „Schmankerl“ dazu. Aber das wäre ein eigenes Thema.

Wie denken Sie, wird es weitergehen: Bleibt es beim Personalmangel, wie wird sich die Konjunktur entwickeln und mit welchen Auswirkungen für die Handwerker?

Zirngibl: In meinem Amtsbezirk als Kreishandwerksmeister, der die Landkreise Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen umfasst, sprechen wir jedes Jahr alles in allem etwa 500 Lehrlinge frei, das heißt, sie sind dann Facharbeiter. Das ist ein sehr gutes Ergebnis, welches dem großartigen Engagement meiner Obermeister und meiner ausbildenden Handwerksmeister zu verdanken ist. Gleichwohl könnten wir natürlich noch wesentlich mehr Facharbeiter gebrauchen. Bleibt das Auftragsvolumen auf dem derzeitigen Niveau, werden wir auch in den kommenden Jahren einen gewissen Personalmangel im Handwerk haben.

Konjunktur für Handwerker dürfte stabil bleiben

Betrachten wir den großen Bedarf an Wohn- und Gewerberaum, insbesondere hier im Oberland, dürfte in den kommenden Jahren die Konjunktur für uns Handwerker stabil bleiben. Der Investitionsbedarf der Kommunen spielt hier sicher auch eine große Rolle. Sollte allerdings das Auftragsvolumen der großen Firmen in einem Maße zurück gehen, dass es zu massiven Entlassungen von Mitarbeitern kommt, wird das Handwerk dies im Privatkundengeschäft spüren. Sollten die Zinsen für Darlehen um zwei oder drei Prozentpunkte steigen, werden wir Handwerker auch diesen Umstand zu spüren bekommen. Derzeit sind die „Ampeln auf grün“ und wir blicken optimistisch ins neue Jahr 2020.

Herr Zirngibl, vielen Dank für das Gespräch.

Zirngibl: Darf ich noch einen kleinen Hinweis geben?

Aber sicher.

Zirngibl: Es ist für private Auftraggeber, also Kunden, sicher sehr hilfreich, sich im Bekannten- und Verwandtenkreis einmal umzuhören, mit welchen Handwerksfirmen man zufrieden ist und welche Betriebe die bei ihnen beauftragten Leistungen auch korrekt erledigt haben. Dann wird man relativ wenig unangenehme Überraschungen erleben und für meine Handwerksmeister hat das sicher auch einen gewissen erzieherischen Wert. Überall werden Fehler gemacht, es sollten halt möglichst wenig sein. Aber wenn jemand behauptet, keine Fehler zu machen, gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder er arbeitet nichts oder er lügt. In diesem Sinne darf ich alle Kunden unserer Handwerksfirmen um etwas mehr Verständnis und Toleranz bitten und meinen Handwerksmeistern eine bessere Kommunikation mit ihren Kunden ans Herz legen.

Die Fragen stellte

Boris Forstner

Lesen Sie auch: Alle Jahre wieder: Was gehört zum Fest der Liebe unbedingt dazu?

Auch interessant: Boneberger-Spendenaktion: Weihnachtsüberraschung schon vor dem Fest

Wer zersticht Reifen von einem sozialen Essenslieferdienst? Diese Frage stellt man sich in Peißenberg. Die Täter haben bereits sechs Mal zugeschlagen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Jugend forscht“: Schongau geht diesmal leer aus
Traurige Gesichter gab es bei den Schülern aus Schongau, denn diesmal war  keiner unter den Siegern von „Jugend forscht“ und „Schüler experimentieren“.
„Jugend forscht“: Schongau geht diesmal leer aus
Trotz Hausverbot: Schongauer  Supermarkt-Mitarbeiter werden 28-Jährigen nicht los
Ein kurioser Ladendiebstahl hat am Dienstag die Schongauer Polizei beschäftigt. Denn der Täter war unverbesserlich - und kreuzte letztlich drei Mal im selben Geschäft …
Trotz Hausverbot: Schongauer  Supermarkt-Mitarbeiter werden 28-Jährigen nicht los
Musiker sind sauer auf Oberländer Trachtler: „Die meinen, sie sind die Götter der Nation“
Harsche Kritik an den Trachtlern, vier neue Ehrenmitglieder, ein neuer Sponsor, die Vergabe des Bezirksmusikfests 2023 und immer noch kein Geschäftsführer. Bei der 68. …
Musiker sind sauer auf Oberländer Trachtler: „Die meinen, sie sind die Götter der Nation“
Experimente: Wo die Banane auf die Platine trifft
Es ist das 16. Mal, das sich Schüler in Schongau mit der Firma Hoerbiger als Pate an die großen Themen der Zukunft und die Rätsel unserer Zeit wagen.
Experimente: Wo die Banane auf die Platine trifft

Kommentare