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Herr Schneider will doch einfach nur fernsehen . . .

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Von: Barbara Schlotterer-Fuchs

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Hubert Schneider vor seinem High-Tech-Fernseher, mit dem er aber einige Programme gar nicht, andere nur in sehr schlechter Bildqualität empfangen kann.
Hubert Schneider vor seinem High-Tech-Fernseher, mit dem er aber einige Programme gar nicht, andere nur in sehr schlechter Bildqualität empfangen kann. © Schlotterer-Fuchs

Hubert Schneider und seine Frau Anni möchten seit drei Jahren einfach nur eines: Fernseh schauen. Wir berichten von einer Odyssee zum Rentner-Fernseh-Glück, die noch immer nicht beendet ist.

Schongau – Morgens um 8 Uhr richtet Hubert Schneider (83) das Frühstück. Seine Frau Anni (81) macht sich in der Zeit im Bad fertig. Dann wird gekocht. Mittagessen gibt es um 11.30 Uhr. Nach einer Ruhepause geht es um 13.30 Uhr zum Spazieren. Täglich. Zwei Stunden. Immer. Egal bei welchem Wetter. Brotzeit um 18 Uhr. „Dann ist Feierabend“, erzählt Hubert Schneider.

Im Wohnzimmer steht der „Stressless“-Relax-Sessel bereit. Allerdings: Das abendliche Fernseh-Freizeit-Vergnügen stresst den Rentner und seine Gattin seit drei Jahren mehr, als das der Relax-Sessel ausgleichen kann. Krisel-Bild statt klare Kante ist angesagt. Am Fernseher liegt es übrigens nicht.

Im Oktober 2018 beginnt die Odyssee

Rückblick: Es ist Oktober 2018. Der Fernseher von Familie Schneider gibt den Geist auf. Lange genug hatten sie die alte Röhre und wollten fürs abendliche Fernsehvergnügen etwas Ordentliches. Die neuste Technik sollte es sein. Mit integriertem Receiver und HD für eine tolle Bildtechnik. Gesagt, getan. Mit dem Kauf eines High-End-Geräts bei einem Fachgeschäft in Schongau beginnt die „Unendliche Geschichte“.

„Ich habe das Gerät geholt, hingestellt, angeschlossen – keine Signale. Durchgecheckt von oben bis unten“, erzählt der super-fitte Rentner. Nichts zu finden. Zurück im Fachgeschäft. „Die haben mich angekuckt als wäre ich blöd.“ Es wird nicht der letzte Besuch im Laden sein, in dem er das Top-Gerät gekauft hat – das Neueste vom Neusten. Mehrere Male fährt er ins Geschäft. Ein Mitarbeiter des Geschäfts kommt zu ihm nach Hause. Immer wieder das Gleiche: Im Geschäft läuft der Fernseher, bei Herrn Schneider in der Wohnung ist tote Hose.

Ein Handwerker weiß Rat - die Sache hat aber einen Haken

Diverse Handwerker bemüht Hubert Schneider über Wochen hinweg. Keiner weiß eine Lösung. Einer findet in der Wohnung der Nachbarin heraus – sie hat das gleiche TV-Gerät: Es fehlt ein kleiner Stecker zwischen Fernseher-Kabel und Antennen-Kabel. Alleine: Den bekommt Herr Schneider nirgendwo.

Doch! Einen Laden gibt es. Der Installateur der Haus-Antenne gibt grünes Licht fürs Fernsehvergnügen – inzwischen sind Monate vergangen, in denen die Schneiders aufs TV-Programm verzichten mussten. Allerdings: Soll er in der Angelegenheit aushelfen, so soll auch das Gerät bei ihm gekauft werden.

Moderne Geräten laufen nicht mit der alten Antenne des Wohnblocks

Schneider ist sauer. Aber macht mit. Gibt das funktionierende Gerät zähneknirschend beim ersten Fachhändler ab. Kauft dasselbe beim zweiten Fachhändler. Was tut man nicht alles für die liebe Glotze.

Der neue Fernseher kommt, wird angeschlossen – inklusive Zwischenstecker, der die Kiste endlich zum Laufen bringen soll. Es stellt sich jedoch heraus: „Hochmoderne Geräte laufen nicht an der Antenne“, die in dem Wohnblock an der Wilhelm-Köhler-Straße mindestens 18 Haushalte versorgt. „Das Bild war milchig, schlimmer als bei unserem alten Fernseher.“ Nicht gerade das, was man sich nach dem Kauf des besten HD-Geräts auf dem Markt vorstellt.

Problem ist einpolige Anlage

Es stellt sich heraus: Der ganze Wohnblock kann sich getrost HD-Geräte kaufen, Empfang dafür gibt es allerdings keinen. „Die Antennen-Anlage ist nicht darauf ausgelegt, es ist eine einpolige Anlage“, weiß Schneider zu berichten. Er muss es wissen, schließlich war er mehr als 26 Jahre Hausmeister der Anlage. Einpolig will heißen: Ein Kabel für seine Wohnung, darüber und darunter. „Wenn ich etwas am Kabel rumfummel, dann haben die drüber unter drunter keinen Empfang.“

Schneider schildert seinen Schmerz per Post bei der Hausverwaltung. In der Eigentümerversammlung wird das Vorhaben seinen Informationen zufolge abgelehnt. Dabei will er es nicht belassen, wendet sich mehrfach – auch persönlich – an die Hausverwaltung. Dort, so erzählt er, soll ihm der Chef gar persönlich die Tür vor der Nase zugeschlagen haben. Inzwischen sind fast zwei Jahre ins Land gegangen.

Statt Bewunderung herrscht Verwunderung

Immer noch sind die Schneiders im Besitz eines HD-Hightech-Fernsehers. Immer noch darf das Rentner-Ehepaar Tag für Tag ein eher kriseliges Bildvergnügen bewundern. Statt Bewunderung herrscht bei Schneider vor allem Verwunderung: Wie kann es sein, dass er für einen Anschluss sein Gerät bei einem bestimmten Händler erwerben muss? Und wie kann es sein, dass der Rentner als Mieter von einer Hausverwaltung und einer Eigentümergemeinschaft einfach ungehört bleibt? In einem Brief an die Verwaltung hat es der 83-Jährige so formuliert: „Fernsehen gehört zum Kulturgut eines jeden und ist kein Luxus mehr. Ich möchte an diesem Kulturgut teilhaben.“

Bislang blieben alle Rufe von Hubert Schneider ungehört. Das ranzige Sahnehäubchen kommt jetzt, nach fast drei Jahren, zum Schluss: Einige Sender, darunter WDR oder auch ZDF alpha, senden nicht mehr digital, sondern nur noch per HD. Der Bildschirm bei Herrn Schneider bleibt blau. Der Text: „Bitte wenden Sie sich an den Netzbetreiber oder die Hausverwaltung.“

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