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Die Abiturfeier im Welfengymnasium konnte Barbara Niese (Mitte) dank des Einsatzes der beiden Gebärdensprachdolmetscher im vollen Umfang verstehen und sich mit ihrer Tochter freuen.

Interview 

Schongauerin genießt, ohne zu hören

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Ein ungewohntes Bild bot sich den Besuchern der diesjährigen Abiturfeier im Schongauer Welfengymnasium: Mit dem Rücken zur Bühne saßen zwei Frauen im Publikum und übersetzten einer dritten in Gebärdensprache, was auf der Bühne gesprochen wurde. Die taube Frau heißt Barbara Niese, und sie genoss die Abschlussfeier ihrer Tochter in vollen Zügen.

Die Schongauerin, die als Vierjährige durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör verlor, setzt sich auch für andere Gehörlose ein. Trotz Inklusion und technischem Fortschritt sieht die 51-Jährige für sich und ihre Mitstreiter noch viel Verbesserungsbedarf im täglichen Leben – auch in Schongau.

-Frau Niese, Sie hatten sich zur Abiturfeier ihrer Tochter zwei Gebärdensprachdolmetscher mitgebracht. Was war es für Sie für ein Gefühl, diese Veranstaltung so hautnah erleben zu können?

Es war für mich inklusiv und gleichwertig. Weil ich die Lautsprache nicht wahrnehmen kann, konnte ich dank Gebärdensprachdolmetscher allem folgen, lachen und applaudieren.

-Warum waren es zwei Dolmetscher?

Wenn der Einsatz länger als 1,5 Stunden dauert, muss es in der Regel mit zwei Dolmetschern gemacht werden. Wissenschaftliche Studien belegen, dass nach einer Zeit vonzirka 60 Minuten die Leistungsfähigkeit nachlässt und zunehmend Übersetzungsfehler auftreten können.

-Engagieren Sie öfter Gebärdensprachdolmetscher? Und wenn ja, zu welchen Gelegenheiten?

Je nach Bedarf rufe ich auch für den Arztbesuch oder das Berufsleben den Dolmetscherdienst an. Die Gebärdensprachdolmetscher kommen auch zu den Sitzungen des Beirats für Menschen mit Behinderungen. Ich gehöre zum Vorstand.

-Woher kommen die Dolmetscher, was kosten sie und wer übernimmt die Kosten?

Die Dolmetscherinnen, die bei der Abifeier im Einsatz waren, kommen aus Augsburg beziehungsweise Fürstenfeldbruck. Sie verlangen zwischen 55 und 75 Euro pro Stunde, je nach Kostenträger. Dazu kommen noch Fahrzeit und Fahrtkosten.

-Wer sind die Kostenträger?

Es gibt verschiedene Kostenträger. Im Gesundheitsbereich ist es zum Beispiel die Krankenkasse. Neu ist nach einem Beschluss des Gerichts, dass das Krankenhaus die Kosten für den Gebärdensprachdolmetscher bei einem stationären Aufenthalt übernimmt. Im Berufsleben ist das Inklusionsamt zuständig, während Elternabend, Elternsprechtag im Kindergarten oder Schule vom Bezirk Oberbayern übernommen wird. Das Dolmetschen bei der Abifeier hat auch der Bezirk übernommen.

-Übernehmen die Kostenträger die Bezahlung immer ohne Weiteres?

Wer als Hörgeschädigte studieren und ausgebildet werden möchte, für den ist der Bezirk Oberbayern zuständig. Kämpfe um Bestätigungen und Ärger sind dann vorprogrammiert. Weitere Beispiele dafür sind der Besuch der Regelschule, des Gerichts, der Polizei, im Amt und in der Behörde. Schlussendlich muss man vieles selber zahlen. In meinem Fall scheitert es an Einkommens- und Vermögensgrenzen. Wer an der Armutsgrenze lebt, bekommt Sachleistungen für die Dolmetscher. Das finde ich lächerlich, wo doch Inklusion ganz groß geschrieben wird. Ab 2020 steigt mit dem Bundesteilhabegesetz die Vermögensgrenze, das Einkommen aber nicht. Das kann man gleich vergessen!

Barbara Niese ist Vorstandsmitglied im Beirat für Menschen mit Behinderung.

-Wie können wir uns Ihren beruflichen Alltag vorstellen?

Ich arbeite als Technische Zeichnerin bei ept in Buching. Zu Betriebsversammlungen, Teambesprechungen und anderen Terminen kommt die Dolmetscherin. Ich habe dafür das Budget vom Inklusionsamt, bei der Beantragung muss ich den Bedarf angeben. Technische Hilfsmittel benötige ich nicht. Ich erledige meine Aufgaben am PC selbstständig und schreibe viele Emails. Ich arbeite schon seit 13 Jahren dort, mit den Kollegen klappt die Kommunikation immer besser.

-Und wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus?

In meiner Wohnung ist mit offener Küche, offenem Wohnzimmer sowie der Ausstattung mit Blitzlampen statt Klingeln und Rauchmeldern alles barrierefrei. Dank Blitzlampe und Vibrationswecker verschlafe ich auch nie.

-Wie kommunizieren Sie in der Familie? Beherrschen alle die Gebärden-Sprache?

Meine Tochter beherrscht die Gebärdensprache. Vom Babyalter an kommuniziere ich mit ihr so. Schon mit neun Monaten konnte sie mir sagen, wenn sie schlafen, trinken oder essen wollte. Sie hatte sehr wenig geschrien und wartete erst meinen Augenkontakt zu ihr ab. Meine Tochter ist CODA (Anm.d. Redaktion: eine internationale Organisation für die hörenden Kinder von gehörlosen Eltern – Children of deaf adults), so wie viele Kinder auf der ganzen Welt, die gehörlose Eltern haben. Eine der Dolmetscherin bei der Abifeier ist auch CODA.

-Haben Sie auch andere Verständigungsmöglichkeiten?

Ja. Mit meinen Eltern kommuniziere ich in der Lautsprache, ein sicheres Verständnis gibt es da aber nicht zu 100 Prozent. Vor 40 Jahren wurde die Gebärdensprache nicht gerne gesehen. Pädagogisch wurde damals das Lippenlesen und die Lautsprache empfohlen. Heute kann man sagen, dass das der falsche Weg war. Denn bei Wörtern wie Butter/Mutter, Geh heim/geheim oder Gabel/Kabel kann ich gar nicht sicher sein, was da gerade gesagt wird.

-Wenn Sie zurückblicken: Was hat sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren für Gehörlose im Alltag allgemein verbessert?

Im Jahr 2002 wurden die deutsche Gebärdensprache anerkannt und nach und nach Barrieren abgebaut. In der Schule wird vermehrt mit der Gebärdensprache unterrichtet. In meinem Fall war es vor 30 Jahren nicht so. Meine Bildung war ohne Gebärdensprache schleppend, doch ich habe einen sehr guten Realschulabschluss gemacht. Heute können gehörlose Menschen das Abitur machen, studieren, und einige tragen sogar einen Doktortitel.

-Inwieweit war der technische Fortschritt dabei hilfreich?

Dank Technik wie WhatsApp, Facetime oder Skype können Sie per Video in der Gebärdensprache kommunizieren. Früher musste man einen Brief schreiben, dann kam das Schreibtelefon und später das Fax. Im Fernsehen werden Untertitel deutlich spürbar ausgebaut, 100 Prozent sind es aber nicht. Vieles ist noch lücken- und fehlerhaft. Das hat meine Tochter festgestellt. Es wird anders geschrieben als gesprochen. Die Einblendungen der Gebärdensprachdolmetscherin ist mit weniger als fünf Prozent auch immer noch viel zu wenig. Sogar in Schwellenländer ist man uns da noch weit voraus.

-Wo sehen Sie speziell in Schongau noch Verbesserungsbedarf?

Ich wünsche mir Barrierefreiheit auf Veranstaltungen und bei öffentlichen Sitzungen im Rathaus. Kürzlich war mein ebenfalls gehörloser Freund auf dem Stand Up Paddle Board am Lido unterwegs, er konnte die laute Durchsage der Wasserwacht zur Gewittergefahr nicht wahrnehmen. Ein Lichtsignal am Steg wäre lebensnotwendig. Und ich liebe die Henkerstochter-Romane. Manchmal werden Lesungen oder Stadtführung angeboten, mit Gebärdendolmetschereinsatz wären sie barrierefrei.

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