Bei dem Theaterstück „Mord für Millionen“ boten die Akteure auf der Bühne hervorragende Leistungen.

Welfen-Gymnasium Schongau

Konjunktur für eine Leiche: „Mord für Millionen“

Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ hat die Theatergruppe der Q11 am Welfen-Gymnasium in Schongau auf die Bühne gebracht. Und auch die Handlung nach Schongau verlegt.

Schongau – Ein interessantes Gedankenexperiment: Wie würden die Bürger Schongaus sich entscheiden, wenn eine, die einst entehrt die Stadt verlassen musste, nach vielen Jahren als reichste Frau der Welt zurückkäme und nunmehr mit einem unmoralischen Angebot „Gerechtigkeit“ einfordern würde? Dies ist die Ausgangslage von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“, welche die Theatergruppe der Q11 des Welfen-Gymnasiums mit ihrer Lehrerin Elisabeth Priewich unter dem Titel „Mord für Millionen“ kurzerhand aus der fiktiven Kleinstadt Güllen nach Schongau verlegt hat, das in dem Stück wirtschaftlich am Boden liegt.

Alfred Ill hatte vor vielen Jahren Klara Wäscher geschwängert, die Vaterschaftsklage aber mit Hilfe von zwei bestochenen Zeugen abgewehrt. Er blieb Zeit seines Lebens in Schongau, heiratete und wurde Krämer. Die junge Frau aber fuhr hochschwanger nach Hamburg und wurde dort zu einer Dirne; das Kind war ihr gleich nach der Entbindung von der Fürsorge weggenommen worden und bald darauf gestorben. Ein alter armenischer Multimilliardär heiratete sie, so dass ihr als dessen Erbin fast unbegrenzte materielle Mittel zur Verfügung stehen.

In ihre alte Heimat zurückgekehrt, bietet sie nun der Stadt und ihren Bürgern eine Milliarde, wenn Alfred Ill getötet werde. Dies ist der letzte Teil ihres Racheplans: den damaligen Richter hat sie sich für eine „phantastische Besoldung“ als Diener gekauft, die beiden falschen Zeugen in Kanada und Australien aufspüren und von zwei auf ihr Betreiben hin begnadigten Gangstern kastrieren und blenden lassen.

Wie die ganze Stadt hatte auch Alfred Ill gehofft, dass seine Jugendliebe die wirtschaftlichen Probleme der Stadt beheben würde. Die damit verbundene Bedingung entsetzt die Bürger jedoch derart, dass das Angebot zunächst abgelehnt wird.

Die anfängliche Solidarität schwindet allerdings rasch. Mit der Aussicht auf künftigen Wohlstand beurteilen seine Mitbürger das damalige Verhalten Ills zunehmend kritischer. Immer deutlicher wird ihm klar, dass einer von ihnen zur Tat schreiten wird. Gleichzeitig findet aber auch eine innere Entwicklung statt: Er erkennt, dass er durch sein Fehlverhalten Unrecht getan hat, verzichtet auf die Verwirklichung eines Fluchtplanes und ist schließlich auch bereit, die Konsequenzen zu tragen. So akzeptiert er auch den Entscheid der Bürgerversammlung, in der alle übrigen Anwesenden für die Annahme der Milliardenstiftung votieren, was gleichzeitig (für die Öffentlichkeit nicht erkennbar) sein Todesurteil bedeutet: „Schongau für einen Mord – Konjunktur für eine Leiche!“

Die Stadtbewohner, aufgeteilt in drei Chöre (in Anlehnung an antike griechische Tragödien), tragen in der letzten Szene in unwirklich-unmenschlich kaltem, blauen Licht das hohe Lied der Kultur und Humanität vor, das allerdings zu einem Loblied des materiellen Wohlstands gerät – schließlich haben sie sich kaufen lassen.

Spätestens da wird deutlich, was die Spielleiterin Elisabeth Priewich so formuliert: „Dürrenmatt war es wichtig zu zeigen, dass der Lack der Humanität sehr, sehr dünn ist und ganz leicht abgekratzt werden kann.“

Vorzüglich gelingt es dem sicher spielenden Ensemble, diese Botschaft den Zuschauern in der gut gefüllten Neubauaula des Gymnasiums zu vermitteln. Dennoch sind einige Leistungen besonders hervorzuheben: Zu allererst natürlich Loki Forster, die die Claire Zachanassian als unbewegte, eiskalte Rächerin spielt, ihr dabei aber auch – wie von Dürrenmatt selbst vorgegeben – einen bösartigen Charme verleiht. Johannes Hülmeyer macht in der Rolle des Krämers Alfred Ill dessen Wandlung und inneren Kampf deutlich: vom zunächst gedankenlosen Mannsbild hin zum Helden, der durch seinen Tod seine Schuld anerkennt und annimmt.

Das komische Element wird gleich zu Beginn des Stücks durch Markus Thoma ins Spiel gebracht, der als Zugführer zunächst aufbrausend reagiert; vom Bürgermeister (Tobias Thiele) auf die Identität der Milliardärin hingewiesen, kann er sich in der Folge vor Unterwürfigkeit gar nicht mehr bremsen. Von den weiteren Rollen sticht Amelie Sänger hervor, die sich als Lehrerin lange bemüht, einen Rest von Humanität zu bewahren. In ihrer Gestik und Mimik stellt sie überzeugend dar, wie sie sich zusammen mit der Ärztin (Lara Croll) noch als Fürsprecherin Ills versucht, aber resignieren muss, ihre Zweifel mit Alkohol betäubt und schließlich ihren Schuldspruch gleichfalls mit humanitären Argumenten begründet.

Text/Foto: Helmut Bernhardt

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