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Die letzte Ausgabe der Schongauer Nachrichten bei Kriegsende, die vom 25. April 1945, haben Lidwina und Hermann Hefele auf dem Speicher ihres Hauses in Apfeldorf gefunden.

Schatz auf Speicher in Apfeldorf entdeckt

Schongauer Nachrichten wurden am Kriegsende doch länger produziert: Letzte Ausgabe am 25. April 1945

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Auch eine Staatsbibliothek kann irren: Als unser Autor Rainer Schmid seinen Beitrag zum Kriegsende verfasste, erhielt er von dem Institut die Information, dass am 16. April 1945 die letzte Ausgabe der Schongauer Nachrichten erschienen sei. Nun stellte sich heraus: Das Blatt wurde länger produziert.

Apfeldorf/Schongau – Das Haus verliert nix, sagt der Volksmund. Jedenfalls nicht bei den Hefeles, die in Apfeldorf das alte Uhrmacherhaus bewohnen. Als Hermann Hefele (88) den Rückblick über das Kriegsende in der Heimatzeitung las, dachte er: „Das kann wohl nicht ganz stimmen.“

Auf seinem Speicher ist nämlich so einiges an Zeitgeschichte verstaut, säuberlich in Kisten verstaut. Darunter auch einige mit alten Ausgaben der Schongauer Nachrichten. Beim Stöbern stellte sich heraus: Die Zeitung wurde tatsächlich noch neun Tage länger, bis zum 25. April 1945, produziert. Der Inhalt: „Propaganda, dass es ganz aus ist“, sagt Hefele.

Zeitungen verblieben über Jahrzehnte auf dem Speicher der Hefeles

Dazu muss man wissen, dass Julius Schopp, der Vater von Hefeles Ehefrau Lidwina, ein am Zeitgeschehen interessierter Mensch war. „Wir hatten sechs Zeitungen zu Hause“, erinnert sich die 84-Jährige. Darunter Imkerzeitungen und Fachzeitschriften für Uhrmacher. Für diese, so Lidwina Hefele, sei er damals bis nach Denklingen gefahren, um sie binden zu lassen.

Und die Zeitungen verblieben über die Jahrzehnte auf dem Speicher. „Auch, weil meine Frau ein politisch interessierter Mensch ist“, so Hefele, habe man das nicht weggeworfen.

Säuberlich archiviert und in Kartons verpackt lagern die Ausgaben der SN auf dem Speicher der Hefeles. 

Die letzten Ausgaben der Zeitung von 1945 sind mit Durchhalteparolen, antisemitischem Hass und vorgeblichen Siegestaumel gefüllt – am Ende war es nur noch ein einziges bedrucktes Blatt. Klar, denn: Die damaligen Redakteure der gleichgeschalteten Presse wurden durch das NS-Regime streng kontrolliert. Am 20. April – Führers Geburtstag – wurde eine Rede von Joseph Goebbels abgedruckt, betitelt mit „Vater der Nation“, und im Leitartikel wird die „treue Gefolgschaft“ gelobt. Da hatte sich der „Gröfaz“ bereits im Führerbunker verkrochen. Um noch einige Dutzend Hitlerjungen mit dem Eisernen Kreuz auszuzeichnen, trat er an dem Tag noch einmal auf: das letzte Aufgebot. Nicht zuletzt eher unauffällig im Blatt: zahlreiche Gefallene, die „den Heldentod“ gestorben seien.

Auch in der allerletzten Ausgabe ist noch von „schwungvollen Gegenangriffen“ die Rede

Auch die allerletzte Ausgabe sollte die Leser glauben machen, dass sich das Deutsche Reich auf der Sieggerade befinde: Von „schwungvollen Gegenangriffen“, die den Gegner zurückgeworfen habe, ist da die Rede. Und von „Kein Nachlassen der deutschen Wehrmacht“. Da schütteln nicht nur die Hefeles die Köpfe ob so viel Verblendung.

Ganz komplett ist das Zeitungsarchiv der Hefeles nicht mehr

Ganz komplett ist das Zeitungsarchiv der Hefeles leider nicht mehr. Vor einigen Jahren, erinnert er sich, nahm er einen Schwung Zeitungen mit auf den Flohmarkt nach Schongau. Dort suchten sich Käufer Ausgaben zu bestimmten Daten, etwa zum Geburtstag, heraus. „Die haben sich sehr gefreut.“

Das Kriegsende erlebten Lidwina wie auch ihr Mann bewusst mit. Auch hier spielen die Ausgaben der Schongauer Nachrichten eine gewisse Rolle. „Da kamen eines Tages baumlange Marokkaner zur Tür herein“, sagt Lidwina Hefele, „die suchten bei uns herum. Aber als sie sahen, dass außer alten Zeitungen nichts zu holen war, zogen sie wieder ab.“

Falsch gegrüßt: Zwei Watschn innerhalb weniger Wochen

Ihr Gatte hat eine ganz spezielle Erinnerung, wie sich Zeiten ändern können: Er ging als Bub in Denklingen, wohin sich seine Familie aus Haunstetten geflüchtet hatte, die Straße entlang. Als ihm eine Frau begegnete, murmelte er „Grüßgott“ – und empfing eine Trumm Watschn mit den Worten: „Da sagt man ‚Heil Hitler!“ Wenige Wochen später traf er dieselbe Frau in der Käskuchl wieder. Er begrüßte sie – man lernt dazu – mit einem lautstarken „Heil Hitler!“ „Da hat die mir doch glatt wieder eine Watschn gegeben, weil man das nicht sagen darf.“

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Ein Bericht über das Kriegsende im April 1945 hat Werner Wendlinger veranlasst, in seinem Familienalbum zu blättern. Als Fünfjähriger erlebte er die Sprengung der Lechbrücke mit.

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs. Interessante Details über die letzten Kriegstage im April 1945 in Weilheim hat Robert Huber jetzt in einem Buch veröffentlicht, das sich teilweise spannend wie ein Krimi liest.

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