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Der Landkreis Weilheim-Schongau ist Solarspitzenreiter im Oberland, die Nachbarn „bauen lieber Golfplätze“

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Von: Jörg von Rohland

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Die Photovoltaik-Freiflächenanlage in Sachsenried ist die größte im Landkreis. Ihr nächstes Projekt haben die „Energiebauern“ bereits im Köcher: am Auerberg in der Gemeinde Bernbeuren. Nachbarn bauen lieber Golfplätze
Die Photovoltaik-Freiflächenanlage in Sachsenried ist die größte im Landkreis. Ihr nächstes Projekt haben die „Energiebauern“ bereits im Köcher: am Auerberg in der Gemeinde Bernbeuren. © Hans Helmut-Herold

Im Landkreis boomt das Geschäft mit der Sonne. 21 Freiflächen-Photovoltaikanlagen (PV) sind bereits errichtet worden, und es kommen noch mehr dazu. Die Region Weilheim-Schongau ist damit einsame Spitze im Oberland. Strom-autark ist der Landkreis deshalb aber noch lange nicht. Vor allem auf den Dächern hakt es.

Landkreis – Andreas Scharli stellt dem Landkreis Weilheim-Schongau ein vergleichsweise gutes Zeugnis aus. Der Energie-Manager der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“ zählt in Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz-Wolfratshausen je nur zwei Freiflächen-Photovoltaikanlagen, im Landkreis Miesbach gar nur eine.

Rund um Schongau, Weilheim und Penzberg sind es dagegen schon 21 Solarparks, die Sonnenlicht in Strom umwandeln. Seit im August 2019 die Zehn-Megawatt-Anlage bei Sachsenried ans Netz gegangen ist, gewinnt der Landkreis schon mehr als die Hälfte des Stroms, den er verbraucht, selbst. In Miesbach, Garmisch und Bad Tölz ist man noch nicht soweit. „Dort werden lieber Golfplätze gebaut“, beklagt Scharli, dass bei den Nachbarn mehr Wert auf den Tourismus als auf die Ökobilanz gelegt werde.

So beeindruckend sein Vorsprung beim Solarstrom auch ist, der Landkreises Weilheim-Schongauer hat ihn dringend nötig. Ohne einzelne Firmen beim Namen zu nennen, verweist der Energiemanager auf die Großunternehmen im Westen und Osten des Landkreises, die reichlich Strom verbrauchen.

Während in den Städten die Zähler rattern, sind es meist die Gemeinden, in denen der Öko-Strom vor allem mit Freiflächenanlagen produziert wird. Immer mehr Landwirte springen auf den Zug auf, weiß Scharli. Denn dank hoher Strombörsenpreise lässt sich mittlerweile gutes Geld mit der Sonne verdienen. Und das sogar ohne Fördergeld. In den vergangenen fünf Jahren schossen die Solarparks deshalb wie Pilze aus dem Boden. Mehr als die Hälfte der bestehenden 21 Anlagen sind laut Scharli in diesem Zeitraum entstanden.

Hürden für Genehmigungen sind niedriger geworden

Zupass kommt den Investoren freilich auch, dass die Hürden für die Genehmigungen niedriger geworden sind: Bis 2017 durften Solar-Felder nur auf „Konversionsflächen“ entstehen.

Also zum Beispiel an Autobahnen oder entlang von Bahnstrecken. Seit fünf Jahren kommen auch „benachteiligte“ landwirtschaftliche Grün- und Ackerflächen für Solarparks infrage. Sind sich Grundstücksbesitzer und Gemeinden einig, kann es schnell gehen. So wie 2019 auf der 14 Hektar großen Wiese der „Energiebauern“ bei Sachsenried. Das Grundstück liegt mehr als 840 Meter über dem Meeresspiegel und ist „benachteiligt“, weil es sich schwieriger bewirtschaften lässt als Flächen im Flachland. Der Solarpark ist derzeit der größte im Landkreis. 2700 Vier-Personenhaushalte können rein rechnerisch ganzjährig mit Strom versorgt werden, 6750 Tonnen CO2 werden dabei eingespart.

Und die „Energiebauern“ legen nach: Ihr nächstes Projekt stoßen sie gerade in Bernbeuren an. Versteckt hinterm Auerberg entsteht ein zwölf Hektar großes Solarfeld. Die Gemeinderäte in Bernbeuren freuen sich genauso darüber wie 2019 die Kollegen in Schwabsoien. Schließlich fließt langfristig auch Gewerbesteuer aus den Gewinnen ins Gemeindesäckel.

Bei dem rasanten Zuwachs der Freiflächenanlagen fällt es sogar Energiemanager Scharli schwer, den Überblick zu behalten. „Es tut sich ordentlich was“, freut er sich und verweist auf „mindestens fünf weitere Solarparks“, die derzeit konkret geplant seien. Einer davon soll bekanntlich bei Kurzenried (Gemeinde Peiting) entstehen. Nach den ursprünglichen Plänen hätten sich dort längst Windräder drehen sollen.

Das Vorhaben gefährdete aber den Welterbe-Status der elf Kilometer entfernten Wieskirche. Dass die Windräder den Pilgern „die spirituelle Fernwirkung“ genommen hätten, hält Scharli nach wie vor für einen schlechten Witz. Der Energiemanager würde sich in Kurzenried vielmehr Windräder und Solar-Module wünschen. „Denn wir brauchen dringend mehr Strom“, macht er klar.

Reichlich Potenzial dafür schlummert auch noch auf den Dächern in den Städten und Gemeinden des Landkreises. „Nur sechs Prozent der geeigneten Flächen sind mit Solarpanels belegt“, wundert sich Scharli. Er ist überzeug davon, dass da noch deutlich mehr drin ist. Ein Problem: Vor allem in Weilheim und Schongau sind geeignete Dächer oft tabu, weil der Denkmalschutz einen Riegel vorschiebt. Scharli hadert immer wieder mit den Verantwortlichen, die zuletzt in Weilheim ein Projekt verhindert haben. Wie berichtet, wollte das Modehaus Echter sein Süddach mit PV-Modulen bestücken, das Denkmalamt hatte etwas dagegen. „Die Denkmalschützer kennen nur ihre Interessen, das kann langfristig nicht so weitergehen“, fordert Scharli, der einen Konflikt mit der Behörde nicht scheut: „Das wird zwar ein hartes Brett, aber die Bohrer sind scharf.“

Photovoltaikanlagen lohnen sich für Investoren und Privatleute

Eine Reihe von Gemeinden im Landkreis produzieren bereits mehr Strom als sie verbrauchen. Zum Beispiel die Gemeinde Rottenbuch, die mit einem Mix aus Wasserkraft, Biogasanlagen und Fotovoltaik laut Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“ sehr gut aufgestellt ist. Auch Eberfing, Wielenbach, Pähl, Ingenried, Altenstadt und Schwabsoien hebt Energiemanager Andreas Scharli heraus. Er und seine Kollegen in Penzberg sind Ansprechpartner für Kommunen oder auch Landwirte, die größere Projekte in Angriff nehmen wollen. Die Bürgerstiftung kann zum Beispiel erfahrene Projektentwickler vermitteln. Hausbesitzern, die ihre Dächer mit PV-Anlagen bestücken wollen, legt Scharli das Solarkataster des Landkreises ans Herz. Es ist unter solarkataster.weilheim-schongau.de abrufbar. Mit ein paar Mausklicks lässt sich dort schnell herausfinden, ob und wie gut das jeweilige Dach zur Gewinnung von Solarstrom geeignet ist.

Wer bereits eine PV-Anlage auf dem Dach hat, ist mindestens noch bis 2027 auf der sicheren Seite. Der jeweilige Netzbetreiber muss bis dahin auch den Strom von Ü20-Anlagen abnehmen. Wie viel Geld es gibt, hängt vom Börsenstrompreis ab, die EEG-Förderungen laufen aus. Möglich ist auch eine Umstellung auf Eigenverbrauch. Zum Beispiel kann dann das eigene Elektroauto aufgeladen werden. Ob sich die Umstellung lohnt, sollte im Einzelfall aber ein Fachmann prüfen, empfiehlt die Verbraucherzentrale.

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