Sie appellieren an Jugendliche, Nachhilfestunden für Grundschüler zu geben (v.l.): Heike Rüther, Hava Sirin, Ute Meub, Monika Soyer-Bauer und Jost Herrmann.
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Sie appellieren an Jugendliche, Nachhilfestunden für Grundschüler zu geben (v.l.): Heike Rüther, Hava Sirin, Ute Meub, Monika Soyer-Bauer und Jost Herrmann.

Aktion der evangelischen Gemeinde Schongau und Partnern

Lernpaten für Grundschüler gesucht

  • vonRafael Sala
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Die evangelische Kirche Schongau will nicht länger tatenlos zusehen: Sie sucht Menschen, die bereit sind, Grundschülern zu helfen, die infolge der Corona-Auflagen den Schulstoff nicht mehr bewältigen können. Die Lücken seien gravierend, die Situation drohe außer Kontrolle zu geraten, warnt auch Ute Meub, Rektorin der Staufer-Grundschule.

Schongau – Wie groß die Not ist, zeigte sich gerade in einem Appell, der aufmunternd gemeint war und hoffnungsvoll klang. „25 Helfer – glauben Sie, wir schaffen das?“, fragte der Leiter der evangelischen Kirche in Schongau, Jost Herrmann, in die Runde aus lokalen Akteuren, die sich zu einer Krisensitzung im großen Saal des Gemeindezentrums versammelt hatten. „Klar schaffen wir das!“, kam prompt zurück.

Doch die Gesichter wirkten betreten, die Stimmung war angespannt. Zwar zweifelte niemand daran, dass diese Zahl zu erreichen ist – doch ob das tatsächlich helfen kann oder nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sei, eben dahinter prangte unausgesprochen ein dickes Fragezeichen im Raum.

Loch in die Bildungslandschaft gerissen

Aus Sicht zahlreicher Entscheidungsträger der Stadt hat Corona ein tiefes Loch in die Bildungslandschaft gerissen, eine Kluft, die kaum mehr zu schließen ist. Distanzunterricht, überforderte Eltern, soziale Isolation, Unlust, dazu noch technische Probleme mit den PCs– schlechter geht es nicht.

Vor allem diejenigen, die am Anfang des Bildungsweges stehen, drohen, ins Abseits zu geraten: die Grundschüler. Darin waren sich alle einig – sowohl Herrmann als auch Ute Meub, Rektorin der Staufer-Grundschule, Heike Rüther, Jugendsozialarbeiterin der Kinder- und Jugendhilfe Weilheim-Schongau, Hava Sirin, Vorsitzende vom Türkischen Elternverein Schongau-Peiting und Umgebung, und Monika Soyer-Bauer vom Verein „Initiative Integration“: Sie alle wollen gegensteuern.

Mindestens fünf Stunden pro Woche

Herrmanns Aufruf: „Wir suchen Jugendliche und Erwachsene, die nach Ostern bereit sind, mindestens fünf Stunden Kindern aus der Staufer-Grundschule Nachhilfe zu geben.“ Man sei bedrückt, „dass viele, die keine Unterstützung von Zuhause bekommen, wohl schulisch abgehängt werden“, klagte er. Das müsse sich ändern: „Niemandem kann es recht sein, dass jemand auf der Strecke bleibt. Es muss in unser aller Interesse liegen, dass Bildungslücken so gut wie möglich geschlossen werden.“

Meub konnte nur wenig Positives berichten: Von den derzeit knapp 440 Kindern, die die Schule besuchen, benötigen ihren Worten zufolge 300 infolge der Anti-Corona-Maßnahmen dringend Unterstützung. Rund 70 Prozent der Schüler hätten einen Migrationshintergrund oder stammten aus Haushalten mit prekären Verhältnissen. „Die Not ist wirklich ganz, ganz groß.“

Emotionaler Aspekt

Sie erwarte sich von der Aktion große Erfolgschancen – nicht nur, was den Lernstoff anbelangt, sondern vor allem in menschlicher Hinsicht: „Bei manchen Kindern hilft es bereits, wenn sie wohlwollende, verlässliche Unterstützung erfahren. Die Kinder wissen: Da ist jemand, der sich um mich kümmert.“

Die Tragweite emotionaler Aspekte betonte auch Rüther: Corona wirke wie ein „Brennglas“, das Missstände, die bereits vor der Pandemie geherrscht hätten, noch viel stärker sichtbar mache. Bildung funktioniere nicht nur über Wissensinhalte, sondern vor allem über den menschlichen Kontakt – der aber sei durch den Lockdown weggebrochen.

Viele Kinder frustriert

Die Folge: Viele hätten keine Lust mehr, zu lernen, selbst Kinder nicht, die eigentlich motiviert und gut in der Schule seien. „Sie fragen sich: Warum soll ich lernen, wenn sich niemand dafür interessiert?“

Die Aktion: Die evangelische Gemeinde sucht Jugendliche und Erwachsene, die nach Ostern beziehungsweise auch in den Ferien bereit sind, Kindern aus der Staufer-Grundschule mindestens fünf Stunden lang Nachhilfe zu geben. Das Zeitfenster können die Helfer selbst bestimmen. Ort: Evangelisches Gemeindehaus in Schongau, eventuell auch in den Räumen der Moschée.

Die betroffenen Kinder werden von den Lehrern und den Schulsozialarbeitern vorgeschlagen und ausgesucht. Kosten für die Familie: 15 Euro (Härtefallregelung möglich). Aufwandsentschädigung für die Jugendlichen: rund acht Euro pro Nachhilfeeinheit. Infos unter www.schongau-evangelisch.de.

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