Die letzte Baulücke im Gnettner-Areal Schongau soll geschlossen werden, über den Namen des Weges wird demnächst abgestimmt.
+
Die letzte Baulücke im Gnettner-Areal Schongau soll geschlossen werden, über den Namen des Weges wird demnächst abgestimmt.

Gnettner-Areal Schongau

Max Dingler: Sprengsatz im Nachlass

  • Elke Robert
    vonElke Robert
    schließen
  • Roland Lory
    Roland Lory
    schließen

Eine neue Veröffentlichung über Max Dingler macht deutlich, dass die Stadt Schongau sehr gut damit beraten ist, den Weg am Gnettner-Areal nicht nach dem Nazi-Dichter zu benennen. Ein unveröffentlichter Gedichtzyklus von Max Dingler offenbart Amerika-Hass und Rassismus.

Murnau – Der Mundartdichter Max Dingler (1883 bis 1961) hat so manches, was aus seiner Feder floss, nicht veröffentlicht. Den Gedichtzyklus „In Trauer und Schmach“ etwa. Er entstand zwischen Mai und November 1945. „Man wird wohl sagen müssen, dass Max Dingler einen Fehler gemacht hat, als er beschloss, diese Gedichte nicht zu vernichten.“ Diese Auffassung vertritt Wolfgang Riedel in seinem neuen Buch. Der Autor, Senior Professor für Neuere deutsche Literatur- und Ideengeschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, sieht in dem Zyklus gar „einen kapitalen Sprengsatz für Dingler und sein Nachleben“.

Der „Amerika-Hass“ des Murnauers überrascht nicht

Wie kommt Riedel zu diesem Schluss? „In Trauer und Schmach“ ist nach seinem Dafürhalten „ein Dokument des ebenso verzweifeltsten wie entschlossensten Ressentiments“. Dingler spricht darin die „furchtbarste Zeit deutscher Erniedrigung“ an und einen „Höllensturz“. Er meint damit aber nicht etwa die letzten Kriegsjahre, sondern die Monate unmittelbar nach der Kapitulation, die Phase der amerikanischen Besatzung. Riedel: „Fremdherrschaft in Bayern! Das konnte Dingler nicht verwinden, schon gar nicht, wenn diese Fremden in seinen Augen kulturell tiefer stehen als das eigene Volk.“ Der „Amerika-Hass“ des Murnauers überrascht nicht. Denn die Vereinigten Staaten standen im frühen und mittleren 20. Jahrhundert für die Moderne, die Dingler stets abgelehnt hatte.

In den besagten Gedichten wird Riedel zufolge „überdies ein unverhohlener Rassismus“ offenbar. Dinglers Ziel: Afroamerikaner unter den US-Soldaten. Riedel: „Selbst wenn man bereit ist, seiner behaupteten oder realen Naivität manches nachzusehen – hier in Trauer und Schmach, geschrieben in seiner fraglos schwächsten Stunde, zeigt er sich niedriger und schäbiger, als erstrebter Nachruhm es verträgt.“ Riedel schließt nicht aus, „dass eine Veröffentlichung dieser Gedichte das übrige poetische Werk Dinglers einmal völlig überschatten und dieser hauptsächlich als der Autor von In Trauer und Schmach in die deutsche Literaturgeschichte eingehen wird, als trauriges Kapitel im Kapitel Nachkriegszeit.“ Der Zyklus liegt als Typoskript im Monacensia-Archiv in München.

Dingler in Schongau Namensgeber sein sollen für den letzten Weg im Gnetter-Areal

Als Autor ist Dingler heute weitgehend vergessen. In neueren literaturhistorischen Handbüchern und Nachschlagewerken taucht sein Name nicht auf. Die letzten Neuausgaben von Dingler-Werken erschienen vor fast 30 Jahren und sind längst nicht mehr lieferbar. Allerdings hätte Dingler in Schongau Namensgeber sein sollen für den letzten Weg im Gnetter-Areal, wo noch eine Baulücke geschlossen werden soll. Die Straße hat ihren Namen bereits seit 2006, ist aber noch nicht gewidmet. Auf die Nachforschungen der Heimatzeitung hin, löste sich die Stadt von diesem Vorschlag.

Dem Antrag Hans Rehbehns im Stadtrat, den Weg nach der Frauenrechtlerin Marie Juchacz zu nennen, wollte man nicht folgen, sondern nach einen Namen suchen, der zu den übrigen im Viertel passt. Für die Straßen, die vom Kurt-Gnettner-Ring abzweigen, waren nach dem Vorschlag von Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer Namen von Schriftstellern und Dichtern ausgewählt worden, die in der Region lebten oder sich hier beheimatet fühlten. Analog hierzu soll der neue Weg nun nach einer Dichterin oder einer Schriftstellerin benannt werden mit Bezug zu Schongau.

Einige Namensvorschläge seien eingegangen, berichtet Stadtbaumeister Sebastian Dietrich, gute Vorschläge auch seitens der Bürgerschaft. Diese sollen aber erst dem Stadtrat vorgestellt werden. Das Thema sei derzeit nicht prioritär, man richte sich nach den Vorgaben, wegen der Corona-Pandemie nur entscheidungsrelevante und wichtige Tagesordnungspunkte zu behandeln, um die Sitzungen möglichst kurz zu halten, so Dietrich. Der Tagesordnungspunkt werde aber für eine der nächsten Sitzungen vorbereitet, vielleicht könne man bereits im Mai darüber abstimmen. Dass die Straße umbenannt wird, sei „unstrittig“.

Der Biologe Dingler, dem in Murnau die Ehrenbürgerwürde 2017 wegen seiner Nähe zur NSDAP aberkannt wurde, veröffentlichte Gedichtbändchen, Bühnenstücke, kleinere Erzählungen und Essays über Mundart, Mundartdichtung und zur Poetik, aber auch Kinderbücher. Sein Hauptwerk war die Sammlung „Das bairisch Herz“ von 1940. Nach Kriegsende unterzog er es umfangreichen Retuschen. In seinen Gedichten idealisiert der Mundartdichter die Bergbewohner, Sennerinnen, Jäger und so weiter, das darin skizzierte Bayernbild beschwört die alteuropäische Bauernkultur vor der Motorisierung. Riedels Werk basiert auf einem literaturhistorischen Gutachten, dass der Autor für die Bayerische Akademie der Wissenschaften erstellte.

Das Buch: Wolfgang Riedel: Max Dingler 1883–1961. Ein Beitrag zur bayerischen Literaturgeschichte, 87 Seiten, Verlag Königshausen & Neumann, 18 Euro.

Schongau-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Schongau-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Schongau – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Und hier geht‘s zum neuen, regelmäßigen Weilheim-Penzberg-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare