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In der Hammermühle wird der Mix aus Lebensmittelabfällen zerkleinert. Schon hier wird ein Großteil der Fremdstoffe ausgesiebt.

Vorwürfe gegen Altenstadter Firma

Mikroplastik: Von der Biogasanlage auf die Felder? 

  • Christoph Peters
    vonChristoph Peters
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Ein SN-Leser erhebt Vorwürfe gegen die Firma Emter: Sie soll Lebensmittel mitsamt ihrer Verpackung schreddern, ehe diese in die Biogasanlage wandern. Anschließend lande das Gärsubstrat samt Plastikrückständen auf den Feldern. Was ist da dran? Die Heimatzeitung ist der Sache nachgegangen.

Altenstadt/Schongau – Tagtäglich landen Tausende Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Müll. Alles, was das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat, darf nicht mehr verkauft werden. Johann Emter deutet auf eine große, gläserne Vitrine, die im ersten Stock des Verwaltungsbaus seiner Firma „Öko Power“ steht. Fein säuberlich aufgereiht stehen darin verschiedenste Produkte, wie sie der Kunde aus den Regalen der Supermärkte kennt. Lädt sie dieser nicht in seinen Einkaufswagen und finden sie auch bei der örtlichen Tafel keinen Abnehmer, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie in der benachbarten Halle landen.

In ganz Bayern gebe es nur rund 15 vergleichbare Betriebe, sagt Emter. Über 50 000 Tonnen organische Abfälle werden in Altenstadt pro Jahr angeliefert. Darunter sind Speisereste aus der Gastronomie, Produktionsabfälle von Molkereien, aber auch Lebensmittel aus dem Großmarkt, die nicht mehr vermarktet werden können. Und eben überlagerte Produkte aus den Supermärkten. Sie zu verwerten, schreibt das Kreislaufwirtschaftsgesetz vor.

Doch wie funktioniert das, wenn die Lebensmittel in ihrer Originalverpackung auf dem Lastwagen landen? Rund zehn Prozent der gesamten angelieferten Menge an Abfällen sei verpackt, sagt Emter und bestätigt: Tatsächlich würden die Lebensmittel vor dem Verwertungsprozess nicht einzeln ausgepackt. Der Aufwand sei zu groß.

Nach der Vergärung in der Biogasanlage wandert die Masse erneut durch ein feines Sieb. Die herausgefilterten Fremdstoffe werden verbrannt.

Ortswechsel: In der großen Halle hat ein Lkw gerade neues Material angeliefert. Emter deutet in einen großen metallenen Trichter. Hier landet alles, was niemand mehr essen mag. In der undefinierbaren Masse, die ein entsprechendes Aroma verströmt, sind neben Obstresten einzelne Plastikflaschen zu erkennen.

Eine Förderschnecke transportiert den unappetitlichen Mix weiter in die Hammermühle, wo er zerkleinert wird. Ein Sieb sorgt dabei dafür, dass Metalle und Kunststoffe abgesondert werden. Der Anteil an Plastik liege danach deutlich unter einem Prozent, betont Emter.

Unternehmer kennt die Vorwürfe

Der Unternehmer kennt den Vorwurf um Plastikrückstände in Gärsubstraten. Groß in die Öffentlichkeit gerückt war das Thema, als 2018 ein Umweltskandal Schleswig-Holstein erschütterte. An der Schlei waren große Mengen von Plastikteilen am Ufer und im Wasser gelandet, nachdem in einem Klärwerk mit Verpackung geschredderte Lebensmittel einfach dem Faulschlamm beigemischt worden waren, um Energie zu gewinnen.

Erst kürzlich hat Emter in Nürnberg einen Fachvortrag über den aktuellen Stand der Abfallvergärung gehalten. Er ist Mitglied im Fachverband Biogas und kennt sich auf dem Gebiet bestens aus. Und so wundert es nicht, dass sein Unternehmen eine Vorreiterrolle einnimmt. Nach 90 Tagen in der Biogasanlage, wo durch den Gärprozess sauberes und CO2-freies Biogas entsteht, wird das Substrat in Altenstadt in einem weiteren Gebäude noch einmal bearbeitet. In einem Press-Schnecken-Separator wird mit Hilfe eines Kantspaltsiebs Kunststoff bis zu einer Größe von 0,3 Millimeter ausgesiebt. Was herausgefiltert wird, landet in der Müllverbrennung. Die gesetzlichen Grenzwerte sind deutlich laxer. Labortechnisch erfasst wird laut Düngemittelverordnung im Gärsubstrat nur der Kunststoffanteil über zwei Millimeter. Für ihn gilt: Er darf maximal 0,1 Prozent ausmachen. „Da liegen wir bei null“, betont Emter und zeigt zum Beweis den Laborbericht.

Vorschriften wurden im vergangenen Jahr verschärft

In einer Anfrage an die bayerische Staatsregierung hatte die SPD schon Ende 2018 auf das Problem mit dem Kunststoff hingewiesen. In seiner Antwort bestätigte das Umweltministerium damals, dass bei den aktuell geltenden Regelungen Mikroplastik mit einer Teilchengröße von unter zwei Millimetern unberücksichtigt bleibe. Da diese in Gärresten „nicht oder nicht mit verhältnismäßigen Mitteln abgetrennt werden könnten, wäre eine andere Regelung dafür auch nicht zielführend“. Der Anteil sei „im Vergleich zu sonstigen Eintragspfaden von Kunststoffen in die Umwelt jedoch von untergeordneter Bedeutung“. Im vergangenen Jahr wurden die Vorschriften auf Initiative der Länder allerdings verschärft.

Gelöst ist das Problem Mikroplastik noch nicht

Auch wenn man bei Emter in Altenstadt zeigt, dass es deutlich besser geht, als es das Gesetz auch künftig vorschreibt: Ganz gelöst ist das Problem Mikroplastik noch nicht, auch wenn der geringe verbleibende Anteil kaum gemessen werden könne, sagt Emter. Technisch lasse sich derzeit aber nicht mehr herausfiltern. Mit der gleichen Schwierigkeit würden im Übrigen auch Kläranlagen kämpfen. „Da besteht ein großer Nachholbedarf, was Mikroplastik angeht.“

Doch was passiert in Altenstadt mit dem letztlich verbleibenden Gärsubstrat? 50 Prozent bringe seine Firma für Landwirte als Dünger auf deren Felder aus, die andere Hälfte werde bereits biologisch vollaufbereitet, erklärt Emter. In dem Verfahren werden dem Substrat wertvolle Nährstoffe entzogen, was verbleibt, landet in der Müllverbrennung. Langfristig soll laut dem Unternehmer die komplette Menge so aufbereitet werden.

Wie die Molkerei Hochland mit dem Problem Mikroplastik umgeht

Auf das Thema Mikroplastik in Gärresten hat auch die Firma Hochland reagiert und eine Vereinbarung mit ihren Milchlieferanten – rund 700 in der Region Schongau – getroffen. Seit einem Jahr verpflichten sich die Landwirte nicht nur dazu, keine Totalherbizide mehr auf ihren Äckern und Grünlandflächen auszubringen, sondern auch keine Reststoffe aus Biogasanlagen mehr, in denen Lebensmittelabfälle verarbeitet werden. „Dadurch könnten sonst Plastikpartikel auf die Felder und damit in den Futtermittelkreislauf gelangen“, begründete das Unternehmen seinen Schritt und verweist auf Studien der Uni Bayreuth und des Fraunhofer Instituts.

„Hochland ist die einzige Molkerei in Deutschland, die das beschlossen hat“, sagt Johann Emter. Große Auswirkungen auf das Geschäft seiner Altenstadter Firma habe die Entscheidung aber nicht gehabt. „Landwirte, die Milchvieh halten, haben genug eigene Gülle als Dünger“, sagt Emter. Doch natürlich muss auch Hochland Lebensmittelabfälle entsorgen, die bei der Produktion im Schongauer Werk anfallen. Zu Emter kommen diese nicht mehr.

„Im Falle, dass Überproduktionsmengen, Fehlproduktionen oder Produkte nach Umstellphasen zur Entsorgung anfallen, werden diese von uns wenn möglich ausgepackt, um Käse und Verpackungen getrennt entsorgen zu können“, teilt Unternehmenssprecherin Petra Berners auf Anfrage mit. Aufgrund des Kreislaufwirtschaftsgesetzes sei auch Hochland dazu verpflichtet, seine Produktionsabfälle in Biogasanlagen zu entsorgen. „Das machen wir auch, allerdings werden diese Gärreste nicht auf Felder ausgebracht: Unsere Produktionsabfälle werden in einer sogenannten ,Presswasservergärung’ vergärt“, so Berners. 

Diese finde bei der Erbenschwanger Verwertungs- und Abfallentsorgungsgesellschaft (EVA) statt. Die EVA betreibt dort seit Anfang 2019 eine Pilotanlage. Aus den organischen Inhaltsstoffen werde Biogas hergestellt. Aus dem, was an Feststoff übrig bleibe, entstehe ein sogenannter Presskuchen, der entweder kontrolliert deponiert oder verbrannt werde. „Wir sind sehr froh, diese Lösung gefunden zu haben, die zuvor nicht zur Verfügung stand“, sagte Berners.

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