Joy hat auf ihrer Flucht schlimme Dinge erlebt, aber auch viel Unterstützung erfahren.
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Joy hat auf ihrer Flucht schlimme Dinge erlebt, aber auch viel Unterstützung erfahren.

Erzähl doch mal...

Erinnerungen an die Flucht: Mit Gebeten und Hoffnung ans Ziel

In einer Serie berichten Frauen, die aus ihrem Heimatland in den Landkreis geflohen sind, über ihre Erlebnisse. Heute: Joy (Name geändert), die 1995 in Nigeria geboren wurde und im Dezember 2015 nach Deutschland gekommen ist.

Landkreis – „Wenn man nicht aus einer wohlhabenden Familie stammt, hat man in Nigeria keine Chance auf ein gutes Leben. Der einzige Weg raus aus der Armut ist Bildung. Da man für Bildung jedoch zahlen muss, haben nur wenige Kinder in Nigeria dieses Privileg. Ich bin acht Jahre in die Schule gegangen, doch konnte diese leider nicht beenden, da meine Familie es sich nicht mehr leisten konnte. Vor mir lag also eine Zukunft ohne Perspektive.

Als ich 21 Jahre alt war, bot mir eine Bekannte, die Klamotten verkaufte, einen Job an. Sie sagte, sie habe ein Geschäft in Spanien, in dem ich arbeiten könne. Ich war begeistert. Nach so vielen Jahren der Verzweiflung verspürte ich zum ersten Mal Hoffnung. Schnell kam ich jedoch wieder ins Grübeln: Wie sollte ich Pass, Visum und Flug bezahlen? Doch sie versicherte mir, dass sie sich um alles kümmere.

Erst jetzt wurde mir klar: Ich wurde Opfer von Menschenhandel

Unsere Reise nach Spanien startete nicht am Flughafen. Mit dem Bus überquerten wir die Grenze zum Niger. Es folgten weitere Fahrten in Bussen und Autos. Ich fragte die Frau, wo mein Pass und Visum sind und warum wir nicht wie geplant nach Spanien fliegen. Sie antwortete, dass ich mich noch ein wenig gedulden sollte und wir bald am Flughafen ankommen würden.

Mit jedem Tag wurde das ungute Gefühl in mir größer. Ich hatte komplett den Überblick verloren, wusste nicht mehr, wie lange wir bereits unterwegs waren oder in welchem Land wir uns gerade befanden. Doch der Gedanke an ein besseres Leben in Spanien gab mir immer wieder neue Kraft und Hoffnung.

In Marokko geschah dann alles ganz plötzlich. Die Frau übergab mich an eine Familie, bekam dafür Geld und verschwand. Erst jetzt wurde es mir klar: Ich wurde Opfer von Menschenhandel. Völlig hilflos und verloren, hielten sie mich erst für einige Tage im Haus fest. Dann befahlen sie mir, mit einem Boot für Flüchtlinge über das Meer nach Spanien zu fahren. Allein der Gedanke daran löste Panik in mir aus. Ich hatte schon viele schlimme Geschichten über diese Überfahrten gehört.

Obwohl sie selbst so wenig hatten, unterstützten sie mich

Jedoch hatte ich keine andere Wahl und so saß ich mit 27 anderen Menschen in einem kleinen Boot von Marokko nach Spanien. Isaac (Name geändert), der neben mir saß, erzählte mir, dass er nach Deutschland zu seinem Bruder flüchte und bot mir an, mit ihm zu kommen. Ich lehnte ab, da ich von der Familie aufgetragen bekommen hatte, in das Flüchtlingslager in Spanien zu gehen.

Dort angekommen, erhielt ich einen Anruf, in dem mir ein Mitglied der Familie den Plan erklärte: Ich soll in Spanien als Prostituierte arbeiten und ihnen das Geld davon zuschicken, bis sie 20 000 Euro haben. Morgen würde mich jemand vom Camp abholen. Falls ich mich weigere, würden mir schlimme Dinge passieren.

Ich folgte meinem ersten Impuls und rief sofort Isaac an. Er sagte zu mir, ich muss noch heute raus aus dem Lager und mit dem Zug nach Deutschland kommen. Doch wie sollte ich das schaffen, ganz ohne Geld? Ich fing an, durch das Flüchtlingslager zu laufen und den Leuten von meiner Geschichte zu erzählen. Obwohl sie selbst so wenig hatten, unterstützten sie mich, sodass ich mir von diesem Geld eine Fahrkarte nach Frankreich kaufen konnte. Meine Dankbarkeit diesen Menschen gegenüber ist bis heute unbeschreiblich.

Ich betete jeden Tag dafür, dass ich nicht abgeschoben werde.

In Frankreich sprach ich Menschen auf der Straße an. Sie gaben mir Essen und Geld. Auch ihnen bin ich unglaublich dankbar. Mit so viel Verständnis und Mitgefühl hatte ich nicht gerechnet. Manche boten mir sogar an, dass ich erstmal mit zu ihnen kommen kann, doch das wollte ich nicht. Ich hatte aufgehört, irgendjemandem zu glauben. Ich dachte mir, du hast einer Frau geglaubt und schau mal, wohin das geführt hat.

Nach nur einem Tag hatte ich genug Geld zusammen, um mir ein Zugticket nach Deutschland zu kaufen. Die Frau aus Nigeria kontaktierte mich noch ein letztes Mal und sagte, dass ich all ihr verlorenes Geld zurückzahlen muss, wenn ich nach Nigeria zurückkomme. Ich betete jeden Tag dafür, dass ich nicht abgeschoben werde. Einige Monate später wurden diese Gebete erhört.

Zum Projekt

Die Geschichten der Frauen wurden im Rahmen der Aktion „Erzähl doch mal…!“ aufgeschrieben. Jede Frau hat dort die Möglichkeit, eine bestimmte Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen und somit andere zu inspirieren und zum Nachdenken anzuregen.

„Erzähl doch mal…!“ ist Teil des Projekts „NeNa LaWei“ (Neue Nachbarinnen Landsberg-Weilheim). Ziel dieses Freizeit- und Kulturprojekts ist es, die Begegnung und den Austausch von Frauen mit und ohne Migrationshintergrund zu fördern. Das Projekt „NeNa LaWei“ wird von der Diakonie Herzogsägmühle unter der Trägerschaft der „Entwicklungspartnerschaft Allgäu-Oberland“ durchgeführt. Wer Lust hat, selbst eine Geschichte zu erzählen oder allgemein bei „NeNa LaWei“ mitmachen möchte, kann sich jederzeit bei Miriam Schäfer Miriam Schäfer (0151/54142574 oder miriam.schaefer@herzogsaegmuehle.de) melden. Weitere Informationen gibt es außerdem auf der Website https://nenalawei.ep-ao.de

(Zusammengefasst von Miriam Schäfer nach den Angaben von Joy)

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