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Soldaten des Freikorps Landsberg südlich des Ballenhauses am 29. April 1919. Links im Hintergrund das Anwesen Marienplatz 1, am linken Bildrand Schaulustige.

Vor 100 Jahren

Mit Maschinengewehren nach Schongau

Vor 100 Jahren endete mit dem ersten Waffenstillstandsvertrag von Compiègne am 11. November 1918 der Erste Weltkrieg, ein Krieg, der als „Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts gilt. Das ganze Land war Anfang November 1918 von Hunger und Kriegsmüdigkeit geprägt. In Schongau und Umgebung herrschte eine Stimmung der Beunruhigung und Verunsicherung.

Schongau – Es waren in Schongau Gerüchte darüber in Umlauf, dass Truppeneinquartierungen oder eine feindliche Besetzung der Stadt bevorstünden. Unter dem Eindruck des verlorenen Kriegs schwand das Vertrauen in die Monarchie, gleichzeitig wurde der Ruf nach stärkerer politischer Teilhabe laut.

Kurt Eisner nutzte in München die Gunst der Stunde und zog am 7. November 1918 mit etwa 1000 Umsturzwilligen die Macht in München an sich. In der Nacht zum 8. November erklärte er König Ludwig III. für abgesetzt und rief die Republik Bayern aus. Es bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat als Organ der Revolution. Eine radikale Neuausrichtung Bayerns begann.

Revolutionäre Ideen wurden in Schongau aufgegriffen

Auch in Schongau wurden die revolutionären Ideen aufgegriffen. Es bildete sich ein provisorischer Arbeiter-, Bauern- und Bürgerrat, der die Bevölkerung Schongaus und Umgebung am 14. November zu einer Volksversammlung in den Saal des Gasthauses Zur blauen Traube einlud.

Plakat mit dem Aufruf des provisorischen Arbeiter-, Bauern- und Bürgerrats zur öffentlichen Volksversammlung am 14. November 1918 im Saal des Gasthauses Zur blauen Traube. 

Stellvertretender Bürgermeister Bader, der für den zum Kriegsdienst eingezogenen Bürgermeister Theodor Ferstl die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters führte, eröffnete die Versammlung. Nach zweistündiger kontroverser Debatte wurden ein Arbeiter-, ein Bauern- und ein Bürgerrat gewählt.

Dies bedeutete aber nicht, dass die bisherige kommunalpolitische Verwaltung, bestehend aus dem Kollegium der Gemeindebevollmächtigten und dem Magistrat mit dem Bürgermeister, abgesetzt wurde. Diese sollten während der gesamten Revolutionszeit ihre Funktion behalten. Die Räte vertraten die jeweiligen Interessen ihrer Gruppierung und hatten z. B. bei den Sitzungen des Magistrats beratende Funktion.

In Schongau folgte eine Zeit der zunehmenden Politisierung. Die drei politischen Hauptkräfte in Schongau, die Bayerische Volkspartei (BVP), der Bayerische Bauernbund und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) gründeten jeweils eigene Ortsvereine.

Daneben gab es eine kleine Gruppe Spartakisten, bestehend aus etwa 25 jungen Männern, die kommunistische Ideen verfolgten und überwiegend in der Papierfabrik beschäftigt waren.

Wahlkampfveranstaltungen im Jahr 1919

Im Vorfeld der Wahlen zum Bayerischen Landtag am 12. Januar 1919 (Pfalz 2. Februar) kam es zu zahlreichen Wahlkampfversammlungen der drei Parteien. Über eine Versammlung der BVP berichtete Bezirksamtmann Freiherr von Ungelter nach München, dass eine Gruppe von Spartakisten sich nach vorne gedrängt, den Versammlungsleiter von der Tribüne gezerrt und anschließend „in lebensgefährlicher“ Weise verprügelt habe. Die Bevölkerung war stark beunruhigt und befürchtete weitere Gewalttätigkeiten.

Bei den Wahlen lagen BVP und SPD landesweit ungefähr gleich auf. In Schongau errang die SPD mit deutlichem Abstand vor der BVP die meisten Stimmen. Die USPD mit Kurt Eisner erlitt eine deutliche Niederlage.

Mit der Ermordung des selbsternannten Ministerpräsidenten Kurt Eisner trat die Revolution in ihre zweite Phase. Am 21. Februar 1919 wurde er auf dem Weg zum Landtag von Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Daraufhin wurde noch am selben Tag von den linken Parteien und den Rätegremien ein Zentralrat gebildet, der die Herrschaft übernahm.

Dies führte zu einem Wendepunkt der Revolution. Es kam in den folgenden Wochen zu einer zunehmenden Radikalisierung, der Einfluss der Räte nahm zu.

In Schongau lässt sich die Veränderung der Machtsituation und des politischen Klimas bereits wenige Tage nach der Ermordung Kurt Eisners nachvollziehen. Ab einschließlich der Ausgabe vom 25. Februar wurde der politische Teil der Schongauer Nachrichten durch den örtlichen Arbeiterrat zensiert.

Ende März kam es zu Gewalttätigkeiten

Ende März 1919 wurde das politische Klima in Schongau nochmals rauer, es kam wieder zu Gewalttätigkeiten. Der damalige Stadtschreiber Sebastian Settele berichtete über Vorfälle im Magistratsgebäude (Marienplatz 7, heute Musikschule): „Es begannen Terrorakte, wie […] Überfälle auf Sitzungen und gewaltsames Entfernen von Sitzungsteilnehmern aus dem Sitzungsraum, Bewerfen mit Akten, Belegbänden, Büchern usw., Demolierung des Stockwerksabschlusses und Zuschlagen mit diesen Holzteilen.“

In den Räten hatte während der letzten Wochen die äußerste Linke zunehmend an Gewicht gewonnen. Diese Machtverschiebung endete damit, dass am 7. April 1919 in München der Zentralrat und der Revolutionäre Arbeiterrat die Ausrufung einer „Baierischen Räterepublik“ durchsetzten. Die legitime Regierung Hoffmann reagierte auf die Ereignisse mit der Verlagerung der Regierung nach Bamberg.

Im Zusammenhang mit der Proklamierung der Räterepublik in München kam es auch in Schongau zu revolutionären Aktivitäten. Arbeiterrat Johann Hauser, ein Kommunist, verbrannte als symbolischen Akt die Schongauer Nachrichten auf dem Marienplatz und rief die Räterepublik aus. Die Regierung Hoffmann plante, die Räteherrschaft in München mit Gewalt zu beenden. Überall im Land wurde zur Bildung von Ortswehren und Freikorps aufgerufen, die den Kampf gegen die Räterepublik unterstützen sollten.

Ab Ostermontag, den 21. April 1919, begann die Lage in Schongau in bedrohlicher Art und Weise zu eskalieren. Bürger hatten am Dienstag nach Ostern beobachtet, dass am Schongauer Bahnhof Waffen in ein Militärauto verladen wurden. Vor dem Hintergrund, dass tags zuvor die Bildung einer Ortswehr vom Arbeiterrat abgelehnt worden war, bildete sich das Gerücht, der Magistrat habe heimlich Waffen zur Verteidigung der Stadt und zur Gründung einer Ortswehr beschafft.

Streik in der Papierfabrik

In der Papierfabrik kam es zu einem eintägigen Streik der Arbeiter. Die Arbeiter sahen sich bedroht, weil sie nicht nur glaubten, dass der Schongauer Stadtmagistrat die Gewehre beschafft habe, sondern auch, dass die Waffen gegen die Arbeiterschaft eingesetzt werden sollten.

Am Abend hatte sich der Zorn dann so weit gesteigert, dass es zu einer Demonstration kam, bei der Bezirksamtmann Freiherr von Ungelter einmal und stellvertretender Bürgermeister Bader sogar zweimal von den Demonstranten in dieser Angelegenheit verhört wurden. Tatsächlich war das Militärfahrzeug aber nur zu einem Zwischenhalt in Schongau, um Waffen von dort nach Garmisch zu transportieren.

Da sich Schongau nicht zur Aufstellung einer Ortswehr entschließen konnte und kommunistische Kräfte vorhanden waren, zählte es zu den Orten, die nicht hinter der Regierung Hoffmann standen.

Vor diesem Hintergrund erging am 26. April der Befehl an das Freikorps Landsberg, in Schongau militärisch einzugreifen. Das Freikorps wurde am Montag, den 28. April um 22.30 Uhr in Landsberg in die Bahn verladen und gelangte von dort aus bis zum Bahnhof Hohenfurch.

Freikorps marschierte auf Schongau zu

Ein Teil des Freikorps marschierte von dort mit vier Maschinengewehren auf Schongau zu, mit dem Befehl, die Stadt einzuschließen, was um 04.45 Uhr beendet war. Der andere Teil besetzte danach das Rathaus, die Post sowie weitere Gebäude und stellte der Stadt das Ultimatum, sich zur Regierung Hoffmann zu bekennen, alle Waffen abzuliefern, die kommunistischen Anführer auszuliefern, eine Ortswehr zu gründen und den Arbeiterrat neu zu besetzen. Der Stadtmagistrat nahm das Ultimatum an, und die Spartakisten wurden festgenommen. Bereits am 30. April zog das Freikorps wieder ab.

Die folgenden Wochen standen in Schongau politisch im Zeichen der Kommunalwahl am 15. Juni. Mit dem Gesetz über die Selbstverwaltung vom 22. April 1919 wurde in den Städten das alte Zweikammersystem abgeschafft. Stattdessen war ein Stadtrat nach dem Verhältniswahlrecht zu wählen.

Bei den Wahlen zum Stadtrat erhielt die BVP sechs Sitze, die SPD ebenfalls sechs Sitze und der Bayerische Bauernbund zwei Sitze. Zum Bürgermeister wurde in direkter Wahl Franz Bader gewählt.

Mit den Kommunalwahlen am 15. Juni des Jahres 1919 kann die Revolutionszeit in Schongau als beendet betrachtet werden. Die Stadtverwaltung war neu strukturiert worden.

Hinweis:

Bei diesem Bericht handelt es sich um eine Kurzfassung des gleichnamigen Artikels im Jahrbuch Der Welf 2018. Der ist zum Preis von 15 Euro erhältlich u.a. im Schongauer Stadtmuseum sowie bei Papierwaren Einzinger und der Bücher-Galerie in Schongau und in der Bücherei am Bach (Meierstraße 2) in Peiting.

HARALD SCHARRER

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