Zum ersten Mal lud die Musikschule Pfaffenwinkel zur Online-Versammlung. Erwin Krauthauf (li.) und Marcus Graf berichteten über ein „unheilvolles“ Jahr, den „Status quo“ und drohender Gefahr für die Schüler.
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Zum ersten Mal lud die Musikschule Pfaffenwinkel zur Online-Versammlung. Erwin Krauthauf (li.) und Marcus Graf berichteten über ein „unheilvolles“ Jahr, den „Status quo“ und drohender Gefahr für die Schüler.

Mitgliederversammlung erstmals online – Kreatives Kollegium und viel Hoffnung – Appell für Musikunterricht

Musikschule Pfaffenwinkel blickt auf „bewegtes Jahr“ zurück

Ein bewegtes Jahr liegt auch hinter der Musikschule Pfaffenwinkel sowie ihren Lehrern und Schülern. Mit welchen Gegebenheiten man zurechtkommen, welche Klippen umschifft werden mussten und welche Hoffnungen man hegt, das wurde bei der Mitgliederversammlung des Musikschulvereins dargestellt, die zum ersten Mal online stattfand.

Schongau - Das Teilnehmerfeld war dabei sehr überschaubar: Neben der Vorstandschaft um Erwin Krauthauf war einzig Schongaus Vize-Bürgermeisterin Daniela Puzzovio der Einladung zum Zoom-Meeting gefolgt. Bürgermeister oder Vertreter der neun Gemeinden, die Mitglied in den Vereinen der Musikschule sind, fehlten zum Bedauern der Anwesenden.

Derweil wäre es auch für sie vermutlich interessant gewesen, wie der „Status quo“ der größten musikalischen Lehranstalt im Umkreis nach diesem „unheilvollen Jahr“ ist, wie Erwin Krauthauf es nannte. Die guten Nachrichten zuerst: Die Musikschule beschäftigt derzeit 32 Musiklehrer, die zusammen 332 Unterrichtsstunden pro Woche anbieten. „Wir haben es geschafft, dass wir nur im Mai und Juni des vergangenen Jahres für 20 Prozent der Lohnstunden Kurzarbeit anmelden mussten“, vermeldete Krauthauf stolz.

Das läge unter anderem an den Eltern der Schüler, die trotz aller Widrigkeiten der Musikschule die Treue gehalten hätten. Es gab laut Vorstand nicht mehr Abmeldungen als in „normalen“ Jahren, in der Bläserklasse in Schongau gab es sogar eine Rekordanmeldung von 43 Schülern.

Auch finanziell steht die Musikschule Pfaffenwinkel auf soliden Füßen. Den Einnahmen von über 600 000 Euro stehen Ausgaben in etwa derselben Höhe gegenüber. Das Defizit konnte aus der Kasse der Freunde der Musikschule Pfaffenwinkel ausgeglichen werden. Der Förderverein investierte sogar noch knapp 28 000 Euro in neue Musikinstrumente und neue Tablets, die für den Online-Unterricht benötigt wurden und werden.

Lockdown, teilweise Öffnungen mit Schutz- und Hygienekonzept, erneute Einschränkungen und dann wieder die komplette Schließung: Musikschulleiter Marcus Graf zeigte in seinem Bericht das große Hin und Her des vergangenen Jahres auf. Trotz der fast monatlich veränderten Situation habe es die Musikschule dennoch geschafft, neben der Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs sogar neue Angebote ins Programm zu nehmen.

So gibt es jetzt in Apfeldorf, Lechbruck, Steingaden und Hohenpeißenberg Percussion-Klassen in den Grundschulen, in Bernbeuren ist eine Bläserklasse dazugekommen, und in Ingenried gibt es jetzt musikalische Früherziehung. „Die Lehrer sind wahnsinnig kreativ und nutzen die konzertfreie Zeit für Fortbildungen, um im Online-Unterricht und auch nach der Krise noch besser gerüstet zu sein“, lobte Graf sein Kollegium.

Auch die „gesteigerte Zusammenarbeit mit Schulen und Gemeinden“ und die große Solidarität der Schülereltern sei laut Musikschulleiter eine positive Auswirkung der Pandemie, „wenn man das überhaupt so sagen darf.“

Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille: Finanzielle Verluste durch den Wegfall von Konzerten und Veranstaltungen sind das eine. Ein noch viel größeres Problem, ja eine regelrechte Gefahr, sieht der Musikschulleiter in den seelischen Auswirkungen der Pandemie auf seine Schützlinge. „Wir Musiklehrer sehen oft verängstigte und verunsicherte Kinder und Jugendliche, die wir im Distanzunterricht nicht so abholen können, wie wir das in Präsenz leisten könnten“, bedauert Graf.

Denn ein zumindest in Ansätzen normaler musikalischer Unterricht würde den Mangel an sozialen Kontakten, wie ihn beinahe jeder Heranwachsende gerade erfährt, etwas abmildern. „Gemeinsames Lachen, erlebte Fröhlichkeit, gemeinsames Singen und Musizieren, das sind soziale und emotionale Stützpfeiler in der Bildung. Ein Fehlen dieser Aktivitäten gleicht einem Raubbau an der menschlichen Seele“, so Graf.

Doch Graf möchte mit seinem Appell nicht mit dem Finger auf andere zeigen oder lamentieren: er handelt. Unlängst hat er einen Brandbrief an Landrätin Andrea Jochner-Weiß, Bayerns Kultusminister Michael Piazolo, den stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger und Alexander Dobrindt geschrieben. Denn seiner Meinung nach könnte die Musikschule auch in der momentanen Situation ihre Pforten öffnen. „Wir haben ein sehr gutes Hygienekonzept und große Räume. Darin hat sich nachweislich niemand im vergangenen Jahr mit Corona infiziert“, appelliert er.

Bislang beißt er mit seiner Forderung aber auf Granit. „Ich merke bei Rückrufen große Nervosität seitens der Politik, und sie verweisen immer darauf, dass sie nur umsetzen dürfen, was ,von oben’ verordnet ist.“ Doch der Musikschulleiter gibt nicht auf, schlägt weiter Alarm und versendet Hilferufe.

Kraft dazu holt er sich beim „Noten schreiben wie blöd“, seinem kreativen Kollegium und der Vorfreude über die anstehenden Planungen: So soll es in weiteren Gemeinden Bläser- und Percussion-Klassen geben, und Ende Juni und den Juli über soll es an jedem Wochenende ein Serenaden-Konzert im Klosterhof geben. Damit die treuen Musikschüler und auch deren Lehrer endlich einmal wieder persönlichen Austausch mit Publikum haben – für die Seele.

CHRISTINE WÖLFLE

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