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Badeinsel und Steg am Schongauer Lido: Risiken von Treibholz bis zu Betrunkenen sprechen dagegen

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Von: Elena Siegl

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Beim Ortstermin schauten sich die Stadträte Badeinsel und Steg am Lido an und diskutierten über Risiken.
Beim Ortstermin schauten sich die Stadträte Badeinsel und Steg am Lido an und diskutierten über Risiken.  © Herold

Sollen Badeinsel und Steg wieder am Lido installiert werden? Bei einem Ortstermin wägten die Schongauer Stadträte die Risiken ab. Und davon gibt es aus Sicht der Verwaltung reichlich.

Schongau – Nur kurz waren Badeinsel und Steg am vergangenen Dienstagnachmittag wieder im Stausee. Mitarbeiter des Bauhofs hatten die beiden Elemente extra für eine Stadtratssitzung in den Lech gewuchtet, damit das Gremium sich vor Ort für eine Risikoanalyse – nach Leitfaden des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz – ein Bild machen konnte.

Anschließend wurde beides wieder entfernt. Eine Entscheidung fiel nicht. Erst in der kommenden Sitzung am 28. Juni wird abgestimmt, ob Steg und Insel ihren Platz wieder dauerhaft am Lido finden sollen.

Ergebnis eine Rechtsanwalts-Gutachten

Wegen der Haftungsfrage macht sich der Stadtrat die Entscheidung nicht leicht (wir berichteten). Im Falle eines Unfalls könnte das Gericht die Stadt verantwortlich machen – oder auch nicht. Zwar sei die Badestelle am Lech „von Natur aus gegeben“, weshalb man beispielsweise für Verletzungen am Schotter oder Pflanzen nicht hafte, erklärte Geschäftsleiterin Bettina Schade. Das gelte aber nicht für die künstlich geschaffene Badeinsel sowie den Steg. Welche Maßnahmen für einen sicheren Betrieb ergriffen werden müssen, ist allerdings nicht absehbar, zu diesem Schluss ist ein Rechtsanwaltsgutachten gekommen, das die Stadt in Auftrag gegeben hatte.

Brachten die Badeinsel in den Stausee: Bauhofmitarbeiter und Feuerwehrmänner.
Brachten die Badeinsel in den Stausee: Bauhofmitarbeiter und Feuerwehrmänner. © Herold

Schade hatte sich im Vorfeld der Sitzung der Analyse des gesamten Badebereichs angenommen und stellte ihre Ergebnisse vor, machte allerdings gleich klar, dass die Beobachtungen von Verwaltung und Stadtrat nicht ausreichen würden, einiges nur von Fachleuten geklärt werden könne. Zum Beispiel, ob ein Fremder erwarten würde, dass eine Badeaufsicht vorhanden ist. Schließlich gibt es am Lido unter anderem Einrichtungen wie Umkleidekabinen, WC’s, Duschen und Parkraumbewirtschaftung.

Auch um die Verkehrssicherheit der Anlagen selbst ging es in der Risikoanalyse. Vor der ersten Inbetriebnahme wurde im Prüfprotokoll 2015 festgestellt, dass es oberhalb der Wasseroberfläche keine Stellen gibt, an denen sich Schwimmer verfangen und schlimmstenfalls ertrinken könnten – jedoch kann durch Bewegungen der Schwimmelemente ein Öffnen und Schließen von gefährlichen Fangstellen nicht ausgeschlossen werden, erklärte Schade. Unter Wasser gab es bislang keine Prüfung. Das sei laut den aktuellen Herstellerempfehlungen, die nun angefordert wurden, aber wöchentlich nötig.

Mit Tauchgang die Sicherheit überprüfen

Die Angaben beziehen sich laut Schade auf stehendes Gewässer. Beim Lech müsste daher eigentlich „sofort nach jedem Sturm ein Tauchgang gemacht und die Unterseite überprüft werden“. Mit eigenen Leuten sei das nicht zu stemmen. „Der Bauhof hat noch keine Taucher.“ Bisher wurden die Elemente von Mitarbeitern zwei Mal wöchentlich oberhalb der Wasserfläche angeschaut.

Außerdem legt der Hersteller in seinen Richtlinien fest, dass maximal 25 Erwachsene bzw. 50 Kinder gleichzeitig auf der Insel seien dürfen. Unter der Insel dürfe nicht getaucht werden. Auch das sei ohne Badeaufsicht für die Stadt nicht zu kontrollieren, so Schade. Bisher wurde die Badeinsel vom TÜV als Bootsanlegestelle geprüft, jetzt, nach dem BGH-Urteil von 2017 zur Aufsichtspflicht in kommunalen Freibädern, strenger als Freizeitanlage, ergänzte Thomas Ola.

Staubetrieb hat sich verstärkt

Besonders gefährlich aus Sicht der Verwaltung ist das Treibgut, dass sich insbesondere in den Verankerungsketten der Badeinsel leicht verfängt. Die Badeinsel sei dafür nicht ausgelegt, meinte Schade, die das Wort an Stadtförster Klaus Thien gab.

Nach seiner Beobachtung habe sich der Staubetrieb verstärkt. Der Wasserstand verändere sich mehrmals am Tag. Weil mehr Bewegung im Lech sei, werde auch mehr Treibgut angeschwemmt, das sich schon in der Vergangenheit an der Insel verfangen hätte. Einmal habe sich sogar ein Fichtengipfel darunter verhakt. „Die Gefahr unter der Badeinsel ist nicht erkennbar“, so Thien. Jemand, der von der Insel ins Wasser springt, könnte sich auf einem Ast aufspießen, so der Bürgermeister.

Ein Problem sind auch Starkregenereignisse

Außerdem komme es vermehrt zu Starkregenereignissen – „schnell und unvorhergesehen“, sagte Thien. Manchmal müsse er im Wald Leute einsammeln. Man müsste also am Lido darauf hinweisen, auf die Wetterlage zu achten. „Wir haben keine Badeaufsicht, die eine Durchsage machen kann, dass das Wasser verlassen werden soll“, ergänzte Bürgermeister Falk Sluyterman.

Im Bootshaus würden regelmäßig Partys gefeiert; man müsse damit rechnen, dass alkoholisierte Personen zur Badeinsel schwimmen wollen und ertrinken. „Da könnte man sagen ,selber schuld’ – aber wenn wir von den Nutzern wissen, trifft uns ein Rest an Verantwortung“, so Sluyterman.

Man will Jugendlichen nicht den Badespaß nehmen

Der Stadtrat soll aus der Haftung sein, lebensbedrohliche Fallen ausgeschlossen werden – dazu benötige es aber die Expertise von Fachleuten, so Schade, die empfahl, von solchen eine Risikobewertung machen zu lassen. Niemand sei angetreten, um Jugendlichen den Badespaß zu nehmen, und solange nichts passiert, sei es sicherlich schön, Badeinsel und Steg zu haben. Allerdings seien diese mit erheblichen Risiken behaftet.

Stimmen aus der Diskussion:

Nach den Ausführungen der Geschäftsleiterin Bettina Schade diskutierte der Stadtrat. Markus Keller (Grüne) merkte an, dass sich Treibgut überall im Lech anlagere – nicht nur an der Insel. Und man auch da hängen bleiben könne. Auch wenn es paradox klinge, sei dann aber nicht die Stadt verantwortlich, so Schade.

Keller gab außerdem zu bedenken, dass (betrunkene) Menschen nicht nur auf die Badeinsel schwimmen könnten, sondern auch auf das Lechfloß, das wenige Meter weiter ankert. Er habe das schon beobachtet. „Das werden wir überdenken müssen“, so Sluyterman. Allerdings habe ein Floß ja eine ganz andere Funktion und lade nicht zum hinschwimmen ein.

Marianne Porsche-Rohrer (CSU) brachte den Schongauer Tauchclub ins Spiel, der eventuell die Unterwasserkontrolle übernehmen könnte. Dass man Ehrenamtliche finde, bezweifelte der Bürgermeister. Kosten sollten nicht entstehen, schließlich habe man auch noch das Plantsch mit vielen Attraktionen, bei dem schon jährlich ein Defizit von einer Million Euro zu begleichen sei.

Bettina Buresch (Grüne) wunderte sich über die vielen neuen Argumente. „Wo fängt man an, wo hört man auf?“ Sie habe den Eindruck, „es ufert aus“. Zum Beispiel habe man auch im Zuge des Triathlons einen Zugang zum Lech nahe des Volksfestplatzes geschaffen, der von Campern auch genutzt werde. Müsse man den dann nicht auch sperren? Nein, meinte der Bürgermeister. Man habe ein Recht auf Zugang zum Wasser. Es gehe nur darum, inwieweit man eine Magnetwirkung schaffe.

Kornelia Funke (CSU) war in den Pfingstferien an verschiedenen bayerischen Badeseen. Mal war der Steg mit einem Gitter abgesperrt und nur bei Anwesenheit der Wasserwacht nutzbar, mal war die Insel ganz herausgenommen worden. Allerdings habe sie sich auch mit Feuerwehrkommandant Werner Berchtold unterhalten, der im Internet auf einen Artikel des Fürstenfeldbrucker Tagblatts gestoßen war: Im Pucher Meer wurde die Badeinsel – vergleichbar mit der Schongauer – wieder ins Wasser gelassen. Schilder weisen auf Gefahrenstellen hin. Und aus der Satzung wurde eine Hausordnung.

Dass es nur um den „worst-case“-Fall gehe, ärgerte Gregor Schuppe (ALS). Er sprach sich dafür aus, ein Gutachten durch einen Fachmann erstellen zu lassen und nicht auf Verdacht zu entscheiden. Auch Thomas Schleich (UWV) forderte einen sauberen Abschluss. „Für mich ist es ein riesiger Unterschied, ob die Badeinsel einmal in der Woche oder mehrmals am Tag kontrolliert werden muss.“

Etwa 4000 bis 5000 Euro würde die Risikobewertung wohl kosten, hieß es auf Nachfrage von Ilona Böse (SPD). Zu viel, um es in den Sand zu setzen, fand die Stadträtin. Dafür solle man lieber einen Spielplatz aufwerten. Auch wenn sie das mögliche Aus für Badeinsel und -steg bedauerte: „Die Eigenverantwortung wird leider negiert. Das macht es uns schwieriger. Das liegt an der Gesetzeslage“.

Vor der Sitzung habe er noch gedacht, „das gehört beides rein“, erzählte Martin Schwarz (SPD). Nach der Diskussion sah das anders aus: „Die Badeinsel ist für mich gestorben. Aber den Steg würde ich ungern auch noch hergeben.“ Da könne man eh nicht drunter durchtauchen und man könnte ihn leichter kontrollieren.

Viele Schongauer hielten die blauen Einrichtungen im grünen Lech eh für ästhetisch nicht gelungen. Vielleicht sei der Verlust also gar nicht so groß und die Renaturierung könne als Vorteil gesehen werden, so Stadtbaumeister Sebastian Dietrich.

Zu guter Letzt ergriff der ehemalige zweite Bürgermeister Tobias Kalbitzer das Wort, nachdem der Bürgermeister erklärt hatte, nun ins Gespräch mit den Zuhörern kommen zu wollen. Von „natürlicher Badestelle“ könne doch gar keine Rede sein, so Kalbitzer. „Auf der einen Seite das Floß, auf der anderen der Staudamm – alles menschengemacht“, aber man störe sich nur an Badeinsel und Steg. Das Floß lade genauso zum Rüberschwimmen ein, wie man als Lidobesucher leicht beobachten kann. Und für die jungen Bürger sprang Kalbitzer in die Bresche: „Die gehen bei Bootshauspartys nicht betrunken ins Wasser. Weil sie sich zum Feiern nämlich gut anziehen und gar kein Handtuch dabei haben.“

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