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Colette Baar (li.) und Géva Bonnet verbindet eine Freundschaft, die ein Leben lang hält. 

Emotionales Wiedersehen zweier Schulfreundinnen

Eine bemerkenswerte Freundschaft: Colette (92) und Géva (92) haben sich nach 20 Jahren wieder getroffen

Es gibt Freundschaften, die Belanglosigkeiten in die Brüche gehen. Nicht so bei Colette Baar und Geneviève Bonnet. Ihre Freundschaft hält seit nahezu 80 Jahren.

Schongau – Es ist ein sehr emotionales Wiedersehen. Die zwei Frauen des Jahrgangs 1927 blicken sich tief in die Augen, es folgt eine feste Umarmung. Sekundenlang halten sie sich umschlungen, die Zeit scheint für die beiden still zu stehen.

Nach 20 Jahren treffen sich Colette Baar und Geneviève Bonnet wieder. Die beiden Frauen, die während des Krieges in der Oberschule für Mädchen in Metz gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, sind überglücklich, sich wieder einmal zu treffen. Diesmal in Schongau. Ein vereintes Europa macht’s problemlos möglich.

Die Schongauerin Colette (92) wollte unbedingt ihre alte Schulfreundin treffen

Wer kennt sie nicht in Schongau? Die kleine zierliche Colette Baar (92), die seit Jahren mit ihrem Ehemann Hans in der Lechstadt wohnt. Hans, der Hüne aus dem Saarland, und Colette mit ihrer unverwechselbaren deutschen Aussprache mit französischem Akzent. Vor zwei Jahren haben sie Diamantene Hochzeit gefeiert.

Colette hat dabei einen besonderen Wunsch geäußert. Sie wollte unbedingt nochmal ein Treffen mit ihrer alten Schul- und Jugendfreundin Géva (92) erleben, die seit vielen Jahren in der Toskana lebt. Deren Tochter Valerie hat es jetzt möglich gemacht und ihre Mutter in zwei Etappen nach Schongau gefahren.

Eine ganze Woche gehörte jetzt Colette und Géva allein, um in Erinnerungen zu schwelgen. Jede Menge Gesprächsstoff ist vorhanden, penibel genau von Colette in ihrem Tagebuch von damals festgehalten. Mit erstaunlich beeindruckenden Bildern untermalt. Die zwei Freundinnen durchblättern es, und Colette erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre. Vor allem die Anekdoten gibt sie zum Besten, über die sie heute noch köstlich lachen muss.

Eines der Tagebücher, in dem Colette Baar ihre Gedanken auch in kleinen Zeichnungen festhielt. Oben Géva schlecht gelaunt, unten Colette gut gelaunt.

Die Freundinnen erinnern sich an die gemeinsame Schulzeit: Sie durften nicht mehr französisch sprechen

Damals, im Jahre 1942, hätte einem das Lachen vergehen können. „Von einem Tag auf den anderen durften wir kein Französisch mehr sprechen“, erzählt Colette. „Ob wir wollten oder nicht, es gab nur noch die deutsche Sprache für uns“, ergänzt sie. Und setzt noch eins drauf: „Die ersten zwei Worte für alle gemeinsam war „Heil Hitler“.

Gleich danach kam die zweite große Neuregelung: Alle Vornamen mussten geändert werden. „Aus meinem Taufnamen Geneviève wurde Genofeva, was für mich schrecklich war“, sagt Géva Bonnet. Deshalb wählte sie mit hartnäckiger Unterstützung von Colette diese Abkürzung, die ein Leben lang blieb.

Colette zeigt ihren ersten Verweis wie eine Trophäe

Colette selbst hatte es einfacher: „Die Deutschen fanden für meinen Namen keine andere Version, deshalb blieb er mir“, erinnert sie sich. Und erwähnt sogleich ihren ersten Verweis, den sie wie eine Trophäe aus dem Tagebuch herausnimmt: „Wir sollten das Deutschlandlied singen. Erst weigerte ich mich, dann bewegte ich immer nur die Lippen und wurde von einem linientreuen Mitschüler verpetzt“, erzählt sie.

Auch wurden die Mädels ein zweites Mal verpetzt, als sie in ihren Gasmaskenbeuteln statt der Masken Süßigkeiten aus der Bäckerei von Gévas Vater dabei hatten.

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Es gab aber auch lustige Nächte. Immer wieder mussten Colette und Géva von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang Brandwache auf dem Dachboden der Schule halten. Vor allem nach einem Fliegerangriff musste kontrolliert werden, ob Brandbomben Schäden angerichtet haben: „Uns standen zwei Zimmer mit einem Klavier zur Verfügung, wo wir immer lustige Lieder auf Französisch sangen“, sagt Baar. „Bis wir dann die Flasche mit dem weißen Likör fanden“, ergänzt Bonnet.

Die beiden Freundinnen haben zusammen im Chor gesungen

Auch an ihren ersten Lohn können sich die beiden Frauen noch erinnern: Es wurden Sängerinnen für den Chor hinter den Kulissen zur Oper „Isabella von Spanien“ gesucht. Géva war eine gute Sängerin, Colette das Gegenteil. Hier halfen ihr die überzeugenden Lippenbewegungen auf der Bühne. Anfangs beim Deutschlandlied fatal, später gewinnbringend. Beide durften mitmachen, beide bekamen ihre Gage.

Sogar ihre alten Zeugnisse konnte Baar über die Jahrzehnte in ihrem Tagebuch verstecken. Bemerkenswert: Damals gab es zu den Zwischen- und Jahreszeugnissen auch noch Oster- und Weihnachtszeugnisse. Und das mit dem dicken Schulsiegel mit Hakenkreuz.

VON HANS-HELMUT HEROLD

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