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Bürgermeister Falk Sluyterman: „Retten, was es für Schongau zu retten gibt“

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Von: Elke Robert

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Will im Sozialen Wohnungsbau für das kommende Jahr die Ärmel hochkrempeln: Bürgermeister Falk Sluyterman.
Will im Sozialen Wohnungsbau für das kommende Jahr die Ärmel hochkrempeln: Bürgermeister Falk Sluyterman. © Hans-Helmut Herold

Auch im Jahr 2021 musste in Schongau vieles hintenanstehen, manches wurde aufgeschoben, nur wenige Sachen konnten verwirklicht werden. Voran geht es dennoch. Und auch wenn die Türen des Rathauses verschlossen sind, werden jeden Tag die Ärmel hochgekrempelt. Wir sprachen zum Jahresabschluss mit Bürgermeister Falk Sluyterman.

Was hat dieses zweite Corona-Jahr mit Ihnen als Bürgermeister gemacht?

Es hat die Arbeitswelt stark verändert, auch meine. Bei manchen Dingen kommt man ins Grübeln, was etwa die Haltung von Impfgegnern oder Querdenkern anbelangt. Ich rede weniger von der Skepsis wegen des Impfstoffes, sondern über Leute, die der Meinung sind, dass die Pandemie erfunden sei. Ich bin selbst schon in diesem Zusammenhang als „Lügenbaron von Schongau“ bezeichnet worden. Da frage ich mich: Wo driftet unsere Gesellschaft hin?

Und wie ist das als Arbeitgeber? Wie ist die Impfquote im Rathaus?

Das klappt gut, wir haben eine hohe Impfquote. Es gibt auch einige, die sich bisher nicht impfen lassen wollen, das muss ich natürlich akzeptieren. Aber einer meiner ehemaligen Vorgesetzten im Bundesverkehrsministerium ist im Frühjahr binnen sieben Tagen an Corona gestorben. Ich möchte nicht, dass das einen der Beschäftigten im Rathaus ereilt.

Was war Ihre größte Sorge in diesem Jahr?

Dass wir Corona-bedingt das Rathaus komplett schließen müssen und den Betrieb nicht aufrechterhalten können. Dies ist aber gottlob nicht passiert, wir sind bisher gut durch die Krise gekommen. Wir haben unsere Aufgaben gut gemeistert – auch im baulichen Bereich, wie z.B. unser Feuerwehrgerätehaus oder der Kindergarten Regenbogen. Da war ich in Sorge, dass wir ein bisschen ins Trudeln geraten könnten.

Und die größte Überraschung?

Positiv überrascht waren wir über die großzügigen Förderungen – für die Belebung der Innenstadt und fürs Eisstadion. Schön war, dass trotz der Pandemie manche Veranstaltungen stattfinden konnten, etwa die Einweihung des Altars der Dreifaltigkeitskirche oder die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Kugler am Marienplatz. Eines der Highlights war, dass ich den Schongauer Bergsteigerchor auf seiner Fahrt nach Colmar begleiten konnte, mit Zwischenstopp und Konzert in meiner ursprünglichen Heimatstadt Freiburg. Auch die Bürgerversammlung konnte als Präsenzveranstaltung stattfinden – wenn auch auf dem letzten Drücker.

Dass sich Schongau im Krisenmodus befindet, darauf deutete die Prioritätenliste des Stadtrats hin. Dabei steht wirklich nichts Überflüssiges drauf.

Die Projektliste ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass wir weniger Steuereinnahmen haben, sondern dass es so viele Projekte sind, dass wir sie personell gar nicht zeitgleich abwickeln können. Realistischer Weise könnten wir mit dem jetzigen Personal in den nächsten Jahren gar nicht viel mehr Maßnahmen umsetzen.

Auf der Liste ganz oben: die Mittelschule.

Ich bin froh und glücklich, dass wir die Generalsanierung der Mittelschule ganz oben angesiedelt haben. Wir hatten schon Planungskosten von fast einer Million Euro investiert, das Projekt weiter in die Zukunft zu schieben, hätte es auch nicht günstiger gemacht. Man muss auch aufpassen, dass Schüler, Eltern und Lehrer nicht das Gefühl haben, dass man sie aufs Abstellgleis schiebt.

Das ging aber nicht ohne eine Anpassung der Hebesätze.

Ich habe in meinem Schreiben an die Betriebe extra darauf hingewiesen, dass die Schüler und Schülerinnen, die die Mittelschule verlassen, meistens diejenigen sind, die in die großen Betriebe zur Ausbildung gehen, sodass der Fachkräftemangel dort nicht zu einem großen Problem wird. Die Unternehmen, mit denen ich gesprochen habe, können nachvollziehen, dass wir keine Luxusprojekte finanzieren, sondern auch Dinge, die für die Betriebe elementar wichtig sind.

Bei der Gewerbesteuer haben (fast) alle an einem Strang gezogen. Zeugt davon, dass es nötig ist.

Genau! Der Hebesatz ist ein ganz fragiles System und ist ein wichtiger Standortfaktor für unsere Stadt. Wir hatten jahrelang eine gute Einnahmesituation, was sich daran zeigt, dass Schongau, seit ich im Amt bin, nie irgendwelche Schlüsselzuweisungen erhalten hat. Da konnte man zu Recht sagen, mit den Steuereinnahmen müssen wir klarkommen. Durch Corona haben wir jedoch einen Einbruch bei der Gewerbesteuer. Wenn wir uns auf ein so großes Projekt einlassen, wie auf die Generalsanierung der Mittelschule mit einem Investitionsvolumen von rund 22 Millionen Euro, muss die Finanzierung auf soliden Beinen stehen.

Die Schule zählt zu den Pflichtaufgaben der Stadt, das Plantsch eher nicht. Bad-Chef Andreas Kosian malt eine düstere Zukunft.

Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, unser Freizeit- und Erlebnisbad Plantsch in Schongau zu halten. Wir sollten unseren Optimismus nicht verlieren und hoffen, dass uns Corona nicht ganz die Luft nimmt, sodass wir im Laufe des nächsten Jahres wieder den normalen Badebetrieb fahren können. Wir haben eine großzügige Förderung für Badewassertechnik und Rutsche bekommen. Das Schwimmbad ist auch ein wichtiger Standortfaktor für Schongau. Deshalb wäre es schön, wenn der Freistaat erkennen würde, dass man die Bäder auch im Betrieb unterstützen muss, da gibt es bisher nämlich keine Förderung. Das ist aber Wunschdenken.

Es gibt aktuell keine Schließungspläne?

Nein, es gibt keine Stimmen aus dem Stadtrat oder dem Verwaltungsrat, die eine Schließung fordern. Die Stadt steht hinter unserem Plantsch und seinen Beschäftigten. Das Kurzarbeitergeld wurde aufgestockt, auch, um die Beschäftigten zu halten und zu unterstützen.

Auch der Soziale Wohnungsbau steht auf der Prioliste ganz oben, aber bei den Wohnungen „Im Tal“ zieht sich ohnehin schon alles so lang hin.

Da macht sich – nicht nur „Im Tal“, sondern auch bei den städtischen Wohnungen in Schongau-West – ein Investitionsstau bemerkbar, der aber nicht erst in den letzten sieben Jahre entstanden ist, sondern sich schon seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, hinzieht. Jetzt besteht eben Handlungsbedarf.

Aber da sprechen wir auch schon wieder über Jahre...

Die Dinge sind nicht so profan, es braucht Zeit, aber wir arbeiten daran. Mir wäre es auch lieber, wenn man manche Projekte schneller umsetzen könnte. Das Gegenbeispiel ist der Kindergarten Regenbogen: Wenn man die Dinge nicht immer mit ganz heißer Nadel strickt, sondern in Ruhe plant, gibt es eine Lösung, die allen gerecht wird. Wir haben zudem eine erhebliche Förderung bekommen, die sonst nicht geflossen wäre. Und wenn es wirklich schnell gehen muss, wie beim Haus für Kinder, dann ist es möglich, ein großes Projekt in relativ kurzer Zeit zu stemmen. Es braucht nicht alles Jahrzehnte wie beim Sozialen Wohnungsbau. Aber es stimmt, da müssen wir eine Schippe drauflegen.

Sie nannten vorhin das Stichwort Abstellgleis, da sprechen wir gleich über das Thema Bahn. Die neuen Fahrpläne hängen die Region noch weiter ab.

So ist es, wir sind weiter auf dem Abstellgleis, die Verbindung von Schongau über Weilheim nach Augsburg war ohnehin schon viel zu langsam im Vergleich zum Auto, aber es war wenigstens eine Möglichkeit für eine durchgehende Verbindung. Jetzt erhöht sich die Fahrzeit, so dass realistischer Weise, diese Verbindung keiner mehr nehmen wird. Es bleibt nur die Möglichkeit, in Weilheim umzusteigen und über Pasing nach Augsburg zu fahren. Das ist bedauerlich, aber könnte der Fuchstalbahn zu neuem Schub verhelfen. Die Argumente zur Reaktivierung dieser Verbindung, die uns in viel kürzerer Zeit nach Landsberg, Kaufering oder Augsburg brächte, liegen ganz klar auf der Hand. Ich würde mir wünschen, dass bei den Skeptikern jetzt ein Umdenken stattfindet, und dass sie sich doch für die Fuchstalbahn einsetzen.

Ein großes Thema in Schongau ist das Krankenhaus. Was ist jetzt aus Ihrer Sicht zu tun?

Das Krankenhaus ist für die Stadt Schongau eine ganz wichtige Einrichtung mit jahrzehntelanger Tradition. Den Zentralisierungsplänen stehe ich ambivalent gegenüber. Ich kann verstehen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind, die Kliniklandschaft muss und wird sich verändern. Aber ist der Königsweg ein zentrales Krankenhaus, oder könnte man das Krankenhaus Schongau nicht auch entsprechend ausbauen?
Ist die Verlagerung vieler Stationen nach Weilheim nicht auch einer der Gründe, dass der Standort Schongau nicht mehr so attraktiv ist? Die nicht sehr gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist immer wieder Thema. Aber was tun wir denn dafür, die Situation zu verbessern? Das wäre schon ein Interview für sich.

Da wäre die Verlängerung der Pfaffenwinkelbahn hilfreich . . .

Da hat sich bisher nicht viel getan, man müsste gemeinsam Druck aufbauen - als Mittelzentrum und mit der Landrätin. Ich habe immer wieder versucht, Kräfte zu bündeln. Das ist mir nicht gelungen - auch nicht bei der Fuchstalbahn. Man könnte diese Dinge verändern und verbessern. Die Frage ist, warum man sich bereits jetzt auf ein Zentralklinikum festlegen muss. Ich hatte im Kreistag einen Gegenantrag gestellt, um zu klären, ob man sich ein zentrales Krankenhaus finanziell überhaupt leisten kann. Erst dann stellt sich die Frage: Ist ein Zentralklinikum realistisch oder nicht. So lange hätte man mit der Weiterentwicklung der beiden Standorte warten müssen. Das ist von der zeitlichen Abfolge her nicht besonders geschickt.

Und was kann man als Stadt Schongau jetzt unternehmen?

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Schongau medizinisch nicht vollkommen abgehängt wird, und dass alles, was in dem Gutachten für Schongau vorgeschlagen wird, auch umgesetzt wird – angefangen vom Ambulanzzentrum bis zur Pflegeschule. Das Ausbildungszentrum beispielsweise hat bisher davon profitiert, dass das Schongauer Krankenhaus direkt angrenzt. Altersmedizin klingt wunderbar, kann aber auch nur dann funktionieren, wenn die Grundversorgung für die alten Menschen gegeben ist; sie wollen ja nicht für jede Kleinigkeit nach Peißenberg oder Weilheim fahren müssen. Aus meiner Sicht gibt es ein paar Ungereimtheiten in dem Gutachten, hierbei macht es Sinn, diese kritisch zu hinterfragen. Dafür müssen wir unsere Kräfte bündeln, um zu retten, was es für Schongau zu retten gibt.

Apropos Kräfte bündeln: Was ist in der Kommunikation mit den Nachbarn Peiting oder Altenstadt schiefgelaufen? Wo sind die Demonstranten aus anderen Orten, die für das Krankenhaus oder die Fuchstalbahn kämpfen?

Beim Thema Fuchstalbahn hatte ich zum runden Tisch eingeladen, der Kollege aus Altenstadt hat bisher teilgenommen. Der Kollege aus Peiting fühlt sich nicht als Anrainer der Fuchstalbahn, da kann ich offenbar keine Überzeugungsarbeit mehr leisten, das muss ich so akzeptieren. Vielleicht kann man das im Frühjahr beim IKEK-Lenkungsausschuss noch mal ansprechen.

Beim Thema Krankenhaus gab es eine namentliche Abstimmung. Da stand Schongau mehr oder weniger allein auf weiter Flur, oder?

Die Kollegen aus Altenstadt und Hohenfurch haben für den Beschlussvorschlag der Kreisverwaltung zur Planung des Zentralklinikums gestimmt – wie auch einzelne aus der SPD-Fraktion im Kreistag. In Peiting ist der Amtskollege zudem Mitglied des Aufsichtsrates der Krankenhaus GmbH und steht offenbar hinter dem Gutachten. Man geht wohl davon aus, dass das Gutachten alternativlos sei – das will ich den Kollegen gar nicht zum Vorwurf machen, ich sehe dies aber anders.

Das Mittelzentrum ist also nicht mehr vorhanden?

Tatsächlich muss man sich fragen, wo ist der Widerstand der dortigen Bürgerschaft? Dass von daher bisher relativ wenig kam, verwundert mich schon ein bisschen.

Langer Rückblick, kurzer Ausblick. Wohin geht im Jahr 2022 die Reise? Wo müssen Sie die Ärmel hochkrempeln?

Abgesehen von der Mittelschule, können wir erst mal nur planen. Stichwort Sonnengraben, da wird es 2023 losgehen, ein wichtiges Projekt, das seit Jahren versprochen wird. Im Bereich Straßenbau sind wir mit der Straßenzustandserfassung gut vorangekommen. Wir wollen zusammen mit dem TSV mit Hochdruck an die Planung der Dachsanierung des Eisstadions gehen. Außerdem werden wir Sichtbeziehungen zum Lech beim Kneippbecken schaffen. In Sachen Parkraumbewirtschaftung Lido werden wir mit Blick auf den Bürgerantrag das Thema erneut im Stadtrat behandeln. Auch bei den Vereinen kann die Stadt Unterstützung geben, damit der Start nach Corona wieder gelingen kann. Wir müssen schauen, dass der Motor des kulturellen Lebens in unserer Stadt, wieder anspringt. Das muss wieder Fahrt aufnehmen.

Ihr Herzenswunsch für 2022 als Bürgermeister von Schongau?

Dass uns Corona nicht mehr in dieser Form beschäftigt, alle gesund bleiben und wir die durch die Pandemie entstandenen Gräben wieder zuschütten. Es wäre schön, wenn wir alle geplanten Projekte umsetzen können und einen guten Weg finden für unser Krankenhaus und auch für die Mobilitätswende. Und dass wir alle einen Beitrag dafür leisten, dass Schongau weiterhin ein lebenswertes und liebenswertes Städtchen bleibt.

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