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Interessierte Besucher beim ersten Schongauer Wirtschaftsempfang 2016

Interview mit Harald Dinter vom Bund der Selbstständigen Schongau

„Bürokratie erstickt Initiative im Kleinen und im Großen“

  • Elke Robert
    vonElke Robert
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Wo drückt der Schuh?“ Diese Frage sollte beim Wirtschaftsempfang Schongau gestellt werden, der ausfiel. Jetzt wird das Thema bei einer eigenen Veranstaltung focussiert.

Schongau – Angekündigt im Januar und von der Planung her weit fortgeschritten, war der Wirtschaftsempfang seitens der Stadt kurzfristig abgesagt worden. Jetzt greift das Forum Gesundes Unternehmen bei einer Veranstaltung am morgigen Mittwoch im Ballenhaus die Frage auf (18.30 Uhr). Ein Gespräch mit Mitveranstalter Harald Dinter vom Bund der Selbstständigen (BDS).

Der Wirtschaftsempfang war mit Wirtschaftsförderin Meike Petro schon komplett vorbereitet gewesen, jetzt focussieren Sie das Thema.

Das Thema ist zu wichtig, so dass wir es jetzt in Eigenregie machen. Das traurige ist: Wir hätten nur einen neuen Ansprechpartner gebraucht. Die Information geht normalerweise über die Stadt persönlich an alle Gewerbetreibenden. Diese Möglichkeiten haben wir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mehr. Wir nutzen verschiedene Kanäle, alle erreicht man so aber nicht. Es hat aber auch einen Vorteil: Der Wirtschaftsempfang wäre nur an Gewerbetreibende der Stadt Schongau gerichtet gewesen, das halte ich für zu kurz gedacht.

An der Stadtgrenze darf nicht Schluss sein

Inwiefern?

Genauso wie die Gewerbeschau im Schulterschluss mit Peiting stattfindet, kann nicht an der Stadtgrenze Schluss sein, das muss man ein bisschen weitsichtiger sehen. Das geht vielen auch so ein bisschen ab, es ist eher ein Gegeneinander als ein Miteinander.

Hatten Sie diesen Eindruck auch bei der Gewerbeschau? Sie waren mit dem BDS selbst vertreten.

Die Organisation war nicht schlechter als im Vorjahr, aber man darf auch nicht alles aufs Wetter schieben, denn es gab viele parallele Veranstaltungen. Selbst Bürgermeister Asam hat sich bei der Eröffnung entschuldigen lassen. Da sieht man schon, welche Wertigkeit die Gewerbeschau hat.

Haben Sie denn Verbesserungsvorschläge?

Die Aussteller sind frustriert, es gab durch die Bank lange Gesichter, denn es heißt Gewerbeschau, ist aber eine Endkonsumenten-Messe. Manche gehen mit falschen Vorstellungen hin, für eine Mietwäsche-Firma ist dies hier die falsche Zielgruppe. Ich würde die Messe nur alle zwei Jahre abwechselnd mit Peiting machen, also alle vier Jahre in Schongau – dann kommen Aussteller und Besucher.

Wo drückt denn die Schongauer Gewerbetreibenden der Schuh?

Für die Handwerksbetriebe ist es schwierig, Personal zu finden, weil die Industriebetriebe die jungen Mitarbeiter abziehen – sie zahlen besser. Die Frage ist also, wie schaffe ich für die kleinen Betriebe eine höhere Attraktivität, denn die Aufträge und damit die Bestandssicherheit ist ja da.

Die Schongauer Internetversorgung lässt zu wünschen übrig

Wie sieht es mit der Internetversorgung aus? Das war Thema im Stadtrat.

Vor allem die mobile Internetverfügbarkeit in der Schongauer Altstadt wird bemängelt. Wenn ein Gewerbetreibender bei Kunden nicht sein Angebot zeigen kann, ist das für jeden Standort ein No-Go. Und wenn ich schon den Begriff „Masterplan“ höre, dann weiß ich, es dauert drei bis fünf Jahre. Wie mit dem ISEK sind dies gute Ansätze, um an Fördergelder zu kommen, aber ich muss heute den Bedarf decken. Etwas in die Zukunft zu schieben, gar in die nächste Legislaturperiode, bringt nur Frust auf allen Seiten. Es geht um das schnelle Erfassen und das schnelle Handeln.

Gewerbetreibende sagen auch, dass die Bürokratie zu groß ist?

Im europäischen Ausland ist manches einfacher, bei uns dauert ein Baugenehmigungsverfahren ein Jahr. Bürokratie erstickt Initiative im Kleinen und im Großen.

Für Märkte: Runder Tisch mit Gastronomie und Organisatoren  

Das hat aber die Stadt Schongau nicht unbedingt selbst in der Hand.

Aber man könnte z.B. gemeinsam mit Bürgermeister-Kollegen etwas erreichen. Und die Stadt könnte versuchen, ihre Attraktivität zu erhöhen. Wenn es zu leer ist wie am Kunst- und Kuriositätenmarkt, ist es auch nicht mehr attraktiv. Man könnte einen gemeinsamen runden Tisch machen mit Gastronomie und Organisatoren und mal zuhören, wo der Schuh drückt. Als Stadt muss ich rangehen und fragen, wie kann ich das stärker unterstützen. Der Tourismus in Schongau ist unterirdisch. Nur wenn man die Übernachtungszahlen der Handwerker mit einrechnet, ist das dolle. Wir brauchen eine lebendige Stadt. Da muss sich aber vielleicht auch jeder selbst fragen, was kann ich dafür tun.

Wo drückt Sie selbst der Schuh?

Der Ton wird rauer vom Kunden Richtung Dienstleister, die Wertschätzung nimmt ab, die Umgangsformen sind schlechter geworden. Der Dienstleister wird oft als Leibeigener behandelt. Ich bin froh, dass ich keine Fixkosten habe, heute könnte ich mich nicht mehr so einfach selbstständig machen.

Info: Das Forum Gesundes Unternehmen lädt ein für Mittwoch, 10. Juli, ab 18.30 Uhr unter dem Motto „Wir Unternehmer bewegen das Oberland  wo drückt der Schuh“ zu einer interaktiven Veranstaltung mit acht Kurzvorträgen. Die Veranstaltung im Ballenhaus wird unterstützt vom BDS Ortsverband Schongau.


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