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So eng steht das Team der Schongauer Hausarztpraxis Kayser dieser Tage nur fürs Foto beinander. 

Arbeit nach dem Pandemieplan

Corona-Krise: Wenn die Hausarztpraxis zum Hochsicherheitstrakt wird

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Die Hausarztpraxen im Schongauer Land arbeiten nach Pandemieplan. Nur noch im äußersten Notfall sollten Patienten den Weg zur Praxis suchen. Ansonsten gilt: Wer ein Rezept oder auch eine Krankschreibung braucht, kann das alles von zu Hause erledigen. Wir haben die Hausarztpraxis Martin Kayser in Schongau besucht – natürlich im gebührenden Sicherheitsabstand.

Schongau – Oberstes Gebot in der Schongauer Hausarztpraxis Kayser: Wer Erkältungssymptome zeigt, bleibt zu Hause. Das gilt für die Patienten. Aber auch für die Ärzte. Auch Praxis-Chef Martin Kayser hat sich deshalb in häusliche Quarantäne begeben und besucht die Praxis an diesem ersten Tag des Shutdown nur für das Treffen mit der Zeitung. Kranke haben dieser Tage im Team nichts verloren. Zu groß ist die Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus. „Wenn bei uns der Laden dicht ist, und bei anderen Hausärzten dann vielleicht auch, dann bricht die Versorgung der Kranken zusammen.“ Kein schönes Szenario.

„Die Leute haben nicht verstanden, dass sie zuhause bleiben sollen.“

Und trotzdem dauert es, bis die Botschaft beim Patienten ankommt. „Am Anfang der Woche war es chaotisch. Die Leute haben nicht verstanden, dass sie zu Hause bleiben sollen.“ Will heißen: Rezepte und Krankschreibungen sollen nur noch telefonisch, per What’sApp oder E-Mail angefordert werden – und nicht am Tresen.

Der ist an diesem Tag gespenstisch leer. Ausnahmsweise sind hier mehr Arzthelferinnen – alle mit Mundschutz – als Patienten. Das liegt an dem großen Stoppschild im Eingangsbereich. Nur noch einer darf rein. Die anderen warten vor der Tür. „Wir machen bei jedem Patienten eine Temperaturkontrolle.“ Wer Fieber hat, wird sofort in ein gesondertes Zimmer im anderen Gebäudeteil gebracht. „So einem Patienten müssten wir dann eigentlich gleich eine Mundschutzmaske aufsetzen.“ Müssten.

Benutzte Masken werden zum Trocknen aufgehängt

Denn: „Wir haben leider keine Masken.“ Selbst für die Mitarbeiter ist nichts mehr da. Jeder muss seine einzige benutzte Maske am Abend zum Trocknen aufhängen und am nächsten Tag wieder anziehen. Ein Wegwerf-Produkt im Dauer-Einsatz. Ein Hauch von Entwicklungsland.

Die Arzthelferin vermittelt einem älteren Herren den Apotheken-Service. „Sie müssen nicht mehr in die Apotheke, die bringen ihnen das Medikament heim.“ „Und zahlen?“, fragt der ältere Herr – und stiefelt dann doch sofort los in die Apotheke. Er will ja nichts schuldig bleiben. Bis das mit dem Kontakt meiden bei allen ankommt: Das dürfte dauern. „Auch das mit dem Abstand halten fällt noch vielen schwer“, hat Martin Kayser festgestellt.

Vor allem auch den älteren Patienten, die als Hochrisiko-Gruppe besonders gefährdet sind, betont Martin Kayser und appelliert: Sie sollen der Praxis fernbleiben. Außer im Notfall. Wer Herzschmerzen, Bauchschmerzen oder eine akute Wunde hat, der wird versorgt. Alles andere lässt sich telefonisch regeln.

Noch gibt es Desinfektionsmittel, doch das kann sich ändern

Auch wenn das Telefon hier nicht mehr stillsteht: Zumindest scheint die Botschaft langsam durchgedrungen zu sein. Aus dem Wartezimmer wurde wegen des Sicherheitsabstands jeder zweite Stuhl entfernt. Nur ein älterer Herr sitzt hier. In Zeitschriften oder der Tageszeitung kann er nicht mehr blättern. Alles entfernt. Zu groß ist die Gefahr, dass der Virus am Cover kleben könnte. Und: „Desinfektionsmittel haben wir jetzt noch. Aber es ist ja nichts mehr zu bekommen. Wenn die Krise länger andauert, könnte das zum Problem werden“, sagt Kayser.

Das Stop-Zeichen im Eingangsbereich der Praxis ist nicht zu übersehen: Immer nur ein Patient darf eintreten.

Nicht nur einmal hat sich in den vergangenen Tagen einer vom Ärzte-Team in den Schutzkittel geschmissen und vor der Praxis-Tür einen Abstrich direkt im Patienten-Auto genommen. Nur für wenige eigene Patienten der Praxis habe man die Tests durchgeführt. Ausnahmsweise. „Eigentlich sollen die Leute, bei denen eine Indikation besteht, die Testung am Volksfestplatz in Weilheim machen.“ Die Tests müssen dann allerdings ins Labor nach Augsburg geschickt werden, das Ergebnis wieder zurück zum Arzt. Alles ziemlich kompliziert.

Kompliziert ist es jetzt auch für diejenigen geworden, die man bislang beim Hausbesuch betreut hat. Alles abgesagt. „Wir gehen auch nicht mehr ins Altenheim, das Risiko, dass wir da Keime rein schleppen, wäre viel zu hoch.“ Auch für die Heimbesucher muss jetzt alles telefonisch zwischen Pflegepersonal und Arzt abgeklärt werden. Einzige Ausnahme: ein Akutfall.

Filialpraxen in Herzogsägmühle und Hohenfurch sind geschlossen

Dicht gemacht hat Martin Kayser inzwischen seine Filialpraxen in Herzogsägmühle und Hohenfurch. Die sind zu klein, als dass Patienten den nötigen Sicherheitsabstand hätten einhalten können. Und der ist dieser Tage das A und O. „Die Menschen müssen jetzt soziale Kontakte meiden.“ Das Praxis-Team vermittelt den Apotheken-Dienst bis an die Haustür, verschickt Atteste per Post. „Es muss wirklich keiner aus dem Haus gehen“, betont Kayser.

Und dann hat er noch einen Tipp für diejenigen, die jetzt zwangsweise daheim bleiben müssen: Ausschlafen. „Es ist erwiesen, dass davon das Immunsystem gestärkt wird.“ Und dann geht er mit seinem Mundschutz nach Hause. Zum Schutze seiner Praxis. Und zum Schutze aller, die auf den Hausarzt nicht verzichten können. Dass Martin Kayser im Zwangs-Homeoffice wohl weniger schlafen, stattdessen aber viele Patienten telefonisch versorgen dürfte: Das kann man sich an seinen frisch desinfizierten zehn Fingern abzählen.

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