Mucahid Üstün aus Schongau ist Asthmatiker. Trotz Masken-Attest wird er angefeindet und flog jetzt auch noch aus einem Supermarkt.
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Mucahid Üstün aus Schongau ist Asthmatiker.

Von Masken-Pflicht befreit

„Grausam, wie ein Außerirdischer beäugt zu werden“: Asthmatiker (28) hat Masken-Attests - und wird angefeindet

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Ohne sein Asthmaspray geht Mucahid Üstün nicht aus dem Haus. Seit April auch nicht ohne sein ärztliches Attest. Der Schongauer (28) ist von der Masken-Pflicht befreit.

  • Mucahid Üstün (28) aus Schongau kann in der Corona-Pandemie wegen einer Asthmaerkrankung keine Maske tragen.
  • Der junge Mann wird beim Einkaufen und auf offener Straße angefeindet, des Ladens verwiesen.
  • Ein Supermarkt-Leiter im Landkreis Weilheim-Schongau bezieht Stellung zu den Vorwürfen.

Schongau – Wenn Mucahid Üstün eine Maske trägt, ist das für seinen Körper der Horror. „Ich kriege keine Luft mehr, meine Lunge pfeift.“ Immer wieder ringt der junge Mann im Gespräch nach Luft. Das längere Sprechen, selbst ohne Bewegung, strengt ihn sichtlich an. Atemnot ist sein ständiger Begleiter. Aus der Innentasche seiner Jacke zieht er ein großes ärztliches Attest einer renommierten Schongauer Arztpraxis hervor.

Dass der Asthmatiker das Attest seit April täglich mit sich führt, ist dem Dokument anzusehen. Ziemlich durchgenudelt das Ganze. Oft hat er das Papier schon gezückt. Unterm Strich mit wenig Erfolg: Als vermeintlicher Masken-Gegner und Corona-Leugner wird immer wieder auf der Straße beschimpft, schiefe Blicke sind da noch das Wenigste. Seitdem es die Mund-Nasen-Maskenpflicht gibt, „hat einer wie ich als Mensch in der Gesellschaft keinen Platz mehr“, sagt der Schongauer.

Trotz Attest, das ihn von Masken-Pflicht befreit: Schongauer wird aus Supermarkt geworfen

Für Mucahid Üstün ein ganz persönlicher trauriger Höhepunkt: Beim Einkauf im Schongauer V-Markt sei er hinausgeworfen worden. Die Argumentation versteht er bis heute nicht. So habe man von ihm zusätzlich zum Attest einen Schwerbehindertenausweis verlangt.

Dass ein ärztliches Attest kein Freifahrtschein ist, ist spätestens klar, seit ein Gericht geurteilt hat: Ohne konkrete Diagnose wird nicht von der Maskenpflicht befreit, so die Entscheidung. Aber eine konkrete Diagnose hat Mucahid Üstün ja.

Ein Tatbestand, der samt Attest nicht ausreicht, um in den Super-Märkten der V-Markt-Kette einkaufen zu dürfen, erklärt uns der Schongauer Marktleiter Patrick Fischer, der selbst mit der Angelegenheit von Mucahid Üstün befasst war. „Wir haben eine Maskenpflicht für alle. Atteste akzeptieren wir nicht. Nur Schwerbehindertenausweise ab 50 Prozent erlauben das Abnehmen der Maske bei einem Einkauf im V-Markt.“ So habe es die Geschäftsleitung bestimmt.

„Jeden Tag Diskussionen“: Geschäftsleitung im Supermarkt greift konsequent durch

Auch diese Seite hat ihre plausiblen Gründe für die strenge Handhabe: Gerade als Masken-Gegner Internet-Atteste als Alibi für das Weglassen des Nasen-Mund-Schutzes für sich entdeckt hatten, war die Verwirrung beim Verkaufspersonal groß. Wie geht man mit solch einem Attest um?

Aber auch die „echten“ ärztlichen Atteste hätten Fragen aufgeworfen. „In den Hausarzt-Attesten stand meist, dass diese Masken dauerhaft nicht getragen werden sollten.“ Dauerhaft? Für Marktleiter Patrick Fischer ein weitreichender Begriff. Hierzu gesellen sich dann auch noch diejenigen, die schlichtweg keinen Bock auf Maske haben und im Laden Ärger machen. Täglich. Mehrfach. „Wir haben jeden Tag Diskussionen mit Leuten, die sagen, sie brauchen die Maske nicht.“

Und weil das Verkaufspersonal ja auch noch andere Sachen zu tun hat, als zu diskutieren, hat die Geschäftsleitung konsequent durchgegriffen. Fischer findet es gut, „dass die Regelung jetzt einheitlich ist“. Was die Sachlage ist, das wollte er an besagtem Tag auch Mucahid Üstün erklären, betont er. Doch der sei ziemlich in Rage gewesen.

Schongauer: „Wenn Ihr nicht wisst, ob ich ein Masken-Verweigerer bin, fragt mich doch einfach.“

Klar, denn für den hat nach den vielen Anfeindungen der Rauswurf aus dem Supermarkt ein Riesen-Fass zum Überlaufen gebracht. „Ich versuche, mit Asthma zu leben“, sagt er. „Ich bin kein Unmensch. Ich halte Abstand und versuche auch, mein Umfeld zu schützen.“ Dass das manchmal schwer fällt, vor allem, wenn ob der fehlenden Maske Erzürnte handgreiflich werden und jeglichen Abstand vergessen: Auch zu verstehen.

Der junge Schongauer appelliert an die Gesellschaft: „Wenn Ihr nicht wisst, ob ich ein Masken-Verweigerer bin, fragt mich doch einfach.“ Jedem zeige er auf Wunsch gerne sein Attest.

Mit seinem Appell will er anderen zeigen, die in einer ähnlichen Situation stecken, wie er selbst: „Ich habe mein Leben. Ich kann noch raus.“ Einkäufe in bestimmten Supermärkten muss der 28-Jährige trotzdem von seiner Aktivitäten-Liste streichen. Täglich fragt sich der Schongauer: „Wo finde ich eigentlich meinen Platz in der heutigen Gesellschaft? Für mich ist es grausam, wie ein Außerirdischer beäugt zu werden.“

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