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Nach dem Film: Helmut Sperl, ehemaliger Schulleiter der Alfons-Brandl-Schule in Herzogsägmühle, berichtete vor den anwesenden Lehrern aus seiner Berufspraxis. 

Im Lagerhaus

Filmvorführung mit Gespräch: Chancen und Grenzen für Erzieher und Lehrer

Zum Anschauen des Films „Systemsprenger“ hat der Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)  ins Lagerhauskino in Schongau eingeladen. Danach wurde diskutiert.

Schongau – Als „Systemsprenger“ werden in der Jugendhilfe Kinder bezeichnet, die aufgrund ihrer besonderen Verhaltensauffälligkeiten nur schwer in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe beziehungsweise der Behindertenhilfe integriert werden können. Systemsprenger stellen seit jeher ein großes Problem des gesamten sozialen Bereichs dar.

Die neunjährige Benni ist so eine Systemsprengerin im gleichnamigen Film und auch tragische Figur. Sie hat Schlimmes erlebt, ist laut, wild, unberechenbar und treibt ihre Mitmenschen zur Verzweiflung. Mit schier unglaublicher Kraft und Ausdauer tobt sie sich durch Pflegefamilien, Wohngruppen und Sonderschule und will eigentlich nur zurück zu ihrer Mutter. Die aber ist überfordert und hat Angst vor ihr.

Ihr Schulbegleiter und Anti-Gewalttrainer will Benni durch einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer Waldhütte in Einzelbetreuung aus der Spirale von Wut und Gewalt befreien. Ein Experiment, das am Menschen scheitert. Genauso wie die Bemühungen der Jugendamtsmitarbeiterin, die versucht, Benni im Rahmen ihres Systems zu helfen.

„Der Begriff Systemsprenger klingt nach Aufruhr oder nach einem Fall für den Verfassungsschutz. Aber selbst der wäre machtlos“, sagte Irmgard Schreiber-Buhl, die Vorsitzende des GEW-Kreisverbandes, nach dem gemeinsamen Filmschauen. „Es ist harte Kinokost, aber kalt lässt uns der Fall der Systemsprengerin sicher nicht“, meinte sie zu dem bewegenden Film, der unter die Haut geht. Auf der jüngsten „Berlinale“ wurde er mit dem silbernen Bären ausgezeichnet.

„Die Geschichte hat uns jetzt alle beeindruckt“, meinte auch Helmut Sperl. Im Laufe seines Berufslebens – er leitete von 1993 bis 2017 die Alfons-Brandl-Förderschule in Herzogsägmühle – war er immer wieder mit ähnlichen Symptomen und Regelverletzungen wie im Film gezeigt befasst. Er habe sehr viel im Film wiedererkannt. „Man kennt alle diese Faktoren. Schule, Eltern, Klinik, Erziehungsmaßnahmen und die schiere hoffnungslose Verzweiflung eines Kindes“, so Sperl.

Als Lehrer und Erzieher müsse einem klar sein, dass es genauso lange braucht, um solche Traumata und negative Erfahrungen zu bewältigen, wie ihre Entstehung gedauert hat. „Ohne dieses Wissen geht man kaputt“, so Sperl. „Unser gesellschaftliches System produziert zunehmend solche Kinder, die alle, die mit ihnen zu tun haben, an ihre Grenzen bringen.“ Der Bedarf an geschlossener Unterbringung steige dadurch.

Als Erzieher müsse man wissen, was man nicht kann. Es gelte, eine professionelle Nähe herzustellen, ohne die notwendige Distanz zu verlieren. „Man kann nicht alle diese Kinder mit nach Hause nehmen“, so Sperl. Würde spiele eine große Rolle, wenn Vertrauen entstehen soll. Genauso wie die Haltung, die man gegenüber diesen Kindern habe. An die Lehrer adressierte er: „Schule ist nur ein Teil im Heranwachsen eines Menschen. Aber kein so wichtiger, wie die Schule es oft meint zu sein.“

Irmgard Schreiber-Buhl erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass das Sabbatjahr für Lehrer abgeschafft werden soll. „Wir haben bisher schon am Limit gearbeitet“, so die GEW-Vorsitzende. Deshalb soll am 14. Februar vor dem Kultusministerium am Salvatorplatz in München demonstriert werden.

VON URSULA FRÖHLICH

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