Abstand halten und doch zusammenstehen: Die Leitenden der einzelnen Abteilungen des Schongauer Krankenhauses meldeten sich bei der Heimatzeitung, um den vielen Gerüchten und Vorhaltungen entgegenzutreten, die gerade kursieren.
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Abstand halten und doch zusammenstehen: Die Leitenden der einzelnen Abteilungen des Schongauer Krankenhauses meldeten sich bei der Heimatzeitung, um den vielen Gerüchten und Vorhaltungen entgegenzutreten, die gerade kursieren.

„Eine Zerreißprobe“

Nach Corona-Ausbruch an Krankenhaus: Mitarbeiter werden öffentlich angefeindet - jetzt reden sie Klartext

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Lange haben die Mitarbeiter des Krankenhauses in Schongau zum dortigen Corona-Ausbruch geschwiegen. Jetzt wollen sie aber reden - weil der Druck immer größer wird.

  • Die Mitarbeiter sprechen angesichts von Anfeindungen wegen des Corona-Ausbruchs am Krankenhaus Schongau von absurden Behauptungen.
  • Die Vorwürfe treffen sie tief.
  • Denn niemand habe sich etwas zuschulden kommen lassen.

Landkreis – Es sind nicht der Geschäftsführer oder seine Pressesprecherin, die an diesem nasskalten Novembertag auf dem zugigen Parkplatz des Schongauer Krankenhauses sprechen, es sind die Pflegekräfte, die Leiter der einzelnen Stationen. Sie reden nicht, weil sie jemand vorgeschickt hat, sie reden, weil sie es wollen, es nicht mehr ertragen, wie mit ihnen umgegangen wird.

Es sind Menschen wie Rick Breunig, der Leiter der Intensivstation, Lolita Hönig, Stationsleiterin Akutgeriatrie und ihre Kollegin Katrin Schulze vom OP. Sie stehen da und reden, weil sie gehört werden, ihre Kollegen verteidigen wollen.

Pflegeschüler am Krankenhaus Schongau haben Dinge umgesetzt, „die sagenhaft waren“

Dass jetzt die Abschlussfahrt der Pflegeschüler Anfang Oktober nach Berlin so in den Fokus gerückt ist, das ärgert sie. „Man muss sich nur mal vor Augen führen, was die Pflegeschüler in diesem Jahr geleistet haben“, sagt Lolita Hönig. Sie seien im Februar, März und April, als die erste Welle der Corona-Pandemie über ein weitgehend unvorbereitetes Gesundheitssystem gerollt ist, „nicht in Schockstarre verfallen. Sie haben sich, angeleitet von den erfahrenen Kollegen, an die Patienten herangetraut, sind an ihren Aufgaben gewachsen und haben Dinge umgesetzt, die sagenhaft waren“, berichtet Hönig. Nachdem die erste Welle abgeebbt war, hätten sie „unter schwierigsten Bedingungen ihr Staatsexamen abgelegt“.

Fahrt nach Berlin der Krankenpflegeschüler in Schongau: Sei sie „ihnen doch vergönnt“

Dass sie anschließend als Lohn der immensen Anstrengungen nach Berlin gefahren seien, „sei ihnen doch vergönnt“. Alle Welt sei im Spätsommer und Frühherbst in den Urlaub gefahren. Niemand rege sich darüber auf, sagt Lolita Hönig. Nun ausgerechnet die Pflegeschüler an den Pranger zu stellen „das haben sie nicht verdient“.

„Nicht verdient“, habe auch der Leiter der Krankenpflegeschule, Klaus Fenzl, dass er „nach jahrzehntelanger, hervorragender Arbeit auf eine so nicht wertschätzende Art verabschiedet wird“, fügt Hönig hinzu.

Transparenz ist den Mitarbeitern des Krankenhauses Schongau wichtig, Vorwürfe treffen sie

Die Mitarbeiter üben keine Kritik daran, dass darüber berichtet wird, was gerade im Krankenhaus passiert. Transparenz ist ihnen wichtig. Es sind die Vorwürfe, die öffentlich erhoben werden, die sie treffen. In den Facebookkommentaren, aber auch in Leserbriefen.

OP-Abteilungsleiterin am Krankenhaus Schongau spricht von absurden Behauptungen

„Da behaupten Leute, dass ausgerechnet unser Chef (Krankenhaus-Geschäftsführer Thomas Lippmann, Anm. der Redaktion) ohne Maske durchs Krankenhaus laufen würde, da wird behauptet, Masken würden rationiert. Das ist absurd“, sagt Katrin Schulze, Leiterin der OP-Abteilung am Schongauer Krankenhaus. „Der Chef ist der größte Hygienefanatiker, den ich kenne. Wir hatten immer alles, was wir brauchen, um hygienisch arbeiten zu können. Und wir kennen uns da aus: Selbst als es schwierig war, Nachschub zu bekommen, hatten wir immer korrektes Material und nicht irgendwelchen Krempel aus dem Internet.“

Krankenhaus Schongau: Hygienekonzept wurde immer wieder verschärft

Rick Breunig, der die Intensivstation leitet, erzählt davon, wie das Hygienekonzept immer wieder verschärft wurde, wie alles umfassend dokumentiert wird. Seine Kollegin Lolita Hönig bringt ein Beispiel: „Da laufen Pflegefachkräfte mit Zusatzqualifikationen rund um die Uhr in drei Schichten ununterbrochen durchs Krankenhaus und desinfizieren alles: Türklinken, Tastaturen, Telefone.“ Spezielle Hygienekräfte hätten das Personal „vorbildlich geschult“. Und dann würden Menschen behaupten, es gebe Hygienemängel am Schongauer Krankenhaus. Das trifft die Pflegekräfte bei der Berufsehre, das ist deutlich zu merken. „Wir können sagen: Wir haben uns absolut nichts zuschulden kommen lassen“, sagt Rick Breunig. Das sei eine Selbstverständlichkeit, denn „wir sind da, um die Kranken zu schützen. Wir haben diesen Beruf ergriffen, weil wir den Menschen helfen wollen“ – auch in diesen besonders schwierigen Zeiten für die Mitarbeiter des Schongauer Krankenhauses. „Eine Zerreißprobe“ nennt es Lolita Hönig. Bis jetzt hätten alle sie bestanden. Weil alle – von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt – zusammenhalten würden.

88 der rund 600 Mitarbeiter des Schongauer Krankenhauses haben sich mit dem Coronavirus infiziert und müssen zu Hause bleiben. Die restlichen gelten als Kontaktpersonen ersten Grades und mussten bis Freitag zwei Wochen lang in häuslicher Quarantäne bleiben. Sie dürfen ihr Zuhause nur verlassen, um zur Arbeit im Krankenhaus zu gehen. Weil sie alle „systemrelevant“ sind, weil sie alle mehrfach negativ getestet wurden, weil sie während der gesamten Zeit im Krankenhaus FFP2-Masken tragen, unter denen man schon schwer Luft bekommt, wenn man nicht körperlich schwer arbeiten muss.

Anfeindungen der Krankenhaus-Mitarbeiter: „Wenn wir anfangen, fährt keine Bahn und kein Bus“

„Wir geben hier alles, um uns dann nach Feierabend angreifen und einsperren zu lassen. Und am nächsten Tag wieder professionell zu arbeiten“, fasste Rick Breunig die Lage am Donnerstag zusammen. Da würden sich Leute im Internet darüber beklagen, dass „die vom Krankenhaus“ gemeinsam mit ihnen in Bus und Bahn sitzen würden, wenn sie zur Arbeit fahren. „Wenn wir anfangen, fährt keine Bahn und kein Bus. Wir müssen alle mit dem Auto kommen“, sagt Breunig mit Bitterkeit in der Stimme.

Das halten die Mitarbeiter nach eigener Aussage nur aus, weil sie füreinander da sind. Ihre Kollegen, die positiv getestet wurden, sitzen zu Hause. Und wie jeder Mensch, der die Diagnose „Corona positiv“ bekommen hat, haben auch sie Angst und machen sich Sorgen. Also kümmern sich die Mitarbeiter des Schongauer Krankenhauses nicht nur aufopferungsvoll um ihre Patienten, sondern machen auch ihren infizierten Kollegen Mut.

Krankenhaus Schongau: Jeder springt ein, wenn Not am Mann ist

Jeder springt ein, wenn Not am Mann ist, berichtet Lolita Hönig: „Die Leute kommen freiwillig aus dem Urlaub zurück, wenn es eng wird. Wer auch nur einen Schnupfen oder ein Kratzen im Hals hat, bleibt zu Hause, um ja kein Risiko einzugehen.“ Jeden Tag würden alle Mitarbeiter für den Schnelltest abgestrichen. „Wer sich schon mal testen ließ, weiß, wie unangenehm das ist.“

Krankenhaus Schongau: Es tut gut, wenn die Landrätin Rosen vorbeibringt

Die Mitarbeiter wollen keinen Applaus dafür. Obwohl es schon gut tut, wenn die Landrätin kommt, sich die volle Hygieneausrüstung anlegt, nur um den Mitarbeitern Rosen als Dankeschön vorbeizubringen. Sie wollen aber auch nicht beschimpft und an den Pranger gestellt werden. Deswegen stehen sie hier im kalten Wind, auf Abstand auf dem Parkplatz. Zum ersten Mal. Um zu sagen, wie es wirklich zugeht am Krankenhaus.

Die Infektionszahlen im Landkreis Weilheim-Schongau steigen. Täglich gibt es neue Fälle. In unserem News-Ticker halten wir Sie auf dem Laufenden.

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