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Mindestlohn-Bilanz: „Interpretationssache“

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Schongau - Mini-Jobber haben von der Einführung des Mindestlohn profitiert. Das sagen zumindest die von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten veröffentlichten Zahlen. Aber stimmt das wirklich? Definitiv nicht begeistert sind die Arbeitgeber, die sich mit unglaublich viel Papierkram herumschlagen müssen.

Sie waren auf 450-Euro-Basis angestellt, haben aber selten den vollen Satz ausbezahlt bekommen. Das Leben als Mini-Jobber war hart – bis am 1. Januar 2015 der Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde eingeführt wurde. Georg Schneider, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), sieht darin schon jetzt einen großen Erfolg: „Zum ersten Mal haben alle Beschäftigten, von der Küchenhilfe bis zur Verkäuferin im Backshop, einen festen Lohnsockel unter den Füßen.“ Der gesetzliche Mindestlohn sei für ihn der „Einstieg in den Lohn-Aufstieg für Menschen, die zuvor mit Niedrigstlöhnen abgespeist wurden“.

Monika Fischer vom Gasthof Janser in Schwabniederhofen sieht das genauso. „Der Mindestlohn ist für die Arbeiter eine super Sache.“ Für sie als Arbeitgeberin sieht das allerdings ganz anders aus. Fischer muss inzwischen malochen wie nie zuvor. „Ich verbringe mehr Zeit im Büro als in der Wirtschaft, das kann es eigentlich nicht sein.“ Mit mehr Zeit im Büro meint sie die Stunden nach Arbeit in ihrer Gaststätte. Denn Fischer muss, wie alle anderen Arbeitgeber auch, jede einzelne Stunde ihrer fünf Mitarbeiter auf die Minute genau dokumentieren, dann an ihren Steuerberater weiterreichen.

Pünktlich Feierabend machen

Das heißt auch: Nach acht Stunden ist Schluss. Nicht für Fischer, sondern für Fischers Servicekräfte und Köche. „Gerade bei Hochzeiten oder im Sommer, wenn viele Gäste da sind, ist das ein echtes Problem.“ Selbst wenn um Mitternacht der Saal bei ausgelassener Stimmung noch prall gefüllt ist, der Rubel sozusagen rollt, muss sie ihre Bedienungen pünktlich nach Hause schicken, die Arbeit alleine zu Ende bringen. „Ich darf im Grunde keine fünf Minuten überziehen.“ Die Gefahr, dass sie jemand hinhängt, möchte sie nicht eingehen. Doch das ist nicht der einzige Nachteil.

Im Gastro-Gewerbe ist die Personaldecke allgemein sehr dünn. Es sei von Haus aus schwer, Leute zu finden und sie langfristig zu halten. Allen voran gute. Seit Einführung des Mindestlohns ist das Problem noch größer geworden. „Weil die Arbeiter kein Ziel mehr vor Augen haben.“ Mit Ziel meint Fischer die Aussicht auf mehr Lohn durch bessere Leistung. „Denn jetzt wissen sie von vorne herein, dass sie 8,50 Euro die Stunde bekommen.“ Unerheblich, was sie dafür getan haben.

Die Beschäftigungssituation hat sich im Landkreis Weilheim-Schongau seit Einführung des Mindestlohns in jedem Falle verbessert. „Anstatt Servicekräfte oder Küchenpersonal zu entlassen, haben Hotels, Pensionen, Restaurants und Gaststätten neue Kräfte eingestellt“, so Schneiders Begründung. Laut Ergebnis einer NGG-Bilanz arbeiteten in seiner Branche im Juni 2015 rund 1300 sozialversicherungspflichtige – also 5,6 Prozent mehr als noch im Juni 2014.

Liegt der Positiv-Trend wirklich am Mindestlohn?

Aber ist dieser Positiv-Trend tatsächlich dem Mindestlohn zu verdanken, nicht etwa doch diesem herrlichen Jahrhundertsommer mit Biergartenwetter pur? Elvira Thoma von der Weilheimer Agentur für Arbeit relativiert die Aussage der NGG. Sie spricht viel lieber von einer „Interpretationssache“. Zwar haben die Firmen mehr Arbeitsplätze gemeldet. Ob die neuen Stellen jedoch dem Mindestlohn geschuldet sind, sei nicht bekannt.

Rubriklistenbild: © dpa

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