+
Für den Notfall einer Isolation wäre man im Heiliggeist-Spital in Schongau passend ausgestattet. 

Heiliggeist-Spital Schongau

Pflege: Druck aus dem System nehmen

  • Elke Robert
    vonElke Robert
    schließen

„Der Pflegenotstand ist nach Corona nicht vorbei.“ Darauf verweist Christian Osterried, Leiter des Heiliggeist-Spitals in Schongau. Allein fünf Stellen für Pflegefachkräfte kann er nicht besetzen. Und die Pflegeprämie ist zwar versprochen, aber bisher bei keinem Mitarbeiter angekommen. Ums Geld geht es aber nicht: „Es krankt am System.“

Schongau – Auch in Schongau wurde kürzlich der „Tag der Pflege“ gefeiert. Pfarrerin Julia Steller und Diakon Hans Steinhilber dankten den Pflegekräften im Heiliggeist-Spital für ihren Einsatz, wie Heimleiter Christian Osterried berichtet. Das Thema Pflegenotstand hingegen sei in diesen Corona-Zeiten völlig aus dem Blick geraten. Zwar würden seitens der Ministerien wöchentlich neue Vorgaben gemacht. „Aber wie man das alles schaffen kann, diese Frage rückt in den Hintergrund“, kritisiert Osterried.

Viel berichtet wird derzeit über die Pflegeprämie in Höhe von 500 Euro, die der Heimleiter als „Trostpflaster für Pflegende“ bezeichnet. Und die im Übrigen noch keiner in Händen hat. „Stand heute hat noch kein Mitarbeiter etwas überwiesen bekommen“, weiß der Heimleiter. Worüber derzeit niemand spricht: Am Heiliggeist-Spital Schongau können mittlerweile bereits fünf Stellen für Pflegefachkräfte nicht besetzt werden, weil es einfach keine Bewerber gibt. Drei Stellen sind schon seit längerem unbesetzt. Zwei neue Stellen kamen 2019 hinzu: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte 13 000 Stellen für die stationäre Altenpflege versprochen, diese beiden Stellen für die Karmeliterstraße sind ebenfalls unbesetzt. So bleibt es dabei: Statt der möglichen 114 kann man nicht mehr als 100 Bewohner betreuen, derzeit wegen Corona eher weniger. Denn der Arbeitsaufwand ist teilweise um ein Vielfaches höher, wenn etwa ein Bewohner unter Corona-Verdacht separat versorgt werden muss.

Es geht nicht unbedingt um die Bezahlung 

Aber um den zusätzlichen Arbeitsaufwand geht es Osterried gar nicht. Auch nicht um die Bezahlung der Mitarbeiter, das Haus ist tarifgebunden. „Auch wenn es heißt, Pflegekräfte verdienen zu wenig: „Das Grundgehalt ist genauso hoch wie das einer Krankenschwester, die Bezahlung ist ein Facharbeitergehalt.“ 2900 Euro Brutto Grundlohn bekommt ein Berufsanfänger nach drei Jahren Ausbildung zur Pflegefachkraft. Dazu kommen 100 Euro Wechselschichtzulage und Stundenpauschalen für Nachtdienst, Wochen- und Feiertagsdienst. Ein langjähriger Mitarbeiter hat 3500 Grundgehalt und kann bei vielen Sonderdiensten auf 4000 Euro kommen, rechnet Osterried vor.

Das Gehalt allein ist der falsche Ansatz, ist Osterried überzeugt. „Es geht um den Stellenschlüssel, damit die Mitarbeiter mehr Hände haben.“ Seit 25 Jahren – mit Einführung der Pflegeversicherung – habe sich am Stellenschlüssel substanziell nicht viel geändert, obwohl die Pflegekräfte am Limit arbeiten. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, und müsste dies nicht einmal sein.

Denn laut Osterried wollen oder können viele wegen der hohen Belastung diesen Beruf nicht dauerhaft ausüben. Nach der Ausbildung bleiben die Pflegekräfte seinen Angaben nach im Schnitt drei Jahre, dann wechseln sie in andere Bereiche wie ein Sanitätshaus oder die private Pflege. „Wären die Arbeitsbedingungen besser, würde man Druck aus dem System nehmen, würde dieser Beruf wieder attraktiver werden“, ist Osterried überzeugt.

Mehr Pflegekräfte einstellen, um Druck rauszunehmen

Mindestens 20 Prozent mehr Pflegekräfte müssten eingestellt werden, um Dienstpläne wieder verlässlich gestalten zu können, schätzt er, also pro fünf Pflegekräfte eine zusätzliche Stelle. „Immer, wenn jemand ausfällt und krank wird, muss ich jemanden aus dem ,Frei’ holen“, so Osterried. „Man baut das System seit Jahren auf der Gutmütigkeit und Kollegialität der Pflegekräfte auf – das müsste der Staat regulieren.

Und das kostet richtig Geld.“ Diese Kosten alleine auf die Bewohner abzuwälzen, sei aber keinesfalls machbar, würde eine zusätzliche monatliche Belastung bis 600 Euro bedeuten.

Chancen im Haus auf Übernahme stehen gut

Die Chancen auf Anstellung für Auszubildende aus dem eigenen Haus stehen sehr gut. Und auch der Start in die neue Ausbildung Generalistik im Herbst scheint für die Heiliggeist-Spital-Stiftung gut zu laufen. „Wir haben vier tolle Auszubildende gefunden. Zwei Bewerber aus dem Haus, eine Bewerberin frisch von der Schule und eine, die sich beruflich neu orientiert.“

Auch seitens der Stadt werde man gut unterstützt. Der neue Stiftungsrat ist bereits gewählt und kommt voraussichtlich im Juni zu seiner ersten Sitzung zusammen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Christian Osterried hatte schon früher auf den Pflegenotstand in Schongau hingewiesen

Noch ist das eine Zukunftsvision, aber die Ausbaupläne hat der Heimleiter bereits fertig im Kopf  

Auch die Pflegeausbildung wird in Schongau bei Heimerer optimiert, sogar unter einem neuen Dach

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Wolf in oberbayerischem Wald gesichtet: Jäger mit mahnenden Worten - Wer jetzt aufpassen muss
Ein Wolf treibt sich in einem Landkreis in Oberbayern herum. Das bestätigte das bayerische Landesamt für Umwelt. Die Identifizierung ist eindeutig.
Wolf in oberbayerischem Wald gesichtet: Jäger mit mahnenden Worten - Wer jetzt aufpassen muss
Ersatzbau für „Schandfleck“ in Schongau
Für den Ersatz der beiden maroden Mehrfamilienhäuser an der Benefiziumstraße gibt es doch bereits konkrete Pläne. Wie die Immobiliengesellschaft Vonovia auf Anfrage der …
Ersatzbau für „Schandfleck“ in Schongau
Kommandoübergabe in der Kaserne Altenstadt: Ein Hamburger als neuer Chef
Seit der Gründung Ende 2013 in Altenstadt ist Sven Tillery der vierte Leiter des Feldwebel-/Unteroffizieranwärterbataillons 3 – aber der erste Hamburger. Er übernahm …
Kommandoübergabe in der Kaserne Altenstadt: Ein Hamburger als neuer Chef
Hoffnung auf Personenverkehr: Verband Deutscher Verkehrsunternehmen schiebt Fuchstalbahn kräftig an
Die Chancen für die Reaktivierung des Personenschienenverkehrs auf der Fuchstalbahn sind in dieser Woche gestiegen. Der Grund: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen …
Hoffnung auf Personenverkehr: Verband Deutscher Verkehrsunternehmen schiebt Fuchstalbahn kräftig an

Kommentare