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Gute 50 Stunden Arbeit stecken in einem Paar der handgefertigten Schuhe aus Seegras, die Brigitte und Edwin Wagner auf dem Historischen Markt zeigen.

Historischer Markt Schongau

Nie mehr Schweißfüße dank Seegras

Der „Schongauer Sommer“ mit seinem Historischen Markt hat die Lechstadt voll im Griff. Vor allem alte handwerkliche Kunst wird von den Besuchern geschätzt.

Schongau– Eine Ansammlung von neugierigen Besuchern ist am Stand von Brigitte und Edwin Wagner zu beobachten. Es wird gefachsimpelt, es werden Meinungen ausgetauscht. Denn das, was die Besucher hier sehen, hat es auf dem Historischen Markt noch nie gegeben. Hier werden Schuhe aus Seegras hergestellt – kein Schuhwerk zur Dekoration, es sind Schuhe für den täglichen Gebrauch.

In stoischer Ruhe sitzt das Ehepaar Wagner am mobilen Arbeitsplatz. Natürlich wie alle Handwerker des Marktes in historischen Gewändern. Edwin sticht gerade die Rundnadel an einem geflochtenen Zopf aus Stroh ein und befestigt so das Teil an einem weiteren Stück. Er geht geschickt mit der Nadel um. Kein Verheddern des Fadens, alles gleichmäßige Stiche. Per Hand, wohlgemerkt.

Stoff in bunten Mustern wird zurechtgeschnitten 

Daneben schneidet seine bessere Hälfte gerade Stoffstücke in bunten Mustern zurecht. Genau nach den Maßen einer angefertigten Schablone. Brigitte bereitet so das Innenleben für Edwins Handarbeit vor. Dann fertigt sie aus Lederstücken weitere Teile für ihr Produkt an. In Seelenruhe führt sie das scharfe Messer durch das Leder. Blutflecken auf dem Seegras sind ja nicht gerade dekorativ.

„Ist das wirklich Seegras?“, fragt eine Besucherin am Stand. Sie hat die Neugierde gepackt und will mehr über die Handwerkskunst erfahren. Edwin legt Schuhteil und Nadel auf die Seite. Er greift zu einem Büschel des Grundmaterials und erklärt. „Das Seegras wächst bei uns in heimischer Gegend im Wald, wo ein hoher Grundwasserspiegel sich gebildet hat.“ In früherer Zeit wurde es als Füllmaterial für Polster verwendet. Und wer kein Geld hatte, um sich sein Schuhwerk zu kaufen, wurde in den Wintermonaten selbst tätig. Der hat dann in stundenlanger Arbeit diese Schuhe selbst hergestellt.

Vor Jahren solche Schuhe zum ersten Mal gesehen

Vor Jahren hatte Brigitte solche Schuhe das erste Mal gesehen. Sie war Feuer und Flamme, vor allem dann, als sie solch ein Paar anprobierte. „Ein unbeschreibliches Gehgefühl, temperaturausgleichend und vor allem keine Schweißfüße“, lautete ihr Urteil. Und ihr fester Wille war, solche Schuhe selbst herzustellen.

Das war nicht einfach, am Anfang musste viel Lehrgeld gezahlt werden. Aber der Durchbruch kam mir der Zeit. Mit ihrem Mann teilt sie jetzt diese aufwendige Leidenschaft. Aufwendig, denn gute 50 Stunden Arbeit stecken in jedem Paar aus dem Naturprodukt. Nach dem Ernten des Grases müssen die Wurzeln entfernt und die Halme getrennt werden. Nach der Trocknung werden Zöpfe geflochten und Stück für Stück über Schuhleisten zusammengenäht. „Wir haben „unisex“ Schuhleisten, also passend für eine gleiche Schuhform für den linken und rechten Fuß“, erklärt Brigitte. So wie man es in früherer Zeit auch getan hat.

Ein Filzstück an der Unterseite 

Wie gesagt wird am Ende das Innenfutter eingesetzt, ein Filzstück an der Unterseite angebracht und abschließend mit einer Ledersohle versehen. Aus die Maus. Brigitte schwört auf ihre Schuhe. Seit Jahren trägt sie auf den Märkten nur solche Seegrasschuhe, die wirklich strapazierfähig sind und sehr lange halten. Eben gute alte Handwerkskunst, die täglich auf dem Historischen Markt bestaunt werden kann. Der Besuch lohnt sich.

Hans-Helmut Herold

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