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Immer ein Lächeln auf den Lippen: Wir begleiten Dr. Leopold Deger in den Kuhstall.

Kaum einer will das noch machen

Schrumpel-Hoden und haarige Patienten: Unterwegs mit einem Großtierarzt auf dem Land - der seinen Job liebt

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Großtierarzt auf dem Land: Was viele nicht mehr machen wollen, ist für Dr. Leopold Deger (33) ein Traumjob. Wir haben ihn begleitet. Eine Geschichte über Fingerspitzengefühl - und Schrumpel-Hoden.

Landkreis – Wie ein dicker Schlauch tastet sich er sich, der Samenstrang. Leopold Deger rollt ihn zwischen den Fingern. Stierkälbchen Heinz schnarcht seelig, als die Zange den Schlauch umschließt und zusammendrückt. Zwei Minuten lang. Und dann nochmal zwei. Und noch zweimal auf der anderen Seite. Noch ein liebevolles Tätscheln hinterher. Fertig. Nichts geht mehr. Dem Hoden ist die Blutzufuhr abgequetscht. „Der schrumpelt zam und erholt sich nicht mehr“, erklärt Großtierarzt Dr. Leopold Deger für Laien recht anschaulich. Aha. So also funktioniert eine Kastration im Großtierbereich ganz prinzipiell.

Mobiles Lazarett: Das Handwerkzeug, das der Veterinär für die Kastration braucht.

Stierkälbchen Heinz schläft noch selig – in untypischer Haltung, versteht sich. Halb auf dem Rücken liegend, streckt er alle Viere von sich, das hintere Bein ist nach oben angebunden, des guten Zugriffs wegen. Immer wieder testet Veterinär Deger die Reflexe. Die Narkosetiefe muss überwacht werden. „Junge, du bist ja echt weit weg.“ Heinz schnarcht und lässt somit hörbar erkennen, dass er nichts mitbekommt von alledem und trotzdem „da“ ist. Mit einem halben Ohr hört Tierarzt Deger während des Eingriffs immer auf die Atmung. Alles gut. Heinz Mutter schnuppert, nichts Böses ahnend, durchs Stallgitter an ihrem schlummernden Kälbchen.

Trotz Riesenzange ein Bild, das friedvoll wirkt. Auch, wenn an den Händen von Dr. Leopold Deger in diesem Moment Blut klebt. Ein bisschen. Das kommt allerdings nur vom Einstechen der lokalen Betäubungsspritze.

Irgendwie hätte man sich das viel wilder vorgestellt. Blutiger. Und trotzdem: „Ich wollte jetzt gar nicht, dass mein Job so rüberkommt.“ Deger blickt auf seine Hände. Hände, die eigentlich sanft heilen. Ohne Blut. Ohne Riesenzange. Die Liebe zu Tieren, sie spricht aus jedem Wort, wenn der junge Veterinär über seinen Beruf spricht.

Ein verdammt cooler Typ ist er. Großgewachsen. Verschmitztes Lächeln, Dreadlocks, die zwecks Hygiene nur schemenhaft unter der Mütze zu erkennen sind. Könnte auch Rockstar sein. Ist er aber nicht. Unter den Dreads verbirgt sich enormes anatomisches Wissen. Der hätte sein Geld sicherlich auch leichter verdienen können, denkt man sich. Und mehr davon.

Großtierarzt - das will kaum ein Student mehr werden

Deger winkt ab, und man glaubt ihm gern, dass er den schönsten Beruf der Welt hat: Chirurg ist er, Anästhesist, Internist. Eigentlich alles. Die Eier-legende Woll-Milch-Sau der Medizin. Ein Großtierarzt eben.

Dr. Leopold Deger ist einer der wenigen examinierten Veterinäre, die es aufs Land gezogen hat. Der gebürtige Penzberger übernimmt zum Jahreswechsel die Großtierarzt-Praxis von Dr. Georg Scheidle in Schongau, für die er jetzt schon als angestellter Mediziner arbeitet.

Kälbchen Heinz mit seiner Mutter kurz vor dem Eingriff.

Eine eigene Praxis, die künftige Selbstständigkeit: Ein Risiko, das viele fertig studierte Tierärzte heute nicht mehr tragen wollen, wie Dr. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte (bpt), aus Steingaden auf Anfrage erklärt. „Viele möchten lieber als Angestellte arbeiten.“

Der tiermedizinische Nachwuchs setzt auf Sicherheit bei einem Job, bei dem man „Fingerspitzengefühl und ein ausgeprägtes Hintergrundwissen braucht“, wie Kollege Deger bestätigt. Aber eben auch gute Nerven. Denn planbar, wie die Kastration eines Milchkalbes an diesem Tag in Peiting-Kreut, ist im Großtierbereich sonst eher wenig. Was Deger als spannend und „reizvoll“ empfindet, finden viele seiner Kollegen nicht so prickelnd. „Viele bleiben gerne in Stadtnähe“, beschreibt Moder die Situation. Hinzu kommt der Trend hin zur kuscheligen Kleintierpraxis. Im Großtierbereich würden gerne die Klischees aus der Vergangenheit bedient: „24 Stunden, sieben Tage die Woche.“

Der Großtierarzt schwärmt: „Jeder Tag hat etwas Spezielles.“

Tatsächlich findet der Bärenanteil der Arbeit im Stall statt, wenn man als Veterinär im Großtierbereich arbeitet. Im Winter sei das durchaus mit Autofahren durch Matsch und Schnee verbunden, räumt Dr. Moder ein. Ganz anders als bei einer Kleintierpraxis, wo die Arbeitszeit besser einteilbar und „leichter darstellbar“ sei.

„Und trotzdem bin ich ein Verfechter der Nutztierpraxis“, ergreift bpt-Präsident Moder Partei für seinen Beruf, der es derzeit mit einem „Generationsproblem“ zu tun habe. Im Landkreis Weilheim-Schongau: Da sieht es noch ganz gut aus. In anderen Gegenden in Bayern hingegen ist es längst zappenduster bestellt um die Versorgung der Großtiere.

Der Veterinär-Nachwuchs von heute setze andere Prioritäten. Moder: „Aber wir versuchen dem entgegenzuwirken, sind an Universitäten aktiv und werben in verschiedenen Medien für diesen tollen Beruf, der so viele Möglichkeiten bietet.“

Gerade diese Vielschichtigkeit macht es für Dr. Leopold Deger so spannend. Das anatomische Wissen eines Allgemeinmediziners ist gefragt, aber auch das Anpacken. „Abwechslungsreich“ sei das, „jeder Tag hat etwas Spezielles.“

So wie die Kastration von heute – Stierkälbchen Heinz erwacht gerade von seiner Narkose. Dass man ihn seiner Männlichkeit beraubt hat: Davon wird er nichts spüren. Die Schmerzmittel sind so dosiert, dass sie zwei Tage nachwirken. Überhaupt ist das mit der Dosierung eine kleine Kunst für sich, hat man an diesem Tag schnell gemerkt. Diverse Spritzen für Schlafen und Schmerz haben den Patienten im Stall gerade mal so lange betäubt wie nötig. Denn: „Ist der Nachschlaf zu lange, könnte sich das Stierkälbchen später beim Trinken verschlucken.“

Kastration: Als Zivi in Kenia hat der Tierarzt eine andere Methode kennengelernt

Überhaupt arbeitet Dr. Leopold Deger gerne so, dass es für seine Patienten am schonendsten ist – wie die Zangen-Kastration, der wir gerade beiwohnten, beweist.

Statt um die Ästhetik geht es bei Deger rein ums Wohlbefinden des haarigen Patienten. Um so nachhaltiger ist ihm ein Erlebnis aus seiner Zivildienst-Zeit in Kenia im Gedächtnis geblieben. Einer Rinder-Kastration der anderen Art durfte er dort beiwohnen. Zange an den Hoden. Zange an die Bohrmaschine anschließen. „Und dann drehen bis er ab ist.“ Bei vollem Bewusstsein, versteht sich.

Hat er damals den Entschluss gefasst, Großtierarzt zu werden? „Nein. Das wusste ich schon vorher.“ Es ist das große Spektrum an Aufgaben, die täglich auf Deger warten.

Ran mit der Zange an den Samenstrang, Kälbchen Heinz schlummert derweil.

Fünf bis sechs Aufträge sind es, die täglich auf den Veterinär warten. Keiner ist wie der andere. Sein Einzugsgebiet reicht von Oderding, Huglfing und Etting im Westen bis Ingenried und Erbenschwang im Osten sowie Pessenhausen im Norden und Lauterbach im Süden.

Gerade eben zuckt Heinz mit den Füßen. Wenn er jetzt aufwacht, ist er seinem Leben als glücklicher Weideochse auf dem Arche-Noah-Hof der Familie Zahn ein Stückchen näher gekommen. Dr. Leopold Deger tätschelt Heinz am Hals. Fingerspitzengefühl, Zuwendung, aber auch gutes Handwerk: Das ist es, was einen guten Veterinär ausmacht.

Künstliche Besamung, eine Stoffwechselerkrankung, eine Labmagendrehung, ein abgerissenes Horn, eine Klauenerkrankung oder aber auch einfach nur eine Grippe: Rinder, Schafe und Ziegen, selten auch mal ein Schwein, werden täglich von Deger gesund gemacht. Auch ein Harnstein bei einem Schafbock kann da schon mal vorkommen. „Aber das ist dann schon ein wenig exotischer.“ Beim Großtierarzt geht es ums Fachwissen. Nicht unbedingt um den einzelnen Handgriff. „Den kann der Landwirt auch lernen.“

Eine alter Bauernhof plus eigener Praxis - das wär‘s für den jungen Tierarzt

Apropos exotisch: Das trifft recht gut auf das Augenmerk von Degers Ehefrau zu. Die ist ebenfalls – wie könnte es auch anders sein – Tierärztin. Allerdings hat sie sich auf Reptilien und Exoten spezialisiert. Wenn Deger ab 2020 die Schongauer Praxis übernimmt, steigt auch seine Frau ein. Sie wird den den Kleintierbereich um eine Reptilien- und Exotensprechstunde ausbauen.

Alles andere klingt dann bei den Degers aber doch wenig exotisch und sehr bodenständig: Die erste gemeinsame Tochter ist eineinhalb Jahre alt. Und als dauerhafte Bleibe suchen sie einen alten Bauernhof im Bereich Peiting/Hohenpeißenberg – von dort aus könnten sie gut zentral das gesamte Gebiet abdecken, in dem ihre Patienten auf Hilfe warten.

Auch die Praxis würde dann ein Teil des Bauernhofes werden, träumt Dr. Leopold Deger. Ein neues Zuhause finden könnten dort auch die tierischen Familienmitglieder – Hund, Schildkröte und Bartagame.

Es könnten natürlich sicher auch noch mehr Tiere werden. Deger lacht und erfüllt damit ganz herrlich eines von vielen Klischees: „An einem Tierarzt bleiben irgendwie immer viele Tiere hängen.“ Tiere, die sonst keiner haben will. „Klar sehe ich mich auch als Tierschützer“, sagt er und fügt an: „Für den Job braucht man schon eine gewisse Ideologie.“

Und Mitarbeiter: Die sind momentan genauso schwer zu finden, wie ein Bauernhof für Praxis und Familie. „Mit der Ausbildung kann man sicherlich in anderen Berufen mehr rausholen.“ Trotzdem ist es einfach der tollste Beruf der Welt, sagt der junge Tierarzt. Trotz all der Nachtdienste, trotz der manchmal langen Wege.

Deger denkt, was die eigene Praxis anbelangt, in modernen Rastern. Angestellte auf Teilzeit. Mütter. „Ich halte das alles für lösbar.“ Klischee ade. Großtierarzt: Irgendwie rundum großartig.

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