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Nur auf dem Radweg können die Loudas ihr Grundstück per Auto verlassen – das sorgt für mächtig Ärger

Kanalbrücke

Baustellen-Chaos in Schongau: Was diese Anwohner mitmachen, ist der Wahnsinn

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Die Schongauer Kanalbrücken-Baustelle hat wegen der derzeitigen Sperrung der direkten Verbindung von Schongau nach Peiting viele Verkehrsteilnehmer verärgert. Noch größer sind die Auswirkungen allerdings für Anwohner – speziell Alexandra (48) und Jürgen Louda (46).

Schongau – Vor vier Jahren hat sich das Ehepaar Louda den Traum vom eigenen Haus erfüllt. Viel Arbeit haben sie in das Gebäude gesteckt, das zuletzt elf Jahre leer stand und mühsam hergerichtet werden musste. Jetzt haben sie sich in dem letzten Haus auf Schongauer Flur nahe des Lechs ihr Reich geschaffen – doch seit der Kanalbrücken-Baustelle hat sich ihr Leben in einen Albtraum verwandelt. „Wir fühlen uns daheim wie in einem Gefängnis“, sagen beide verzweifelt.

Inmitten von Chaos: Das Haus des Ehepaars Louda ist von Baustelle umzingelt.

Dass die komplizierte Baustelle Einschränkungen zur Folge haben wird, war dem Ehepaar klar. „Unsere Einfahrt liegt auf einem Brücken-Widerlager, deshalb wussten wir, dass es Probleme geben wird“, sagt Jürgen Louda. Doch mit diesen Folgen haben sie nicht gerechnet. Als plötzlich kein Postbote mehr kam und kein Müll mehr abgeholt wurde, habe man beim zuständigen Ingenieurbüro nachgefragt, wie es weitergehen solle. Die Antwort: „Dann kommen die Leute eben zwei Jahre nicht mehr aus ihrem Haus“, regt sich Louda auf.

Doch es ist tatsächlich so gekommen. Den Briefkasten haben die Loudas auf eigene Kosten weiter vor an die Straße verlegt, auch die Mülltonne fahren sie vor, doch die Zufahrt ist ein Drama: Die Bewohner müssen mit ihrem Auto hintenrum über den Radweg zur Straße fahren – „das ist ein Spießrutenlauf“, sagt Alexandra Louda. Der Weg sei so eng, dass Radler und Fußgänger in den Graben müssen, damit sie vorbei kann. Das regt die Passanten verständlicherweise auf. Vor einigen Tagen hatte sich ein Radfahrer quergestellt und wollte Alexandra Louda partout nicht glauben, dass sie auf dem Radweg fahren darf und muss. „Ich habe nicht einmal einen Berechtigungsschein bekommen, nichts, was ich herzeigen kann.“ Als sie ausgestiegen ist und den renitenten Radler zur Seite schieben wollte, habe der sein Rad herumgewirbelt und ihr eine klaffende Fleischwunde am Bein zugefügt. Danach sei er geflüchtet. Seitdem hat sie Angst vor jeder Autofahrt.

Ihr Garten war mal eine Idylle: Alexandra und Jürgen Louda vor dem schön hergerichteten Haus.

„Wir haben Ausweichbereiche gefordert, aber das wurde ignoriert“, sagt Jürgen Louda. Er selbst kommt mit seinem Ami-Van gar nicht mehr aus der Einfahrt, dafür seien Weg und Kurven zu eng. „Ich sehe nicht ein, dass ich mein Auto bis zum Ende der Baustelle in eineinhalb Jahren stillegen soll“, empört er sich. UPM habe angeboten, den Wagen der Frau auf dem provisorischen Parkplatz vor dem Werksgelände abzustellen, doch das sei ihr wegen möglichem Vandalismus zu gefährlich und sei zudem nicht zulässig, weil sie ihr Auto als Garagenwagen versichert hat.

„Das Problem: Mit den Arbeitern vor Ort kann man reden, aber die Oberen interessieren sich nicht für uns“, sagt Jürgen Louda, der selbst bei einer Baufirma tätig ist. Weil der Radweg für Autos so schmal ist, dass Feuerwehr und Rettungsdienst seiner Meinung nicht zum Haus kommen können, will er seine Brandversicherung informieren. Laut Schongaus Feuerwehr-Kommandant Werner Berchtold sei die Sicherheit jedoch gewährleistet: „Das Haus ist nicht so hoch, dass wir mit der Drehleiter hinmüssten. Wir müssen dann eben von der Straße eine längere Schlauchleitung legen“, sagte er. „Derweil ist das Haus abgebrannt“, ärgert sich Louda. Dass der Radweg so schmal sei, sei aber anders besprochen gewesen, so Berchtold. „Dann kommt der Rettungsdienst auch nicht durch. Es ist eine Frechheit, was bei dieser Baustellenplanung alles schiefgegangen ist“, wird Berchtold deutlich.

Plötzlich stand das fremde Auto im Garten

Loudas haben in den vergangenen Wochen viel erlebt. Rollerfahrer und Autos, die plötzlich in ihrem Garten standen, weil sie irgendwie um die Baustelle herumfahren wollten. Unheimliche Fußgänger, die nachts ums Haus schlichen, weshalb sie das Rolltor mit einer Kette versperrt haben. Zwei Motorradfahrer, die sich nachts einen Spaß machten und lärmend über die Fußgängerbrücke rauschten. Riesige Betonringe, die diese Woche im Garten aufgestellt wurden und eigentlich schon wieder entfernt werden sollten.

Während sie das erzählen, sitzen Alexandra und Jürgen Louda im ohrenbetäubenden Baustellenlärm, der täglich von 7 bis 18.30 Uhr dröhnt, auf ihrer eigentlich idyllischen Terrasse und schauen dem Chaos an der Ampel zu. Selbst tagsüber wird dort ständig gehupt, nachts reißt es sie oft aus dem Schlaf, wenn wieder jemand bei Rot über die Ampel fährt und Gegenverkehr auf der einspurigen Brücke kommt. Trotzdem wirkt das Ehepaar erstaunlich gefasst. „Innerlich schaut es anders aus“, sagt Jürgen Louda, und seine Augen sagen: Er wird nicht locker lassen.

„Wir versuchen, die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten“, sagt Christoph Prause, Abteilungsleiter am Staatlichen Bauamt Weilheim. Er betont, man habe mit jedem Anwohner gesprochen, den es hart treffe. Bei Problemen soll der Bauleiter vor Ort angesprochen werden, man werde sich um eine Lösung bemühen. Laut Prause sei die Planung ganz anders gewesen, doch der Nachbar des Ehepaars Louda habe einen Drei-Meter-Streifen seines Grundstücks nicht abgeben wollen – nur deshalb musste man den Ersatzradweg bauen. Den Grund kennt Jürgen Louda: „Der hatte schon einmal Grund zur Verfügung gestellt, danach massive Schäden und ist auf den Kosten sitzen geblieben. Bevor Herr Prause so etwas behauptet, sollte er die Fakten kennen.“

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