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Die hölzerne Krippe ist der einzige Weihnachtsschmuck, der Helga Zwingmanns heute umgibt.
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Glückliche Kindheit: Helga Zwingmann als Einjährige unter dem Christbaum in der Münchner Wohnung.
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Der Opa hält beim Besuch vom Nikolaus die Hand: Helga Zwingmann in jungen Jahren mit ihrer Mutter Elisabeth Zwingmann (hinten), dem Großvater Franz Bader und den Dienstmädchen
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Ein Blick wie dieser (im Bild die Feier am Weihnachtsbaum am Rockefeller Center in New York) bot sich Helga Zwingmann zum Weihnachtsfest im Jahr 1985, in dem ihre Mutter gestorben war.

Weihnachten 2017 

Freude auf Heiligabend, wie er früher einmal war

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Helga Zwingmann freut sich auf einen Heiligen Abend, den sie so lange nicht erlebt hat. Die 82-jährige Schongauerin feiert am Sonntag im Kreise all ihrer Lieben. Es wird so ähnlich sein wie in ihrer Kindheit, als die kleine Helga noch im Engelskostüm vor der Tür auf die Bescherung wartete.

Schongau – Mit einem vergnügten Lächeln blickt Helga Zwingmann auf viele Weihnachtsfeste zurück, die sie an den unterschiedlichsten Orten der Welt gefeiert hat, zumeist aber in Schongau. Zuletzt fielen die Feste jedoch zusehends kleiner aus.„Wenn man älter wird, dann sterben so viele Freunde und Verwandte“, seufzt die 82-Jährige, die im Altenheim der Heiliggeist-Spital-Stiftung in Schongau lebt.

Weihnachten 2016 hatte die Schongauerin noch in ihrem Elternhaus in Schongau gefeiert. Wie immer wurde zu vorgerückter Stunde „Ich schieß’ den Hirsch im wilden Forst“ gesungen. Das Lied hat rein gar nichts mit Weihnachten zu tun hat. Und die 82-Jährige muss herzhaft lachen, wenn sie daran denkt. Ihr Großvater Franz Bader, damaliger Bürgermeister in Schongau und begeisterter Jäger, hatte das Lied zu Weihnachten immer angestimmt, wenn es ihm zu feierlich wurde, erzählt Zwingmann. Es ist zur Tradition geworden: „Wir singen es zum Andenken an den Opa.“

Dieses Jahr wird Helga Zwingmann am Heiligen Abend bei ihrer Nichte in München singen: „Die Alten müssen den Jungen folgen, das ist auch in Ordnung so“, findet die 82-Jährige. Sie freut sich sehr, wenn sie am Sonntag in Schongau abgeholt wird. Großmütter, Tanten, Ehemänner, Nichten, Neffen, Großnichten – die ganze Familie wird in München zusammenkommen. Die Kinder werden mit glänzenden Augen auf das Glockenläuten warten, bis sich die Wohnzimmertür öffnet, die Weihnachtsmusik erklingt und gesungen wird. „Meine Nichte legt großen Wert drauf, dass es festlich ist“, freut sich die Tante.

Für Helga Zwingmann wird das Fest vielleicht ein einziges Déjà-vu: Als kleines Mädchen lebte sie mit ihren Eltern auch in München. „In der Woche vor Heiligabend haben wir unseren Wunschzettel auf das Fensterbrett gelegt, dann ist nachts ein Engelchen vorbeigeflogen und hat ihn mitgenommen“, erzählt die 82-Jährige. Fünf war sie damals und an Heiligabend selbst als Engelchen verkleidet. „Ich hatte Flügel“, erinnert sich die Pensionärin. Auch ihre Eltern läuteten die Glocke, dann durften die kleine Helga und ihr Bruder Franzl ins Zimmer, in dem der geschmückte Christbaum und die Geschenke warteten. Bevor sie ausgepackt wurden, musste die Fünfjährige noch ein Gedicht aufsagen, danach wurde es gemütlich.

Es war das vorerst letzte unbeschwerte Weihnachtsfest für die Familie. Der Zweite Weltkrieg tobte, die Alliierten flogen Luftangriffe auf die Bayerische Landeshauptstadt. Weil es in München zu gefährlich wurde, holte der Großvater die Familie nach Schongau. Trotz des Kriegs, der in dem Jahr zu Ende ging, sei 1945 „noch ein schönes Weihnachten gewesen“, erinnert sich Zwingmann an das Fest beim Großvater. „Ich hatte Skier geschenkt bekommen.“

1946 war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Die Amerikaner hatten das Haus in Beschlag genommen. Und weil auch die Verwandtschaft aus Ostpreußen Unterschlupf fand, blieb den Zwingmanns nur ein winziges Zimmer. Die Amerikaner im Haus – unter ihnen der bekannte Soldat Ernest Hauser – bescherten der Familie 1946 „ein seltsames Weihnachten“, erinnert sich Zwingmann. Ihr Vater war in ein Internierungslager gebracht worden, dem Bruder schenkten die GIs eine Modelleisenbahn. Das Misstrauen der Kinder gegenüber den Männern war trotzdem gewaltig: „Mein Bruder hat die Eisenbahn nicht angerührt, die Männer haben selbst damit gespielt.“

Die Amerikaner gingen, die Familie fand in Schongau wieder zusammen. Aus dem Mädchen wurde ein Teenager, Helga Zwingmann ging in die Oberschule in Weilheim und wurde zur Notargehilfin ausgebildet. In dem Beruf arbeitete sie viele Jahre, später reiste sie um die ganze Welt. Weihnachten wurde meist bei der Familie in Schongau gefeiert. Nur 1985 war alles anders. Helga Zwingmanns Mutter starb in diesem Jahr. Der Schmerz der Tochter war groß. Sie reiste mit einer Freundin nach New York: „Den Heiligen Abend haben wir auf dem Empire State Building gefeiert.“ Als sie nach unten blickte, sei die Straße voller Menschen gewesen. „Die Leute haben Weihnachtslieder gesungen, es war gigantisch“, beschreibt die Schongauerin den magischen Moment auf dem berühmten Wolkenkratzer. Ein Stück Heimat hatte Zwingmann aber auch im Gepäck: eine kleine Holzkrippe, die sie vor der Reise auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hatte. Sie stellte Zwingmann im Hotelzimmer auf.

Heute steht die Krippe über dem Schreibtisch der 82-Jährigen im Altenheim. Davor lieg ein kleiner Tannenzweig. Es ist der einzige Weihnachtsschmuck, der Zwingmann umgibt. Mehr brauche sie nicht, sagt sie. Sie hat ihre Erinnerungen und den Heiligen Abend bei der Familie in München, der sie alle wieder aufleben lassen wird.

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