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Baumeister Falk Sluyterman: In den bisherigen drei Jahren seiner Amtszeit hat die Stadt zahlreiche Projekte in Angriff genommen. Das größte und prägendste ist der Grundschul-Neubau auf dem Bild.

Halbzeitbilanz der Kommunalwahl

Schongaus Bürgermeister: „Ich muss noch gelassener werden“

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Nach der denkbar knappen Wahl mit 32 Stimmen Vorsprung vor dem Konkurrenten und jetzigen Vize-Bürgermeister Tobias Kalbitzer hat sich Schongaus Rathauschef Falk Sluyterman (SPD) in die Arbeit gestürzt. Die bisherigen drei Jahre seiner Amtsperiode sind geprägt von Spatenstichen und Bauprojekten, allen voran die neue Grundschule. Doch der 47-Jährige denkt schon an 2020.

-Herr Sluyterman, haben Sie die Kandidatur jemals bereut?

Nein, definitiv nicht. Aber ich räume ein, dass ich mir im Vorfeld nicht habe vorstellen konnte, was mich in diesem Amt alles erwartet.

-Zum Beispiel viel Ärger und Termine rund um die Uhr?

Tatsächlich die Termindichte, dazu die Aufgabenvielfalt. Dann auch der Umstand, dass man für alles, was die Stadt macht, verantwortlich gemacht wird, ob zu Recht oder zu Unrecht. Das sind spannende Erfahrungen, die ich mir im Vorfeld nicht habe vorstellen können.

-Eines ihrer ersten Projekte war der Spielplatz-Streit an der Carl-Orff-Straße, wo sie Stunden und Tage investiert haben. Wenn Sie zurückblicken: Würden Sie das heute nochmal so machen?

Der Zeitrahmen müsste heute tatsächlich viel enger sein, um das Problem anzupacken und zu lösen. Ich bin aber froh, dass der Spielplatz sein kleines Fußballfeld behalten hat und mit neuen Spielgeräten ausgestattet wurde.

-Wie viele Urlaubstage haben Sie in den vergangenen drei Jahren gehabt?

Als Bürgermeister bin ich Beamter auf Zeit und habe deshalb 30 Urlaubstage im Jahr. Es kann allerdings sein, dass ich bisher in keinem meiner drei Jahre diese Zahl ausgereizt habe (schmunzelt).

-Ihre Präsenz ist tatsächlich enorm. Honoriert das der Bürger auch?

Da halte ich es mit dem bayerischen Grundsatz: Nicht gemeckert ist genug gelobt.

-Als faul hat Sie vermutlich noch niemand bezeichnet.

Nein, das ist in der Tat noch nie passiert. Ich versuche, sehr präsent zu sein, und muss sagen: Das macht schon Spaß. Gerade die Aufgabenvielfalt und verschiedenen Termine führen dazu, dass ein Arbeitstag, der in der Regel zwölf Stunden, manchmal auch 15 Stunden beträgt, sehr interessant ist und nie langweilig wird.

-Sehen Sie Ihre Frau eigentlich öfter als früher, als Sie noch beim Bundesverkehrsministerium in Bonn gearbeitet haben?

Ich sehe sie definitiv öfter, nämlich täglich, aber dafür kürzer. Wir haben das mal spaßeshalber ausgerechnet. Früher hatte ich an Wochenende immer frei, dazu konnte ich Freitag und Montag Home-Office machen – das sieht jetzt anders aus.

-Wenn Sie an die ersten drei Jahre im Amt zurückdenken, was war die wichtigste Erfahrung, sei es im zwischenmenschlichen Bereich oder bei einem Projekt?

Generell sage ich, dass ich keinen einzigen Tag missen möchte. Ich habe in vielen Gesprächen mit Bürgern in Abgründe schauen dürfen...

-...das heißt, die Bürger erzählen Ihnen aus ihren privatesten Bereichen?

Ja, durchaus. Dazu bin ich oft persönlich angegangen worden, vor allem über die sozialen Netzwerke. Es gab auch Leserbriefe in der Zeitung, ich sei ein Lügner und solle zurücktreten. Vor allem in der Diskussion um das Asylbewerberheim in der Pöllandtstraße gab es Vorwürfe von allen Seiten. Da kam eine Menge zusammen, auch Dinge, die man erst einmal verdauen muss.

-Da denkt man nachts länger darüber nach.

So ist es. Da habe ich andermal schon besser geschlafen. Es gab auch Personalentscheidungen im Rathaus, die getroffen werden mussten. Da waren Dinge dabei, die mir menschlich sehr nahe gegangen sind, weil ich lange Jahre im Personalrat war, gewerkschaftlich organisiert bin und jetzt plötzlich auf der anderen Seite stehe. Das muss man ausblenden und sich klarmachen, es geht um die Sache, um die Stadt. Jede Position muss so besetzt sein, dass der Laden funktioniert.

-Auch uns ist eine gewisse Unruhe im Rathaus zugetragen worden wegen einiger Entscheidungen von Ihnen.

Ich komme aus einer modernen und bürgerfreundlichen Verwaltung, und diesen Geist habe ich versucht, ins Rathaus zu transportieren. Manchem hat das Tempo vielleicht nicht so zugesagt, sie haben das Rathaus verlassen. Dafür haben wir andere, gute Mitarbeiter dazugewonnen.

-Im Stadtrat gab es früher verhärtete Positionen. Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit?

Ich kenne die früheren Verhältnisse auch nur vom Hörensagen. Wenn einiges von dem zutrifft, kann ich sagen, dass sich der Kurs geändert hat. Die Sachpolitik steht klar im Vordergrund, und ich hoffe, man merkt es mir an, dass ich Bürgermeister der Stadt Schongau bin und kein SPD-Bürgermeister. Es gibt Themen, da finde ich mit der eigenen Fraktion keine Mehrheit, dafür mit den anderen Fraktionen. Das ist auch gut so.

-Man hört von Bürgern oft: Mit dem Herrn Sluyterman kommt man ganz gut klar, nur manchmal ist er etwas ungeduldig und kann sogar ruppig werden.

Das stimmt, das höre ich auch manchmal im engeren Familienkreis. Geduld ist keine meiner größten Tugenden, und manchmal bin ich vielleicht sogar etwas unbeherrscht. Ich glaube aber, dass ich eine gewisse Grenze nicht überschreite, und ich kann mich auch, wenn es nötig ist, entschuldigen. Umgekehrt bin ich auch niemandem nachtragend, der sich mir gegenüber unpassend äußert.

-Sie verstehen aber, dass manche erst einmal merkwürdig schauen, wenn von Ihnen ein kleiner emotionaler Ausbruch erfolgt.

Das stimmt, da muss ich noch an mir arbeiten. Vor allem bei der Leitung von Stadtratssitzungen muss ich noch ein Stück gelassener werden.

-Sie stehen im Ruf, ein sehr korrekter Verwaltungsfachmann zu sein. Ist dieses Image eher negativ oder positiv?

Ich sehe es eher als positive Eigenschaft. Denn es hat mir den Einstieg ins Amt deutlich erleichtert. Die 20 Jahre Erfahrung in der Verwaltung und auch als Volljurist sind im Bürgermeisteramt Gold wert.

-Auf jeden Fall ist in Schongau in den vergangenen drei Jahren viel passiert. Haben Sie mal die Spatenstiche gezählt, auf denen Sie waren?

Nein, leider nicht. Aber es ist tatsächlich eine stattliche Anzahl an Projekten. Manchmal muss man sich für umstrittene Projekte wie den Bike-Park stark machen, da haben wir den Dialog mit der durchaus kritischen Bürgerschaft geführt und viel Kritik, aber auch Lob erfahren. Es ist sicher auch eine Charaktereigenschaft von mir, dass ich so ein Projekt auch gegen Widerstände zu Ende bringen möchte.

-Das gleiche gilt für die Fußgängerzone, die umgesetzt wurde. Das Thema Altstadt wird zentral in den nächsten Jahren bleiben.

Sicherlich. Die Fußgängerzone halte ich nach wie vor für ein wichtiges und richtiges Projekt, auch wenn ich einräume, dass sie noch nicht den Effekt gebracht hat, den wir uns alle wünschen. Das hat verschiedene Gründe. Aber die Stadt hat ihre Hausaufgaben gemacht, jetzt müssen die Einzelhändler ihren Obolus leisten, damit sie noch besser angenommen wird. Die einheitlichen und durchgehenden Öffnungszeiten etwa trage ich mittlerweile wie ein Mantra vor mir her. Aber auch die Schaufenstergestaltung ist wichtig. Die weggefallenen Parkplätze, die wir mit dem neuen Parkraumkonzept mehr als kompensiert haben, sind meiner Meinung nach ein viel geringeres Problem als die Konkurrenz durch den Online-Handel. Die Aufenthaltsqualität ist ein ganz wichtiges Merkmal für eine historische Stadt wie unsere, und mit zuletzt 4000 Autos, die dort täglich durchgefahren sind, war das nicht zu vereinbaren. Natürlich sehe ich manchmal eine geringe Frequenz, aber das liegt nicht unbedingt allein an der Einführung unseres verkehrsberuhigten Bereichs.

-Wenn wir in die Zukunft blicken, überlagert der Grundschul-Neubau erst einmal alles, vor allem finanziell. Aber was gibt es noch für Projekte, bei denen Sie sagen: Das bekommen wir in den drei Jahren hin?

Dazu gehört auf jeden Fall das Thema Stadtmauer, da ist das Inwertsetzungskonzept bald abgeschlossen. Auch beim Stadtmauerumfeld sollte noch etwas passieren, vor allem am Sonnengraben. Beim sozialen Wohnungsbau werden wir 2018 mit der Sanierung Im Tal starten und hoffentlich auch mit einer Nachverdichtung. Zudem gehe ich davon aus, dass wir in der Liedlstraße beim Josefsheim, das ehemalige Gesundheitsamt, die Planung so weit voranbringen, um es an einen Investor verkaufen zu können. Dort soll gehobenes Wohnen entstehen, das ist wichtig für die Altstadt, damit auch Menschen mit Kaufkraft hierherziehen. Beim Thema Bahnhof werden wir den barrierefreien Umbau kritisch begleiten...

-...und gleichzeitig schauen, dass damit nicht der Krankenhaus-Halt Schongau-Nord verbaut wird.

Richtig. Da setze ich große Hoffnungen auf unseren Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, der mir dafür seine Unterstützung vor kurzem in einem persönlichen Gespräch zugesagt hat.

-Mit das wichtigste Projekt dürfte auch das neue Baugebiet Schongau-Nord werden.

Das stimmt. Wegen der großen Nachfrage an Grundstücken werden wir nicht umhin kommen, ein weiteres Baugebiet auszuweisen. Vorher müssen wir ein Leerstands-Management erstellen. In vielen Wohngebieten stehen Häusern seit Jahren leer, da muss man schauen, ob der Bedarf eventuell damit gedeckt werden kann. Ich sehe das eher kritisch. Deshalb wird man um den Schongauer Norden nicht herumkommen, wobei man schauen muss, wie der Stadtrat mehrheitlich entscheiden wird. Ich bin dafür, da mache ich keinen Hehl daraus. Ob aber 2020 dort schon jemand wohnen wird, wage ich zu bezweifeln.

-Das wäre dann eine Aufgabe für eine mögliche nächste Amtsperiode, für die Sie höchstwahrscheinlich kandidieren werden.

Nicht nur höchstwahrscheinlich, ich werde nach heutigem Stand auf jeden Fall kandidieren.

-Die Wahl 2014 war besonders, ja außergewöhnlich. Glauben Sie, dass so etwas in drei Jahren wieder möglich ist?

Ich hoffe nein (lacht). Ich werde oft gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass es damals so knapp ausging. Da kommen immer wieder die 32 Stimmen zur Sprache. Ich kann es mir auch heute noch schwer erklären. Gewiss war in der Bevölkerung eine gewisse Unzufriedenheit vorhanden.

-Es erinnert mit dem Protestwahl-Charakter etwas an Brexit, Trump und Frankreich, nur früher und in kleinerem Rahmen.

Ja, da haben Sie völlig recht. Ich hoffe aber nicht, dass meine Amtsführung den Bürgern einen Grund gibt, mich abstrafen zu wollen. Denn die knappe Entscheidung vor drei Jahren waren alles andere als gute Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Start.

-Nach dem Motto: Ich habe die Mehrzahl der Bürger hinter mir.

Genau. Durch Schongau ging ein Spalt, das war anfangs nicht einfach. Aber innerhalb der ersten Monate hat sich das so normalisiert, dass ich nicht das Gefühl hatte, jeder zweite, den ich treffe, sagt mir, er habe mich nicht gewählt. Ich denke, die Bürgerschaft hat mich schnell akzeptiert, auch meinen schwierigen Nachnamen und den Umstand, dass ich kein gebürtiger Schongauer bin. Ich denke, ein Großteil derjenigen, die mich damals nicht gewählt haben, ist jetzt ganz zufrieden mir meiner Arbeit.

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