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Der Bus kommt nicht ums Eck: Bei einem Ortstermin Ende März 2018 wird klar, dass die Zufahrt zur Behelfsbrücke zu schmal angelegt worden ist

Die unglaubliche Geschichte einer irren Pechsträhne

Schongaus Horror-Baustelle über dem Mühlkanal ist auf der Zielgeraden

  • Jörg von Rohland
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Es gibt keine Reden, auch Bändchen werden nicht durchschnitten. Das neue Brückenbauwerk über dem Schongauer Mühlkanal geht still und leise seiner Bestimmung über. Dabei gäbe es so viel zu erzählen. Vor allem über Pleiten, Pech und Pannen. Ein Rückblick.

Schongau– Christoph Prause dürfte die Baustelle in Schongau nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Projektleiter im Staatlichen Bauamt in Weilheim musste in den vergangenen drei Jahren immer wieder Kritik einstecken, wenn es am oder über dem Mühlkanal lichterloh brannte. „Natürlich war Vieles sehr ärgerlich“, sagt der Ingenieur heute rückblickend. „Aber wir haben versucht, das Beste daraus zu machen.“

Der Brückenschlag ist geglückt

Zunächst läuft auf der Baustelle alles wie gewünscht: Der Brückenschlag über den Kanal klappt im Februar 2018 reibungslos. Über das Behelfsbauwerk soll während der Brückenerneuerung der Verkehr auf einer Spur rollen. Aber auch der Verkehrsfluss aus der Gegenrichtung darf nicht ins Stocken kommen. Eine kniffelige Aufgabe!

Am Anfang lief alles glatt: Der Brückenschlag des Behelfsbauwerks im Februar 2018 klappte wie am Schnürchen.

Um sie zu lösen, hat sich das Staatliche Bauamt einen ausgeklügelten Plan zurechtgelegt: Die marode Kanal-Brücke wird in zwei Etappen abgerissen und erneuert. Eine Hälfte bleibt zunächst stehen. Über sie können weiterhin Autos, Busse, Lkw und andere Kfz fahren, während die andere Hälfte abgerissen und erneuert wird. Ist der Teilneubau fertig, rollt der Verkehr über ihn. Der Abbruch und Neubau auf der anderen Seite können angegangen werden. Zusammen mit der Behelfsbrücke sollen so während der gesamten Bauzeit meistens zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen. Ein pfiffiger Plan, der jedoch auf tönernen Füßen steht.

Zufahrt zur Behelfsbrücke zu eng geplant

Die Autofahrer sollen zunächst nur vier Wochen leiden. So viel Zeit hat das Staatliche Bauamt für den ersten unumgänglichen Schritt veranschlagt, für den das alte Bauwerk komplett gesperrt werden muss. Der Verkehr zwischen Peiting und Schongau wird in beiden Richtungen nur über die Behelfsbrücke geführt, eine Ampelschaltung regelt ihn. Die marode Brücke kann währenddessen längs durchtrennt werden. Die südliche Brückenhälfte wird baulich verstärkt, so dass sie vier Wochen später wieder als zweite Fahrbahn genutzt werden kann.

Staus und immer wieder Staus: Die Autofahrer brauchten manchmal bis zu 45 Minuten von Peiting nach Schongau.

Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Offenbar hat sich jemand vermessen oder nicht richtig mitgedacht. Als der Verkehr auf die Behelfsbrücke geleitet wird, bleibt in der engen Zufahrt ein aus Schongau kommender Lkw stecken. Bei einem Ortstermin mit der Polizei wird die Durchfahrt noch einmal mit einem langen Bus geübt. Auch er kommt nicht um die Kurve, sie ist nicht breit genug. Jetzt ist guter Rat teuer.

Verantwortliche ziehen die Notbremse

Die Verantwortlichen ziehen die Notbremse: Die Zufahrt zur Behelfsbrücke muss umgebaut werden, die Verbindung von Schongau nach Peiting wird fürs Erste gekappt. Nur wer nach Schongau rein will, kommt noch über den Mühlkanal. Wer in umgekehrter Richtung nach Peiting fahren will, muss den langen Umweg über die Schongauer Westumgehung nehmen.

Und es passiert, was viele befürchtet hatten: Im April kracht es auf der Umgehung. Sie muss für die Unfallaufnahme und Bergung der Fahrzeuge gesperrt werden. Weil jetzt auch der Weg durch Schongau in einer Fahrtrichtung zu ist, geht nichts mehr. Das Chaos ist perfekt.

Eine Woche nach der anderen zieht ins Land. Nach Pfingsten 2018 rollt der Verkehr immer noch nur in einer Richtung über die Behelfsbrücke. Von weiteren Unfällen und damit verbundenen Sperrungen bleibt Schongau aber zum Glück verschont. Immerhin läuft der Abriss der ersten Brückenhälfte über dem Kanal. Und auch ein Elektrohäuschen, das einer breiteren Zufahrt zur Behelfsbrücke im Weg steht, kann endlich verschwinden.

Am 18. Juni 2018 ist es endlich so weit. Die Spur ist verbreitert, der Verkehr läuft wie geplant.

Am 18. Juni geht es endlich wieder zweispurig über den Kanal, auch sehr lange Busse kommen jetzt problemlos auf die Behelfsbrücke. Die Freude über die freie Fahrt währt jedoch nicht all zu lang. Im Juli rückt ein 500 Tonnen schwerer Kranwagen an, um die zersägten Brückenteile herauszuheben. Wieder geht es nur einspurig über den Kanal – diesmal wieder abwechselnd in beiden Richtungen per Ampelschaltung.

Und schon wieder läuft nicht alles so, wie es soll: Jetzt ist es eine verrückt spielende Behelfsampel, die die von Peiting kommenden Autofahrer in den Wahnsinn treibt. Wegen der viel zu kurzen Grünphasen reicht der Rückstau schnell bis zum Kreisverkehr nach Peiting zurück. Die Wartezeit liegt bei satten 45 Minuten. Viele drehen entnervt um und fahren lieber wieder den Umweg über die Umgehung.

Bei den Anliegern liegen die Nerven blank

Auch bei den Anwohnern der Peitinger Straße, die die lärmende und staubende Baustelle vor der Nase haben, liegen die Nerven im Juli 2018 längst blank. „Die brauchen sich gar nicht entschuldigen, Entschuldigungen nehmen wir nicht mehr an, ich habe genug von dieser zugeschissenen Straße.“ So platzt es aus einem Anlieger heraus, als man ihm ohne Vorwarnung zur Mittagszeit für drei Stunden auch noch den Strom abdreht. Die Kommunikation mit dem Staatlichen Bauamt hatten mehrere Anwohner schon in den Monaten davor alles andere als ideal empfunden.

Munition aus dem Zweiten Weltkrieg im Kanal

Und die Laune bessert sich nicht, als im Juli 2018 Weltkriegsmunition im Kanal entdeckt wird. Eine eigens beauftragte Spezialfirma hätte diese vor Baubeginn längst finden und bergen müssen. 20 Anwohner links und rechts der Peitinger Straße müssen ihre Wohnungen und Häuser verlassen, bevor eine Tellermine im Wasser gesprengt wird. Alle Brücken über dem Kanal sind dicht (auch die Bahnbrücke). Zu allem Überfluss kommt es zeitgleich auch noch zu Unfällen auf der Umgehung. Für einige Zeit geht gar nichts mehr. In Radiodurchsagen wird empfohlen, den Großraum Schongau weiträumig zu umfahren.

Taucher suchen im Mühlkanal nach Kampfmitteln. Auch eine Panzergranate wird gefunden:

Nach der Sprengung der Tellermine läuft der Verkehr wieder. Aber die geplanten Arbeiten an den Brückenpfeilern ruhen, weil Taucher weitere Munition im Wasser entdecken. Sie stammt höchstwahrscheinlich aus einem der letzten Gefechte, die sich deutsche und amerikanische Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs in Schongau lieferten. Der Mühlkanal ist voll damit, heißt es vom Staatlichen Bauamt. Ein gepanzerter Langstilbagger macht sich jetzt nachts an die Arbeit, um den Baustellenbereich freizuräumen. Die Arbeiten verzögern sich weiter.

Im August 2018 kommen die Arbeiten nur schleppend voran. Nur im oberen Bereich der Brücke sind Abbrucharbeiten möglich. 

Neuer Pfeiler geht zu Bruch

Und als ob das alles nicht genug wäre, unterläuft der Baufirma im November 2018 auch noch ein folgenschweres Malheur. Beim Ausbetonieren eines Brückenpfeilers geht ein Fertigbetonteil zu Bruch. Der Pfeiler muss oberhalb des Wassers abgeschnitten und neu betoniert werden. Das kostet erneut Zeit und Geld und bedeutet zusätzlichen Lärm für die Anwohner. „Wir sind auch nicht erfreut“, heißt es dazu aus dem Staatlichen Bauamt.

Und noch eine Panne: Der neue Pfeiler hatte Risse. Er musste abgesägt und neu betoniert werden.

Arbeiter fürchten „negative Aura“

„Die Baustelle hat einfach eine negative Aura“, kommentiert im Juni 2019 ein Arbeiter. Doch allen Unkenrufen zum Trotz kommt es zu keinen gravierenden Problemen mehr. Der Kanal wird noch einmal nach Kampfmitteln abgesucht und ausgebaggert. Mit Kies gefüllte Nylonsäcke verhindern, das weitere Munition ins Baufeld rutscht. Abbruch und Neubau der zweiten Brückenhälfte stellen die Baufirma vor keine großen Probleme. Die Autofahrer haben sich an die regelmäßigen Teilsperrungen gewöhnt. Das auch, weil die Firma immer ein paar Tage vorher auf die Ampelschaltung hinweist.

Er musste viel Kritik aushalten: Christoph Prause, Projektleiter im Staatlichen Bauamt in Weilheim.

Mitte Mai 2020 wird die Brücke ein gutes halbes Jahr später fertig als geplant. Der Rückbau der Baustelleneinrichtung dauert noch bis September.

Auch interessant:

Die provisorische Fahrradbrücke zwischen Schongau und Peiting erst einmal beizubehalten, dies wurde erneut in einer Stadtratssitzung gefordert.

Die Gemeinde Bernbeuren steigt aus der Kommunalen Verkehrsüberwachung aus. Der Grund: Der Gemeinderat ist nicht mehr gewillt, das jährliche Defizit zu tragen.

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