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Das Geschäft der Familie Kugler befand sich am Schongauer Marienplatz.

Sie hatten ein Geschäft in den Schrimpfhäusern am Marienplatz

In Schongau soll an die jüdische Familie Kugler erinnert werden

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Mehrere Jahre lang betrieben Moritz und Rosa Kugler aus Schongau ein Geschäft am Marienplatz. Im neuen Welf erinnert Altlandrat Leopold Braun an die jüdische Familie. Stadträtin Bettina Buresch fordert: Das Gedenken sollte auch im Stadtbild verankert werden.

Schongau – Sie sind als Schrimpfhäuser bekannt, die beiden Gebäude am Schongauer Marienplatz, die zur Zeit in Baugerüste gehüllt sind. In einem der Häuser befand sich von 1902 bis 1934 ein Herrenausstatter, betrieben von Moritz und Rosa Kugler. An die beiden Juden, die im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben kamen, erinnert heute nichts mehr in Schongau.

Doch das soll sich ändern, findet Stadträtin Bettina Buresch. Sie forderte in einer Sitzung, dass eine Gedenktafel angebracht wird. Etwa am ehemaligen Geschäftshaus. „Das müsste man natürlich mit dem Eigentümer besprechen“, so Buresch. Aber wichtig sei, dass in der Stadt überhaupt eine sichtbare Form der Erinnerung geschaffen wird. Der Antrag soll in der öffentlichen Stadtratssitzung am Dienstag, 21. Januar, zur Abstimmung kommen.

Rosa Kugler starb im KZ.

Altlandrat Luitpold Braun hat mit seinem Aufsatz über die Kuglers im aktuellen Jahrbuch des Historischen Vereins „Der Welf“ dafür gesorgt, dass deren trauriger Lebensgeschichte Aufmerksamkeit geschenkt wird:

Im Schongauer Melderegister ist vermerkt, dass Moritz Kugler im Januar 1902 von Starnberg in die Lechstadt zog, wo er drei Jahre später Rosa Blumenstein heiratete. Die beiden bekamen die Söhne Norbert (1906) und Joseph (1911). Moritz Kugler hatte außerdem eine Tochter aus erster Ehe, die allerdings schon früh verstarb.

Im November 1935 mussten Moritz und Rosa Kugler Schongau verlassen – wohl auf Druck des damaligen NS-Bürgermeisters, wie Braun vermutet. Sie kamen zunächst nach München, 1942 wurden sie ins Konzentrationslager Theresienstadt in Böhmen deportiert, wo beide noch im selben Jahr starben. Aufgrund einer Lungenentzündung, heißt es in der Todesfallanzeige von Rosa Kugler. Bei ihrem Mann soll Altersschwäche die Ursache gewesen sein. Die Holocaust-Opferdatenbank vermerkt zu beiden „ermordet“.

Die beiden Kugler-Söhne emigrierten bereits im Sommer 1933 nach Frankreich und schlossen sich der Résistance an. Joseph fiel 1942 in Toulouse. Norbert zog nach dem Krieg mit seiner Frau noch einmal nach Schongau, später nach Ost-Berlin.

Moritz Kugler wurde ebenfalls deportiert.

Seine Frau Mira flüchtete 1985 aus der DDR, um Hilfe beim damaligen Schongauer Bürgermeister Luitpold Braun zu suchen. Sie kam auf eigenen Wunsch ins jüdische Altenheim in München. Die Begegnung und die Lebensgeschichte ihrer Familie ließ Braun nicht mehr los: „Im Sommer habe ich die Geschichte mal so nebenbei erzählt und mir gedacht, dass man sie eigentlich aufschreiben müsste – denn sonst werden die Kuglers vergessen.“

Doch die Nachforschungen gestalteten sich schwierig. Als Juden wollten sie in dieser Zeit möglichst keine Spuren hinterlassen, in der Résistance wurde viel mit Decknamen gearbeitet, erklärt Braun. Zu Beginn hatte er nur seine Erinnerung an das Gespräch mit Mira Kugler und Erzählungen seines Vaters, der in etwa so alt wie Norbert war.

Am Wunsch, Fotos von den beiden Kugler-Brüdern zu erhalten, ist er trotz größter Bemühungen gescheitert. In keinem Stadtarchiv waren mehr welche hinterlegt. Und das, obwohl in Vénissieux bei Lyon sogar eine Straße nach Norbert Kugler benannt ist.

Bettina Buresch ist dankbar, dass Braun so akribisch recherchiert hat. „Ich bin sehr geschichtsinteressiert und habe mich immer gefragt, wie es hier wohl damals war. In Kleinstädten ist ja alles viel vertrauter. Gab es hier jüdische Familien, die dem Dritten Reich zum Opfer fielen?“ Die Zeit dürfe nicht in Vergessenheit geraten, findet sie – gerade auch im Hinblick darauf, dass die Rechten wieder stärker werden.

Ihren Anstoß, in der Stadt an die Familie Kugler zu erinnern, findet Luitpold Braun schön. Er neige allerdings eher zu Stolpersteinen, da die Entscheidung dann nicht vom Hauseigentümer abhängig sei. „Aber das muss nicht sein“, so Braun. Auch mit einer Gedenktafel, wie Buresch sie vorgeschlagen hatte, könnte er sich anfreunden.

Der Welf mit dem Aufsatz über die Familie Kugler, ist in der Büchergalerie Schongau sowie Buch am Bach in Peiting erhältlich.

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