Drei Säulen des Schongauer Brieftaubenvereins: (v.l.) Ex-Ruhrpottler Bernhard Kominek, Martin Seemüller und Rolf Deppe vor dem Trainingsanhänger des Vereins. 
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Drei Säulen des Schongauer Brieftaubenvereins: (v.l.) Ex-Ruhrpottler Bernhard Kominek, Martin Seemüller und Rolf Deppe vor dem Trainingsanhänger des Vereins. 

Ein Besuch beim Brieftaubenverein Schongau beeindruckt

Sie leben die Faszination Brieftauben

Was in der heutigen Zeit als Nachricht schnell und problemlos per Mail, SMS oder WhatsApp von Absender zu Empfänger jagt, wurde in früherer Zeit von Brieftauben übernommen. Moderne Technik hat sie abgelöst, die Faszination Brieftaube ist aber geblieben. Ein Besuch beim Brieftaubenverein Schongau beeindruckt.

Schongau – Es herrscht ein geschäftiges Treiben an diesem Nachmittag an der Einsatzstelle der Schongauer Brieftaubenzüchter in der Diessener Straße. Wenige Stunden vorher wurde per Rundruf bekannt gegeben, dass für den nächsten ein Wertungsflug der Brieftauben geplant ist. Als Auflassort für die Tauben wurde Weil am Rhein ausgelost. Eine Strecke von zirka 280 Kilometer müssen also die Tiere bei ihrem geplanten Flug zurücklegen.

Die Züchter vor Ort in Schongau kennen sich. Eine kleine, eingeschworene Mannschaft. Männer, die sich seit Kindesjahren mit dem „Hobby Brieftauben“ beschäftigen. Besser gesagt mit dieser Leidenschaft infiziert sind.

Alle Daten werden im Computer gespeichert

So wie Bernhard Kominek (58), der seit seinem neunten Lebensjahr den Tauben verfallen ist. Damals, als er noch im Ruhrpott lebte, hatten alle seine Nachbarn Brieftauben. „Das gehörte einfach zu unserem Leben“, erzählt er heute vor Ort. Als er den Wohnsitz wechselte und hier im Süden landete, hat er natürlich seine Leidenschaft mitgenommen – und fand bei den Schongauern sofort Anschluss.

Mit Martin Seemüller, der darüber hinaus im Penzberger Verein Vorstand ist, bildet Kominek ein Team. Seemüller selbst steht an diesem Tag in der Verantwortung, alle Daten in einem Sammelcomputer zu speichern. Damit am Ende des Wettbewerbfluges alles auf die Sekunde stimmt. Schummeln unmöglich.

Der Schwabsoier Alfred Sinn mit einer seiner Tauben, die er auf die Reise schickt.

Zu dem bevorstehenden Wettbewerbsflug haben die beiden ihre Tauben in hölzernen Transportkäfigen angekarrt. Genauso wie Alfred Sinn (79) aus Schwabsoien, der seit 1965 Mitglied im Verein ist. „Seit der Zeit bin ich auch Kassier“, setzt er gleich hinzu. Wie Sinn erzählt, hat er schon als kleiner Bub zuhause auf dem Hof Tauben gehabt. Reisetauben haben ihn das ganze Leben lang begleitet. Dabei gesteht er, während er eines seine Tiere aus dem Käfig holt, dass er durch seine langjährige Erfahrung vor einem Wettbewerb nicht mehr aufgeregt sei. „Aber wenn alle wieder zurückkommen, sind wir schon heilfroh“, gibt er schmunzelnd zu.

Einscannen und registrieren

Zur gleichen Zeit hat Walter Mesch sprichwörtlich alle Hände voll zu tun. Der Weilheimer ist an diesem Tag Einsatzstellen-Leiter. Durch seine Hände laufen an diesem Tag alle der 178 Tauben. Mesch nimmt die Tauben einzeln von dem jeweiligen Züchter entgegen und führt diese über eine tellerförmige Metallschale. „Dabei wird der Chip, den die Taube am Fuß hat, in das tragbare ,Tauben-Reise-Information-System’ des Züchters eingescannt und registriert“, erklärt Mesch.

Walter Mesch (vo.) scannt eine Brieftaube von Lokalmatador Hans Gröbl aus Wielenbach ein. 

„Das war nicht immer so“, erzählt der Peitinger Rolf Deppe (79) in einer kleinen Nebenkammer, wo die alten Stoppuhren aufbewahrt sind. Deppe ist ebenfalls seit den Anfangsjahren Mitglied in diesem Verein. Er hat an unzähligen Wettbewerben teilgenommen und erinnert sich also an die Tage, als man den Tauben mit einer Spezialzange noch kleine Ringe mit Kennziffern um den Fuß klemmte.

Die Leidenschaft mit nach Bayern genommen

Nichts wurde digital registriert, alles per Hand notiert und eingetragen. Denn nach jedem Flug muss eine Preisflugliste erstellt werden, die auch an den Deutschen Brieftauben-Züchter Verband geschickt wurde. Damals per Post, heute digital.

Deppe hat ebenfalls schon in sehr jungen Jahren die „Faszination Brieftaube“ entdeckt, damals in Hannover. Und er hat natürlich seine Leidenschaft mit nach Bayern genommen. Gute eineinhalb Stunden verbringt er jeden Tag im Taubenhaus bei seinen Tieren. Wie von dem „alten Hasen“ zu erfahren ist, ist die Brieftaube eine Taubenrasse, die sich durch ihre besondere Orientierung und ihr ausgeprägtes Heimfindevermögen auszeichnet. Mit ihr war es möglich, noch vor der Erfindung der Telegrafie Nachrichten zu versenden.

Einsatzstellenleiter Walter Mesch (li.) beim Verladen der Transportkisten in den Kabinenexpress.

„Wenn es schnell gehen musste, wurden in Großstädten mit viel Verkehr sogar Blutproben mit Brieftauben versendet“, erzählt Deppe. Auch von Spionen hinter den Fronten konnten so Nachrichten über die Feindlage zur eigenen Einheit übermittelt werden.

Mit allen Tieren zum Auflassort in Weil am Rhein

Selbst Sportfans von Großveranstaltungen konnten von den Brieftauben profitieren: So hatten Reporter in den Stadien ihre Tauben in kleinen Käfigen mit dabei, um bei Spielende Berichte und auch Filmmaterial in die Redaktionen zu schicken.

Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an, nicht so die Leidenschaft der Züchter: Und natürlich auch der „Schlachtruf“ aller, die ihre Tauben mit einem „Gut Flug“ auf die Reise schicken. An diesem Abend mit dem Kabinenexpress, der noch weitere Einsatzstellen abklappern wird: Mauerstetten, Landsberg, Bad Wörishofen und Memmingen. Dann geht’s ab mit allen Tieren zum Auflassort nach Weil am Rhein.

Hans-Helmut Herold

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