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Zum Teil deutlich auseinander gehen die Meinungen von Gewerbetreibenden (blau) und Kunden (grün), was den Zustand der Altstadt betrifft. 

Bestandsaufnahme Einzelhandelskonzept

So steht’s um Schongaus Geschäfte

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Die Bestandsaufnahme zum neuen Schongauer Einzelhandelskonzept hat einige Überraschungen gebracht – negative wie positive. Ein Aspekt: Geschäftstreibende machen die Schongauer Altstadt zum Teil schlechter, als sie ist.

Schongau – Eine messerscharfe Analyse der Schongauer Altstadt hat der Standortberater Manfred Heider (Augsburg) am Dienstagabend im Schongauer Ballenhaus geliefert. Dank zahlreicher Strukturdaten sowie einer Umfrage von Gewerbetreibenden und Haushalten konnte er ein klares Bild von den Stärken und Schwächen zeichnen. 1999 gab es die bislang letzte umfangreiche Einzelhandels-Erhebung. „Eigentlich sollte man über das Thema alle sechs Jahre nachdenken“, mahnte Heider. Ziel der Analyse sei es herauszufinden: „Wo steht man, und was muss man tun?“ Von 160 angeschriebenen Gewerbetreibenden haben 65 geantwortet, darunter 50 Altstadt-Betriebe. Bei der Haushaltsbefragung kamen 269 Fragebogen zurück. „Das ist gar nicht so schlecht“, sagte Bürgermeister Falk Sluyterman.

Bevölkerungszahl:

Die ist seit 2011 kräftig gestiegen, deutlich mehr als im Schnitt des Landkreises oder ähnlich großer Städte. Wenn die Wirtschaft stark bleibe und es genügend Wohnraum gebe, könne Schongaus Bevölkerung bis 2034 um satte neun Prozent steigen. Auffällig ist laut Heider auch das überdurchschnittlich hohe Arbeitsplatzangebot; Schongau sei eine sehr wirtschaftsstarke Kommune mit einem hohen Anteil produzierendem Gewerbe.

Marktgebiet/Kaufkraft:

Neben den Schongauern selbst sind es vor allem die Bürger westlich der Lechstadt, die hier zum Einkaufen kommen. „Denn im Osten ist Peiting recht ordentlich ausgestattet, da wird einiges abgefangen“, so Heider. Insgesamt besteht das Haupt-Einzugsgebiet für den Schongauer Einzelhandel aus 47 000 Einwohnern. Der Umsatz betrug vergangenes Jahr 136 Millionen Euro – fast das Doppelte, was an eigener Kaufkraft da ist, sagte Heider anerkennend. Denn die Schongauer selbst haben nur eine Kaufkraft von 71 Millionen Euro, von denen sie 58 vor Ort ausgeben, 13 gehen nach außen. Das heißt, dass mit 71 Millionen Euro der größte Teil der Kaufkraft von Kunden außerhalb Schongaus kommt, ergänzt noch mit Touristen und Gelegenheitskäufern von weiter weg, die acht Millionen Euro beisteuern. „Das ist viel Umsatz“, sagte Heider. „Aber entscheidend ist: Wo wird er erzielt?“

Einzelhandels-Struktur:

Damit wären wir direkt in Schongau, wo es zwei große Einkaufs-Zentren gibt: die Altstadt und den Westen, ergänzt von kleineren Ballungen wie beim V-Markt. Zwar befinde sich mit 46 Prozent die Mehrzahl der Einzelhändler noch in der Altstadt, in Gewerbegebieten und Randlagen sind es nur 37 Prozent. „Aber die haben 80 Prozent der Verkaufsfläche“, sagte Heider. Nur drei Betriebe in der Altstadt kommen über die 500-Quadratmeter-Grenze. Was die Sache richtig dramatisch macht, ist der Vergleich mit 1999: Damals gab es in Schongau-West noch 30 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche, die sich jetzt auf 60 000 Quadratmeter verdoppelt habe – deutlich mehr als im bundesweiten Vergleich. Es sei klar, was das für eine klein strukturierte Altstadt bedeute, wo man keinen Platz habe, so Heider.

Standort Altstadt:

In der Altstadt gibt es noch 53 Einzelhändler, dazu 78 Dienstleister und 25 Gastronomiebetriebe, aber auch 26 Leerstände. 1999 waren es nur elf Leerstände, dafür gab es laut Heider noch fast doppelt so viele Einzelhändler. „In viele dieser Geschäfte sind Dienstleister eingezogen oder sie wurden gleich zu Wohnungen umgebaut“, so Heider. Die äußere Qualität der Läden ist grundsätzlich in Ordnung: 38 Prozent der Immobilien seien ansprechend und attraktiv, weitere 50 Prozent funktionsfähig mit wenig sichtbaren Beeinträchtigungen, nur zwölf Prozent wenig attraktiv. Letzteres sei laut Heider für eine historisch schöne Altstadt aber ein hoher Anteil, „da besteht dringender Handlungsbedarf“. Dass aber nur 31 Prozent der Ladenbesitzer das Geschäftshaus auch gehöre, sei laut Heider eher ein niedriger Wert. Wobei zwei Drittel ihren Laden schon mehr als zehn Jahre haben. Und rund die Hälfte der Läden befindet sich seit mehr als 20 Jahren am Standort, ein Viertel sogar seit über 60 Jahren – sind also wahre Institutionen.

Betriebssituation:

Damit sind wir schon mitten in der Befragung der Gewerbetreibenden. Immerhin 59 Prozent schätzen ihre derzeitige Situation sehr gut oder gut ein, für die Zukunft sind es auch noch 50 Prozent. Nur zwölf Prozent sehen die Lage derzeit kritisch, 22 Prozent sehen für den eigenen Betrieb künftig Probleme. Was Heider erschreckt hat: „Bei der Frage, wie es Schongau allgemein derzeit geht, sagen nur 32 Prozent sehr gut oder gut, für die Zukunft sehen sogar 34 Prozent die Lage nicht so gut oder schlecht“, sagte Heider. „Das sind sogar mehr Bedenken als für den eigenen Betrieb“, wunderte sich der Fachmann.

Als Hauptprobleme für den Bestand des eigenen Betriebs werden zu geringe Kundenfrequenz genannt (27 Prozent) gefolgt von Einführung der Fußgängerzone und fehlende Auswahl und Konkurrenz in der Altstadt (je 18 Prozent). Wobei Heider einschränkt, dass die 18 Prozent letztlich nur fünf Betriebe aus der Umfrage bedeuten. Andererseits halten 30 Prozent der Ladenbetreiber eine Aufgabe ihres Geschäfts in den nächsten fünf Jahren für möglich oder sogar wahrscheinlich. „Das wären rund zehn Geschäfte“, sagte Schongaus Handelsverbands-Vorsitzender Rene Repper und erntete ein Nicken von Heider. Andererseits haben 85 Prozent der Betriebsinhaber in den vergangenen drei Jahren in Umbau oder Schulungen investiert, das sei überraschend positiv, so Heider. Auch dass 86 Prozent einen Online-Auftritt haben, sei ein gutes Zeichen.

Das sagen die Kunden:

Bei der Haushaltsbefragung wurde unter anderem gefragt, was die Bürger wo einkaufen. Da schneidet die Altstadt bei Apotheken, Parfümartikeln, Schreibwaren, Büchern, Optik und Schmuck gut ab, bei Möbeln logischerweise nicht. Was laut Heider auffällt: Bei Bekleidung, ein typisches innenstadtrelevantes Geschäft, fließe viel Kaufkraft nach Kaufbeuren ab. Dass das Auto mit 71 Prozent das gängigste Mittel zum Einkauf ist, überrascht nicht – eher schon, dass tatsächlich fast 80 Prozent der befragten Bürger mindestens mehrmals im Monat zum Einkaufen in die Altstadt kommen. Bei zusätzlich gewünschten Einrichtungen stehen mehr Einzelhändler mit 84 Prozent ganz oben, davon weit vorne Bekleidungsgeschäfte (41 Prozent) vor Lebensmittelmarkt (13).

-Die Ergebnisse:

Vergleicht man die Ergebnisse von Gewerbe- und Bürgerbefragung, wird laut Heider deutlich, dass es zum Teil unterschiedliche Wahrnehmungen gibt. Während sich beide Seiten völlig einig sind, dass wegen zu weniger Geschäfte in der Altstadt kein interessanter Einkaufsbummel möglich ist, dass die Auswahl zu gering ist und die Ladenöffnungszeiten mangelhaft, sehen die Kunden die Erreichbarkeit der Altstadt deutlich positiver als die Geschäftsleute. „Das gleiche gilt beim Parkplatzangebot“, sagt Heider: Das bewerten die Kunden deutlich positiver als die Händler selbst, ebenso das gastronomische Angebot.

(Diskussions-Bericht folgt)

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