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Viele Mehrfamilienhäuser in Schongau (im Bild ein Haus Im Tal) weist auch die Sozialraumanalyse auf, die Mieten sind – noch – erschwinglich. 

Vorstellung im Stadtrat

Sozialraumanalyse: Ein Drittel der Schongauer arbeitet vor Ort

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Zu interessanten Ergebnissen für Schongau kommt die aktuelle Sozialraumanalyse. Die Zahlen interpretierten in der jüngsten Stadtratssitzung Claudia Sam-Doess und Jürgen Wachtler vom Jugendamt. In der Stadt leben viele Alleinerziehende, sie ist bei Arbeitnehmern beliebt und die Kriminalität bei unter 14-Jährigen liegt quasi bei Null.

Schongau – Alle drei Jahre wird die Sozialraumanalyse für den Landkreis Weilheim-Schongau im Auftrag des Amtes für Jugend und Familie erstellt. 2018 im April bei einer Fachtagung vorgestellt, hatten Claudia Sam-Doess und Jugendamtsleiter Jürgen Wachtler nun den Auftrag, die Ergebnisse 2014 bis 2016 im Detail für die Lechstadt zu betrachten. Viele Erziehungshilfen, viele Alleinerziehende, viele Scheidungskinder, hoher Anteil an Mietwohnungen und viele SGB II-Empfänger (Hartz IV) – diese Indikatoren spielen für den Gesamtindex eine Rolle. Der bayerische Vergleichswert wird bei 100 angesetzt. Während der Landkreis leicht darüber bei 104,5 liegt, wird der Wert der Stadt Schongau mit 135,0 beziffert. Darüber liegt Peißenberg (141,8), Wildsteig beispielsweise bei 44,3.

Das heiße nicht etwa, dass Schongau ein sozialer Brennpunkt sei, erläuterte Wachtler. Vielmehr würde besonders viel Hilfe in den Familien geleistet – um zu gewährleisten, dass Kinder möglichst zuhause wohnen können. „Es geht nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht, es geht um die Lebenslage von Familien und ihren Kindern“, so Sam-Doess. 17 Prozent aller Kinder sind unter 18 Jahren – ein Wert, den man sonst eher in kleineren Gemeinden findet. Auch sei der Wohnwert der Stadt noch so gestaltet, dass viele Alleinerziehende nach Schongau ziehen. Nimmt man etwa alle erzieherischen Hilfen und Eingliederungshilfen zusammen, liegt man in Schongau mit 6,1 Hilfen je 100 Kinder deutlich über dem Landkreis (4,76) und Bayern (3,28). „Trotzdem haben wir die geringsten Ausgaben aller oberbayerischer Landkreise“, so Wachtler. Bei der Heimerziehung liege man unter dem bayerischen Durchschnitt. Ein Heimtag koste rund 200 Euro, aktuell wohnen 50 Kinder im Kreis in Heimen. Wachtler: „Mit Präventionsmaßnahmen kann man die zehnfache Anzahl von Kindern erreichen.“

Die Sozialraumanalyse schlüsselt etwa auch Punkte wie Jugendkriminalität auf. 6,7 „Täter“ kommen aus Schongau im Vergleich zu 6,23 im Landkreis und 4,95 in Bayern. Dies bedeute aber nicht, dass in der Lechstadt nur junge Rowdies leben, im Gegenteil, wie Wachtler erläuterte. „In Schongau sind die Jugendlichen angepasster als in andern Städten, aber wir verfügen auch über eine starke Polizei.“ Schongau sei kein Krisengebiet, so Wachtler: „Der Landkreis gehört zu den sichersten in der Bundesrepublik, aber wo mehr aufgeklärt wird, haben wir mehr Straftäter.“ Bei den unter 14-Jährigen steht bei der Stadt sogar der Wert 0 (Landkreis und Bayern 0,8). Auch da wird präventiv gearbeitet: Eltern von auffällig gewordenen Kindern bekommen seitens des Jugendamtes das Angebot einer Beratung.

23,3 von hundert minderjährigen Kindern werden in Schongau von nur einem Elternteil erzogen. Im Vergleich hierzu 20,1 im Landkreis, in Bayern 17,8. Den Schongauer Wert erklären die Vertreter des Jugendamtes nicht nur mit günstigem Wohnraum. Wachtler: „Das ist auch ein Hinweis darauf, dass die Infrastruktur der Kindereinrichtungen gut ist.“

Hoch ist die Zahl der Hartz IV-Empfänger: Im Juni 2016 erhielten in Schongau 638 Menschen im erwerbstätigen Alter diese Leistung, das sind 6,6 Empfänger je 100 Einwohner. Im Vergleich dazu: Peißenberg 5,0 Prozent, Weilheim 4,7, in ganz Bayern 4,5 Prozent. Der Arbeitsmarkt sei gut, man könne fast von Vollbeschäftigung sprechen. Statistisch gesehen würden aber Menschen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten, öfter Erziehungshilfen in Anspruch nehmen. Was die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen anbelangt, liegt man im Bayernschnitt (1,5 Prozent).

Ein Blick wert ist die Untersuchung bezüglich der Wohnstruktur. Vergleicht man die Städte, hat Schongau die meisten Mietwohnungen vor Penzberg und Weilheim und sogar mit Abstand vor Peißenberg und Peiting. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Schongau ist mit 3509 Euro im Vergleich niedriger als im Bayern-Durchschnitt (4178 Euro), im Landkreis liegt es bei 4038 Euro. Dafür arbeiten immerhin 30 Prozent der Schongauer in ihrer Stadt, leben also dort, wo sie arbeiten. 71 Prozent der Beschäftigten kommen von außerhalb („Einpendler“). 55,5 Prozent der Beschäftigten arbeiten nicht in Schongau. 58 Prozent dieser Auspendler arbeiten immerhin im Landkreis Weilheim-Schongau, 16 Prozent pendeln in den Landkreis Landsberg, sechs Prozent nach München.

Das sagen die Stadträte

„Die Zahlen überraschen mich, zum Teil im Positiven“, so das Resümee von Kornelia Funke (CSU). Die Sozialraumanalyse solle die Stadträte nun bei ihrer Arbeit begleiten und sei auch im Hinblick auf die integrierte Stadtentwicklungsplanung ISEK ein wichtiges Werk. Was sie bedauerte: Die Zahlen seien von 2014 bis 2016, „aber Sie können auch nicht in die Glaskugel schauen.“ 

Friedrich Zeller (SPD) machte sich Sorgen, dass Schongau und Peißenberg im Hinblick auf die Sozialindikatoren schlecht dastehen. Leider gebe es in der Stadt viele Kinder mit finanziellen Nöten. „Schongau ist da in einer schwierigen Situation“, so Zeller. Auch sei das Stadtleben geprägt von vielen hilfebedürftigen Erwachsenen. „Ich bin mit der jüngeren Entwicklung nicht zufrieden und will dem Kreistag zurufen: Vergesst mir Schongau nicht.“ 

Auch Gregor Schuppe (ALS) sah den „Altlandkreis finanziell eindeutig schlechter gestellt – das muss bei jeder Entscheidung gesehen werden“. Der Altlandkreis habe weniger Geld, dafür mehr Probleme. Was die Sozialleistungen anbelange, sei Schongau landkreisweit führend. „Auch hier ein Appell an die kleineren Gemeinden: Warum muss Schongau die Last alleine tragen? Man kann auch in Burggen einen Sozialwohnblock hinstellen.“ 

Helmut Hunger (CSU) sah die Stadt gar in einem „Strudel“: Günstige Mieten bei gleichzeitig gutem Angebot an pädagogischen Einrichtungen. „Da müssen wir das Gleichgewicht halten, damit wir nicht zum Abstellgleis werden oder zum sozialen Brennpunkt – da kommt viel Arbeit auf uns zu.“ 

Stephan Hild (UWV) kommentierte, dass viele Ursachen gegeben seien, die die Stadt Schongau nicht ändern könne. Das Verhältnis des Einkommens zu den Lebenshaltungskosten sei „sensationell gut, das wird sich verschlechtern, wenn die Mieten steigen“. Hild weiter: „Die Forderung, der Landkreis soll an uns denken, können wir vergessen. Wir müssen an uns selbst denken, das ist unsere einzige Chance, um diese Statistik für uns erträglich zu machen.“

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