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Handschlag zur Begrüßung: Im Februar 2016 stellte Bürgermeister Falk Sluyterman (l.) Wolfgang Markus ein. Mittlerweile ist die Zusammenarbeit beendet.

Seit Jahresbeginn 

Stadt spart sich Asyl-Koordinator

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Die Stadt Schongau spart sich seit Beginn des Jahres das Geld für ihren Asylkoordinator. Als Grund nennt der Bürgermeister die rückläufigen Asylbewerberzahlen. Die ehrenamtlichen Helfer sind darüber alles andere als erfreut. Denn ihnen fehlt es zurzeit vor allem an Koordination.

Schongau– In Schongau leben nach Angaben der Stadt derzeit noch knapp 188 Asylberber. Gut 100 von ihnen wohnen nach wie vor in den Gemeinschafts-Unterkünften an der Pöllandt- sowie an der Birkländer Straße, die übrigen in angemieteten Wohnungen quer über die Stadt verteilt. Den Asylhelfern in Schongau fällt es schwer, eine Zwischen-Bilanz zu ziehen. Ihre Zahl hat im vergangenen Jahr stark abgenommen, sie sind nach eigenen Angaben kaum organisiert. Dennoch hat die Stadt, wie jetzt bekannt wurde, ihren Asylkoordinator Wolfgang Markus schon im November 2017 verabschiedet. Der Vertrag über die geringfügige Beschäftigung wurde nicht verlängert.

„Nachdem die Flüchtlingswelle nicht weiter ansteigt, die Helfer untereinander gut bekannt und Abläufe eingespielt sind, sieht die Verwaltung keinen Bedarf mehr für die Stelle des Asylkoordinators“, erläutert Rathauschef Falk Sluyterman. Dies bedeute jedoch nicht, dass Markus’ Aufgaben ersatzlos gestrichen werden. Sluyterman will sie auf die Mitarbeiter in der Hauptverwaltung umverteilen. Zahlreiche Neueinstellungen würden die dafür freien Kapazitäten bringen. Zudem habe er ohnehin vor, eine Servicestelle im Rathaus einzurichten, in der Anliegen aller Vereine und Ehrenamtlichen koordiniert werden, also auch für die Asylhelferkreise. Noch in diesem Monat will der Bürgermeister alle Asylhelfer zu einer ersten Runde einladen, in der festgelegt werden soll, wie die Stadt die ehrenamtlichen Helfer weiter unterstützen kann.

Das hat auch die Ehrenamtskoordinatorin im Landkreis, Susanne Seeling, vor. Sie lädt die Asylhelfer in Schongau für kommenden Dienstag zu einem Austauschtreffen ein. Ihren Angaben nach lässt in Schongau wie vielerorts das ehrenamtliche Engagement für die Flüchtlinge nach. Beim letzten Treffen im November seien nur noch zehn Helfer gekommen, etwas über 20 seien noch aktiv, schätzt die Koordinatorin, die für „Asyl im Oberland“ unter dem Dach der Caritas arbeitet. Seeling würde sich freuen, wieder neue Mitstreiter gewinnen zu können. Vor allem soll bei dem Treffen aber genauer hingesehen werden, „wer eigentlich was macht“.

Fühlen sich allein gelassen: Hans Atzenbeck und seine Frau Theresia engagieren sich schon seit dem Jahr 2000 für Flüchtlinge in Schongau.

Das weiß auch Hans Atzenbeck nicht so genau. Der 80-jährige Schongauer und seine Frau Theresia stehen in Schongau schon seit dem Jahr 2000 Flüchtlingen zur Seite. Theresia Atzenbeck ist derzeit in der Unterkunft an der Pöllandt-Straße ehrenamtlich tätig, ihr Mann hilft Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen beim Ausfüllen von Formularen und bei Umzügen. Wann und wo die anderen Helfer in der Stadt unterwegs sind, kann das Ehepaar nicht sagen. Es fehle an Organisation, klagt Hans Atzenbeck.

Dass nun auch noch der Koordinator der Stadt eingespart wird, hält der 80-Jährige für einen schweren Schlag. Wolfgang Markus hatte laut Atzenbeck zum Beispiel dafür gesorgt, dass in den Flüchtlings-Unterkünften W-Lan für den Internetempfang eingerichtet worden ist. Wer kümmere sich, wenn etwas nicht funktioniert? Keiner wisse, wie es in Schongau überhaupt weitergehe. Der Stadt wirft er grundsätzlich vor, zu wenig zu tun: „Man fühlt sich schon ein bisschen verloren.“ Von der Kleiderkammer abgesehen gebe es von der Verwaltung zu wenige Angebote: „In Peiting wird den Helfern ein Fahrzeug des Bauhofs zur Verfügung gestellt, ich fahre hier mit dem eigenen Auto, besorge einen Anhänger und mache alles auf eigenes Risiko“, nennt Atzenbeck ein Beispiel.

Vergebliches Warten auf die Vertragsverlängerung

Und was sagt Markus selbst? Der Schongauer war früher Dirigent und Zeitverträge gewohnt. Dazu gehörte seinen Angaben nach aber auch, dass unter den Künstlern ein halbes Jahr vor Ablauf klar war, ob ein Engagement verlängert wird oder nicht. Bei der Stadt Schongau wartete Markus darauf vergeblich. „Erst auf Nachfrage am 6. November wurde mir mitgeteilt, dass der Vertrag nicht verlängert wird“, wundert sich der gebürtige Kölner. 

Damit war Markus’ geringfügige Beschäftigung bei der Stadt sofort beendet, denn er hatte bis zum Jahresende noch reichlich Resturlaub abzubauen. Hätte der Asylkoordinator alle seine Überstunden geltend gemacht, wäre vermutlich schon viel früher Schluss gewesen. 28 Stunden pro Monat standen im Vertrag, tatsächlich habe er das Doppelte gearbeitet, sagt der ehemalige Landratsamtsmitarbeiter. 

Einer der Erfolge seiner Arbeit, auf die Markus zurückblickt, ist die Ausstattung der Asylbewerberunterkünfte mit drahtlosem Internet (W-Lan). Bevor die Flüchtlinge das hatten, waren sie traubenweise auf dem Marienplatz, um mit ihren Smartphones den öffentlichen „Hot Spot“ zu nutzten. Die Stadt schoss laut Markus über die Bürgerstiftung 1000 Euro zu, damit eine Unterkunft mit W-Lan versorgt werden kann. Der Asylkoordinator wollte mehr genehmigt bekommen und sorgte dafür, dass es in allen Wohnstätten eingerichtet werden konnte. Dafür hatte er zuvor auch bei dem Stimmkreisabgeordneten im Landtag, Harald Kühn (CSU), geworben. Ein großzügiger Bürger, der nicht genannt werden will, spendete einen „annähernd fünfstelligen Betrag“, so Markus. 

Seitdem läuft das Internet in den Unterkünften, für das jeder Nutzer sieben Euro pro Monat bezahlt. „Das Ganze trägt sich“, berichtet der Ex-Asylkoordinator. Wer sich jetzt darum kümmert, wenn zum Beispiel am Wochenende eine Anlage ausfällt, weiß Markus nicht. Dass sich ein amtlicher Bediensteter aus der Stadtverwaltung am Sonntagvormittag auf den Weg macht, bezweifelt er jedenfalls.

Der Schongauer hätte seine Koordinations-Tätigkeit bei den Flüchtlingen gerne fortgesetzt, die 450 Euro, die er dafür im Monat bekam, sah er als Anerkennung. „Wenn sich die Stadt das nicht leisten kann, dann muss sie einen Offenbarungseid machen“, sagt Markus und will jetzt in Ruhe beobachten, wie es weitergeht. Seine ehrenamtliche Arbeit setze er natürlich fort. Markus gibt den Flüchtlingen auch Sprachunterricht.

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