Einen Max-Dingler-Weg wird es nicht geben, die künftige Bebauung in der letzten Baulücke im Gnettner-Areal bekommt einen Weg oder eine Straße nach der Namensgeberin Lena Christ.
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Einen Max-Dingler-Weg wird es nicht geben, die künftige Bebauung in der letzten Baulücke im Gnettner-Areal bekommt einen Weg oder eine Straße nach der Namensgeberin Lena Christ.

Kein Max-Dingler-Weg

Stadt zieht Konsequenzen und benennt Weg im Schongauer Gnettner-Areal nach Lena Christ

  • Elke Robert
    VonElke Robert
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Der Max-Dingler-Weg in Schongau wird nach der Schriftstellerin Lena Christ umbenannt. Damit zieht die Stadt Konsequenzen, denn der Mundartdichter hatte eine Nazivergangenheit.

Schongau – Erst kürzlich hat der Autor Wolfgang Riedel bestätigt: Max Gottfried Dingler (geboren am 14. Mai 1883 in Landshut, gestorben am 28. Juni 1961 in München) war ein Nazi-Freund und Rassist. Die Umbenennung des noch nicht gewidmeten Weges im Gnettner-Baugebiet hatte der Stadtrat bereits beschlossen, nun galt es, über die aus der Bürgerschaft eingegangenen Vorschläge abzustimmen.

Gesucht war passend zu den anderen Straßen im Gnettner-Areal in Schongau ein Schriftsteller mit Bezug zu Schongau, optimalerweise eine Frau, da diese unterrepräsentiert sind. Unter den drei diskutierten Vorschlägen war lediglich eine Frau: Lena Christ, wenn auch ohne Bezug zu Schongau (siehe Kasten).

Lena Christ etwa 1911.

Lena Christ - „Eine beeindruckende und dramatische Lebensgeschichte“

Auch der neue Kreisheimatpfleger Jürgen Erhard hat sich auf Anfrage der Stadt mit der Schriftstellerin Lena Christ befasst. „Ihre Lebensgeschichte ist sehr beeindruckend, auch dramatisch, was sie als Person sehr interessant macht“, fasst er zusammen. Geboren am 30. Oktober 1881 in Glonn (Landkreis Ebersberg) als Magdalena Pichler, lebte sie auch längere Zeit in München, verbrachte ein Jahr im Kloster Ursberg. Geprägt war ihr Leben durch viele leidvolle Erfahrungen. „Vielleicht liegt das in der Natur des Künstlers, dass er solche Erlebnisse braucht“, so Erhard. Er schätzt ihre Milieu-Beschreibungen des bäuerlichen Lebens als sehr bedeutend ein, dabei seien diese keineswegs kitschig, wie es andere gemacht hätten, sondern eher wohlwollend. Interessant seien ihre Beschreibungen kurz vor und während des Ersten Weltkriegs. Erhard nennt „Unsere Bayern anno 14/15“. Sie beschreibe Begegnungen mit dem einfachen Volk im Oberland wenig patriotisch, sondern die Realität. Sie schreibt vom Leben des kleinen Mannes, aber auch aus Frauensicht. So verfasste sie etwa für Frauen von Soldaten die Anträge auf Heimaturlaub. Der Krieg wurde von Anfang an kritisch betrachtet, aber sie schrieb auch humorvoll. „Es war kein Hurra-Patriotismus, und dennoch wurde sie zum König eingeladen“, so Erhard.

Auch in der Frauenliteratur komme ihr eine große Rolle zu, das nicht-bürgerliche Milieu habe in dieser Zeit nur sie beschrieben. „Sie hat einen sehr realistischen Blick gehabt, aber natürlich war auch sie ein Kind ihrer Zeit und wusste nicht, wie es ausgehen würde.“ Dabei habe sie nicht nur einen Schwank aus ihrer Heimat festgehalten, sondern gut recherchiert. „Je mehr man sich damit befasst, umso interessanter wird Lena Christ“, so Erhard.

Ihre Lebensumstände hätten sie nicht nach Schongau geführt, sie habe Schongau eher umkreist, so Erhard, gebe Einblicke in das Leben von Bauern und der Arbeiterklasse im Oberland im ausgehenden 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit Ludwig Thoma war sie befreundet, auch wenn ihr vorgeworfen wurde, sie haben von ihm abgeschrieben und die „Lausdirndlgeschichten“ seien ein Plagiat der „Lausbubengeschichten“. Aber sie werde in einem Atemzug mit Thoma genannt. Ihre eigenen Lebenserfahrungen seien viel düsterer gewesen. Depressiv, schwerkrank und hochverschuldet nahm sich Lena Christ am 30. Juni 1920 das Leben. Sie wird als bedeutende bayerische Schriftstellerin noch heute geehrt, auch Straßen und Schulen sind nach ihr benannt. „Es ist es wert, sich näher mit ihr zu befassen“, so Erhard.

Wer nachlesen möchte, für den empfiehlt der Kreisheimatpfleger die Biografien von Marita Panzer („Keine Überflüssige“) oder Gunna Wendt („Die Glückssucherin“). Auch in der Schongauer Stadtbücherei gibt es Literatur, und zwar für alle drei Vorschläge.

Umbenennung des Max-Dingler-Wegs in Schongau: Weitere Vorschläge für Namensgeber

Als Verfasser von „Die Hexe von Schongau“ und „Die Venezianer in Schongau“ hat Herbert Rosendorfer (geboren 19. Februar 1934 in Bozen, gestorben 20. September 2012 ebenfalls in Bozen) einen großen Bezug zur Lechstadt. „Er hat zu Zeiten der Namensvergabe im Baugebiet noch gelebt“, erklärte Stadtbaumeister Sebastian Dietrich im Schongauer Stadtrat, warum er nicht 2006 schon ausgewählt worden war. Rosendorfer hinterlässt ein umfangreiches Werk und wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen geehrt.

Christoph Probst (geboren am 6. November 1919 in Murnau, gestorben am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim) war Mitglied der Weißen Rose, eine Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Er war für einige Zeit in Schongau stationiert. Im Januar 1941, nach bestandenem Physikum des Medizinstudiums an der Universität München, war er der Garnison am Fliegerhorst in Schongau zugeteilt.

„Alle Namen sind mit Kreisheimatpfleger Jürgen Erhard abgestimmt“, führte Dietrich in der Sitzung aus, auch die Tendenz, sich für Lena Christ zu entscheiden, habe man mit ihm erarbeitet. „Rosendorfer und Probst eignen sich eventuell auch noch für eine größere Namensnennung wie eine Schule“, so Dietrich.

Dafür sprachen sich die Stadträte aus

Auch viele Schongauer Stadträte sprachen sich für die Schriftstellerin als Namensgeberin aus. „Es fehlt zwar der direkte Bezug, aber die Figuren, die Lena Christ in ihren Büchern beschrieben hat, hätte man so auch in Schongau finden können“, begründete es Bettina Buresch (Grüne). Probst solle ihrer Auffassung nach aber auch „zu Ehren kommen“, erst recht, wo „solche Leute wie Hindenburg“ in Schongau Straßen hätten.

Hans Rehbehn (CSU), der nach dem Bericht in unserer Zeitung den Antrag auf Umbenennung des Max-Dingler-Wegs gestellt hatte, sprach sich für Rosendorfer als Favoriten aus, während Fraktionskollegin Kornelia Funke Lena Christ vorschlug: „Ihre Geschichten haben einen bayerischen Charakter.“ Auch Ilona Böse (SPD) sah die Damenwelt in Schongau „massivst“ unterrepräsentiert, „da müssen wir noch viel machen“. Gregor Schuppe fand es für die ALS-Fraktion „reizvoll, Dingler mit Christoph Probst als Widerpart zu ersetzen und zu vertreiben“, aber in ein Baugebiet mit so vielen Herren gehöre doch Lena Christ.

Mit 15:4 Stimmen wurde dieser Vorschlag angenommen.

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