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Im Gebäude mit dem markanten Kamin verbirgt sich das alte UPM-Dampfkraftwerk, das nicht stillgelegt werden darf. 

Abschalten verboten

Systemrelevant: UPM-Kraftwerk als Reserve

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Eigentlich wollte der Papierhersteller UPM in seinem Schongauer Werk das alte Dampfkraftwerk längst abgeschaltet haben. Doch jetzt funkte die Bundesnetzagentur dazwischen – und stufte das mehr als 40 Jahre alte Kraftwerk wegen der schleppenden Energiewende als systemrelevant ein: Bei bundesweiter Stromknappheit muss UPM die 82 Megawatt starke Anlage wieder hochfahren.

Schongau Seit zweieinhalb Jahren liefert das für 85 Millionen Euro neu gebaute Gas- und Dampfturbinenkraftwerk im UPM-Werk zuverlässig Wärme und Strom, und zwar mit einem erheblich höheren Wirkungsgrad als das alte Dampfkraftwerk. Das wurde nach mehr als 40 Jahren abgeschaltet. Doch so einfach den Schalter umlegen funktioniert nicht: „Man kann in Deutschland kein Kraftwerk stilllegen, ohne einen bestimmten Prozess zu durchlaufen“, sagt Michael Reifenberg, Sprecher bei der Bundesnetzagentur.

Zuerst musste UPM die geplante Stilllegung beim sogenannten überörtlichen Netzbetreiber melden. Das sind Firmen wie Tennet oder Amprion, die große Stromtrassen in Deutschland betreiben. Dort werde geprüft, ob das Kraftwerk systemrelevant ist oder nicht, sagt Reifenberg. Deren Entscheidung geht schließlich an die Bundesnetzagentur, wo der Sachverhalt noch einmal geprüft wird. Und das dauert: „Von der ersten Meldung bis zur endgültigen Entscheidung, ob ein Kraftwerk tatsächlich stillgelegt werden darf, vergehen im Schnitt drei Jahre“, so Reifenberg. Damit liegt das UPM-Kraftwerk sogar noch unter dem Schnitt.

Für Schongaus Werkleiter Wolfgang Ohnesorg, der erst seit vergangenem Jahr im Amt ist, kam die Nachricht überraschend. Wobei die Entscheidung der Bundesnetzagentur nachzuvollziehen ist: Schaut man auf die Karte der Stilllegungsanzeigen, gibt es dutzende Werke im Ruhrgebiet, die vom Netz gehen sollen. Im Süden fallen vor allem rund um Ingolstadt Kraftwerke ins Auge, in München gibt es Stilllegungen in kleinem Ausmaß, in Augsburg wurden sie wieder zurückgenommen – Schongau steht im weiten Umkreis alleine da.

Wegen des stockenden Trassenbaus sind Kraftwerke im Süden besonders wertvoll

Und wie in Schongau sind nahezu alle anderen zu schließenden Kraftwerke in Bayern und Baden-Württemberg als systemrelevant eingestuft worden. Weil der Bau der großen Stromtrassen vom Norden in den Süden hinkt, sind Kraftwerke im Süden besonders wichtig, um in Notfällen die Stromsicherheit zu gewährleisten – vor allem wenn in den nächsten Jahren die Kernkraftwerke der Reihe nach abgeschaltet werden. Weil UPM der mit Abstand größte Stromverbraucher im Landkreis ist, beobachtet Ohnesorg den Strommarkt genau und schon im kalten Januar festgestellt, wie die Preise in die Höhe geschossen sind – obwohl die Kernkraftwerke noch laufen.

Für UPM bedeutet die Nachricht der Bundesnetzagentur: „Wir müssen uns darum kümmern, dass die Anlage wieder in Betrieb genommen werden kann, wenn die öffentlichen Stromnetze das erfordern“, so Ohnesorg. Man müsse einiges auf den neuesten Stand bringen, in umweltrelevante Maßnahmen investieren, auch der Immissionsschutz müsse geklärt werden – deshalb ist ein neues Genehmigungsverfahren notwendig, das aber nicht so umfangreich ausfallen wird wie bei einem neuen Kraftwerk. „Ich gehe davon aus, dass wir das alles bis Mitte des Jahres geschafft haben“, sagt Ohnesorg.

Besonders interessant: Wie das Kraftwerk betrieben wird

Klar ist für ihn aber: „Es dürfen uns dadurch keine Kosten entstehen.“ Das ist auch für Reifenberg von der Bundesnetzagentur selbstverständlich. Dafür werde ein Vertrag geschlossen, der zwei Komponenten beinhalte: Eine Entschädigung für das Vorhalten der Strom-Kapazität sowie eine Vergütung, sollte das Kraftwerk tatsächlich ans Netz gehen.

Da das UPM-Kraftwerk mit Gas betrieben wird, war es für die Bundesnetzagentur besonders interessant. Denn das lässt sich schneller hochfahren als beispielsweise ein Steinkohlekraftwerk. Weil UPM zudem weitere Kraftwerke am Standort Schongau betreibt, muss kein Extra-Personal dafür eingestellt werden: „Das kann im Verbund mit den anderen Anlagen erledigt werden“, so Ohnesorg.

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