Fast 70 Rinder mussten in einem Hof im südlichen Landkreis Weilheim-Schongau getötet werden.
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Fast 70 Rinder mussten in einem Hof im südlichen Landkreis Weilheim-Schongau getötet werden.

70 Tiere getötet

TBC-Ausbruch auf Bauernhof: Landwirt verliert gesamten Rinderbestand - „Eine Welt zusammengebrochen“

  • Boris Forstner
    vonBoris Forstner
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Drama auf einem Bauernhof im südlichen Landkreis Weilheim-Schongau: Wegen mehrerer Fälle von TBC musste der gesamte Bestand von rund 70 Kühen und Rindern getötet werden.

Landkreis – Jede geschlachtete Kuh wird bei der sogenannten Fleischbeschau auf mögliche Krankheiten untersucht. Für den betreffenden Landwirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist das jahrelange Routine. Er hat seinen Bestand über Jahrzehnte aufgebaut, „die Tiere waren immer sehr lang auf dem Hof“. Wenn er sechs Kühe im Jahr zum Metzger gegeben hat, war es schon viel. Probleme gab es dabei nie.

Bis kürzlich der Tuberkulose-Befund eines geschlachteten Tiers bei dem Landwirt eintraf. „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt er. Doch das sollte erst der Beginn des Albtraums sein. „Da es sich bei der Rindertuberkulose um eine anzeigepflichtige Tierseuche handelt, sind das Vorgehen im Falle eines nachgewiesenen Ausbruches und die Bekämpfungsmaßnahmen staatlich geregelt“, sagt Veterinäramts-Leiter Jens Lewitzki. „Eine Behandlung oder Impfversuche sind beim Rind nicht erlaubt.“

TBC-Fall auf Bauernhof: Veterinäramt ließ den Betrieb sofort sperren

Das Veterinäramt ließ den Betrieb sofort sperren. Es folgten weitere Untersuchungen – mit dem tragischen Ergebnis, dass noch weit mehr Kühe und Rinder von der Krankheit befallen waren. Das bedeutete: „Der Bestand von rund 70 Tieren musste im Rahmen der angeordneten Maßnahmen getötet werden“, so Lewitzki.

Seitdem zermartert sich der Landwirt das Gehirn, wie die Seuche in seinen Stall gekommen ist. Aufklären lassen wird sich das vermutlich nicht mehr. „Rinder können über Monate bis Jahre infiziert sein, ohne dass die Tiere klinisch erkennbare Abzeichen entwickeln. Somit kann eine Tuberkulose über Jahre unverschuldet unentdeckt bleiben“, sagt Lewitzki.

Keine Sperrgebiete nötig

Deutschland ist seit dem 1. Juli 1996 offiziell frei von Rindertuberkulose, teilt das Veterinäramt mit. Dies bedeute nach Definition der Europäischen Union, dass in mindestens 99,9 Prozent der Rinderhaltungsbetriebe eines Landes während eines Jahres Rindertuberkulose nicht festgestellt wurde. Das Auftreten der Erkrankung in einzelnen Fällen gefährde nicht den Status Deutschlands als amtlich anerkannt frei von Rindertuberkulose. „Exportauswirkungen stehen somit nicht zu Diskussion.“ Erforderliche Maßnahmen umfassen immer nur den betroffenen Betrieb. Tierseuchenrechtlich müssen bei einem TBC-Ausbruch keine Sperr- oder Überwachungsgebiete (wie etwa bei der afrikanischen Schweinepest) eingerichtet werden. „Spezielle Schutzvorgaben oder gar ein Verbot zum Weideauftrieb von Rindern gibt es somit im Landkreis Weilheim-Schongau nicht“, schreibt das Veterinäramt. Bei der Tuberkulose des Rindes handelte es sich nicht um eine hochansteckende Erkrankung. Für die Übertragung über kontaminiertes Futter (Weide) scheinen nach wissenschaftlicher Erkenntnis hohe Erregermengen notwendig zu sein.

In der Vergangenheit ist immer wieder Rotwild in den Verdacht geraten, die TBC zu übertragen. Seit dem Jahr 2000 gab es nämlich bis heute nur vier nachgewiesene Fälle der Rinder-Tuberkulose im Landkreis: 2010, 2011, 2020 und der aktuelle. „Bei drei Fällen wurde das hauptsächlich beim Rotwild vorkommende Mycobacterium caprae isoliert, beim Fall 2011 wurde keine Isolierung durchgeführt“, sagt Lewitzki. Allerdings könne sich mit dem Erreger nahezu jedes Säugetier infizieren, darunter Wildtiere wie Hirsche, Wildschweine, Dachs, Fuchs und auch der Waschbär.

Nach TBC-Ausbruch in Milchvieh-Betrieb: Landwirt steht vor dem Nichts

Egal, woher die Krankheit auch stammt – der Landwirt steht vor dem Nichts. Nicht finanziell, da besteht laut Veterinäramt ein gesetzlicher Anspruch auf Entschädigung der Tiere durch die Bayerische Tierseuchenkasse. Auch das ausbleibende Milchgeld wird dank einer Versicherung drei Monate lang übergangsweise weiter gezahlt. „Aber jeder Landwirt ist auch ein Züchter. Ich habe mir den Betrieb über 30 Jahre aufgebaut, habe nie ein Tier dazugekauft, immer nur die eigene Nachzucht verwendet, die Kühe haben einfach zu mir gepasst – das ist vorbei.“

Das Veterinäramt habe ihn gut unterstützt, lobt der Landwirt, „ich habe mich nicht allein gelassen gefühlt“. Auch die viele Arbeit, etwa die großflächige desinfektion des Stalls, habe ihn ablenken können. Doch irgendwann muss er sich entscheiden, wie er weitermacht. Übernimmt er den kompletten Bestand eines Landwirts, der seinen Job an den Nagel gehängt hat? Oder kauft er einzelne Kühe und fängt quasi von klein auf wieder neu an? „Das kann ich noch nicht sagen“, sagt der Bauer frustriert.

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