Elf Kinderärzte gibt es im Landkreis Weilheim-Schongau.

Versorgungsatlas 2017

Gibt es zu viele Kinderärzte im Landkreis?

Dass es schwierig sein kann, für kleine Patienten einen zeitnahen Termin beim Kinderarzt zu bekommen, wissen die meisten Eltern nur zu gut. Im Landkreis Weilheim-Schongau dagegen sind die Zahlen auf dem Papier gut, der Landkreis ist statistisch mit Kinderärzten deutlich überversorgt. Doch das ist mit Vorsicht zu genießen.

Weilheim-Schongau In vielen Regionen im Freistaat spitzt sich die Situation seit einigen Jahren immer weiter zu. Da die Geburtenrate steigt, aber die Zahl der Kinderärzte nicht im gleichen Maße zunimmt, kommt es zu immer längeren Wartezeiten, Aufnahmestopps und völlig überlasteten Medizinern.

Während der Mangel an Kinderärzten beispielsweise in einigen Münchner Stadtvierteln besorgniserregende Formen annimmt, scheint die Situation für Patienten und Ärzte im Landkreis Weilheim-Schongau entspannt zu sein – zumindest auf dem Papier. Laut Gesundheitsamt sei die Versorgung „grundsätzlich gut“. Zumindest in den Städten Weilheim, Schongau und Penzberg gäbe es ausreichend Kinderärzte.

Versorgungsgrad bei 171,6 Prozent

Ein Blick in den Versorgungsatlas der kassenärztlichen Vereinigung Bayern aus dem Jahr 2017 scheint dies zu bestätigen: Mit elf kassenärztlichen, ambulanten Kinderärzten auf zehn Bedarfsstellen liege der Versorgungsgrad, der das Verhältnis Arzt zu Patienten misst, statistisch gesehen bei 171,6 Prozent – noch weit hinter dem oberbayerischen Spitzenreiter Garmisch-Partenkirchen mit 258,5 Prozent. Der Landkreis Landsberg liegt bei 121,2 Prozent, der Kreis Ostallgäu bei 160,2. Zusätzliche Stellen werden erst bei Werten unter 110 Prozent vergeben. Berechnet wird ein solcher Bedarfsplan für Mediziner nach der Zahl der Einwohner im Landkreis, im Fall der Kinderärzte anhand der Personen unter 18 Jahren.

Eltern gehen schneller zum Arzt

Dass diese Daten jedoch täuschen können, weiß Martin Eulitz, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern: „Die Zahlen klingen gut, aber die Realität kann für die Patienten anders aussehen.“ Dadurch, dass die Bedarfspläne nach einem bundesweiten System aus den 1990er Jahren aufgestellt wurden, seien die Berechnungen teilweise nicht mehr aktuell. „Gerade bei Kinderärzten hat die Arbeitsbelastung zugenommen“, erklärt Eulitz. Eltern seien vorsichtiger geworden und gehen mit ihren Kindern schneller zum Arzt. Auch die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen und der Wunsch nach detaillierter Aufklärung in Bezug auf Behandlungen wie etwa Impfungen nehme zu.

Für junge Ärzte sei die Arbeit in ländlichen Gebieten oft nicht attraktiv genug, meint Dr. Norbert Schmidt von der Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Schongau. Um den hohen Versorgungsstandard beibehalten zu können, müssten unter anderem mehr Ärzte ausgebildet und die Bezahlung an Klinikverhältnisse angepasst werden.

Den Versorgungsatlas hält Schmidt für überholt: „Demnach ist unser Landkreis mit Kinderärzten überversorgt. De facto ist dem aber nicht so“, sagt er. Wie Eulitz weist er darauf hin, dass Patienten mittlerweile viel umfangreicher und zeitintensiver versorgt werden. „Zum Beispiel werden chronische Krankheiten behandelt, aber auch komplexe Vorsorgeuntersuchungen angeboten und Entwicklungen geprüft. Der Arbeitsaufwand der Ärzte hat sich um ein vielfaches gesteigert“, betont er. Außerdem sind sie bei Notfällen auch nachts und am Wochenende erreichbar.

Hinzu kommt, dass sich Einzugsgebiet und Landkreis nicht decken, wie das im Versorgungsatlas suggeriert wird. „Zu uns kommen auch viele Patienten aus den Landkreisen Landsberg, Garmisch-Partenkirchen und Ostallgäu, für die wir in Schongau schneller erreichbar sind als Kinderärzte im eigenen Landkreis“, weiß Schmidt.

von Marion Neumann und Elena Siegl

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