Angekommen in Hamburg: Roland Tauber ist seit vielen Jahren glücklich in der Hansestadt. Doch auch an Schongau erinnert er sich gerne zurück.
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Angekommen in Hamburg: Roland Tauber ist seit vielen Jahren glücklich in der Hansestadt. Doch auch an Schongau erinnert er sich gerne zurück.

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Vom Vertriebenen zum angesehenen Arzt - Der Schongauer Roland Tauber hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben

  • Elena Siegl
    VonElena Siegl
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Altkanzler Helmut Schmidt riet Roland Tauber, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Das hat der (ehemalige) Schongauer nun getan.

Schongau/Hamburg – Die ausgelatschten Wanderschuhe hält der anzugtragende Roland Tauber lässig in die Kamera. Er braucht sie nicht mehr. Denn der Heimatvertriebene ist angekommen in seinem neuen Zuhause und hat es zu etwas gebracht. „Der Weg war lang und zum Teil beschwerlich“, sagt der 82-Jährige rückblickend. Ein berühmter Vertrauter und Patient Taubers, Altkanzler Helmut Schmidt, hatte ihn schon vor mehreren Jahren dazu aufgefordert, seine bewegte Lebensgeschichte, die ihn aus dem Sudetenland über Schongau schließlich als erfolgreichen Arzt in die Hansestadt führte, aufzuschreiben. „Selbst, wenn diese nicht publiziert werden sollte, so machen Sie es wenigstens für Ihre Kinder“, habe er einmal gedonnert.

Während der Pandemie fasste sich Tauber nun ein Herz und tat wie ihm geheißen. „Vertrieben – Der weite Weg zum neuen Zuhause“ heißt sein Buch. Nach der Vertreibung aus Aussig, die Tauber trotz aller Schrecken recht nüchtern schildert – ein Onkel wurde erschlagen, mehrere Verwandte begingen aus Verzweiflung gemeinsam Selbstmord mit Zyankali, auch seine Mutter hatte auf der Flucht immer Kapseln „für den Notfall parat“, die sie erst in Deutschland ins Feuer schmiss – kam der damals Sechseinhalbjährige mit seiner Familie nach Schongau, wo der Vater sich als Hals-Nasen-Ohren-Arzt niederließ.

Glückliche Kindheit in Schongau

„Schongau sollte unsere zweite Heimat werden“, so Tauber. Allerdings war der Start dort im Jahr 1946 nicht leicht. Manche beschimpften sie abfällig als „Hurerflüchtlinge, Grattler. Den Makel, Vertriebener zu sein, konnten wir über Jahre nicht ablegen.“ So ging es damals aber allen, die neu ankamen, sagt Tauber. Und es gab auch viele hilfsbereite Schongauer, will er nicht unerwähnt lassen. Tauber lebte sich schnell ein und sagt noch heute auf die Frage, woher er denn komme: „Ich bin Schongauer.“

In der Stadt habe es damals noch Bauernhöfe gegeben, Kühe wurden durch die Straßen getrieben und bei Todesfällen, wurde der Sarg mit einem schwarzen Leichenwagen, der von zwei Rappen gezogen wurde, abgeholt. „Ich entwickelte mich zu einem richtigen Lausbub, dem tausend Dummheiten einfielen“, schreibt Tauber. Ob beim Apfelklauen oder weil er „der Tochter des bekanntesten Barbiers der Stadt“ den Darm eines frisch geschlachteten Kaninchens um die Beine schleuderte – „es hagelte Beschwerden“. Mit anderen Kindern lieferte er sich Wettläufe um die Stadtmauer, kam in Schongau in die Schule und zur Kommunion. Eine sehr glückliche Kindheit, blickt Tauber zurück.

Nach der Volksschule ging es für ihn aufs Knabeninternat nach Hohenschwangau. Das Abitur am Knabeninternat bestand er mit Ach und Krach – „zum Glück gab’s damals noch keinen Numerus clausus“. Denn so konnte Tauber trotzdem Medizin studieren – quasi eine Familientradition. Beim Studium lernte er seine Frau Antoinette kennen, die er 1967 heiratete. Als Arzt arbeitete er unter anderem in Krankenhäusern in Schongau und München.

„Mit Fleiß und Emsigkeit kann man alles erreichen“

1988 übernahm er als damals schon angesehener Medizinprofessor die Leitung der urologioschen Abteilung des AK Barmbek. Auch wenn der Familie die Entscheidung nach so vielen Jahren in Bayern nicht leicht fiel, war es für Roland Tauber die richtige. In der Anfangszeit hatte er allerdings auch hier zu kämpfen – mit Pflegenotstand und chronischer Unterfinanzierung. Er brachte die Klinik wieder auf Vordermann, beschäftigte sich beruflich unter anderem mit unerfülltem Kinderwunsch. All das findet sich daher freilich auch in seinem Buch wieder. „Mit Fleiß und Emsigkeit kann man alles erreichen“, sagt Tauber. Die Überzeugung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und die Autobiografie.

Die Frage, die er sich vor seinem Umzug bang selbst stellte: „Kann ein Bayer in Hamburg heimisch werden?“, beantwortet Tauber nun mit einem klaren „Ja.“ Trotzdem bleibt er mit Schongau verbunden. Seine Eltern sind hier auf dem Waldfriedhof beerdigt. Er kommt gerne in die Lechstadt oder denkt an seine Kindheit hier zurück. Das Wühlen in der Vergangenheit für das Buch und natürlich das Aufschreiben fand Tauber allerdings recht anstrengend. „Wirklich! Einmal und nie wieder!“, sagt er und lacht.

Das Buch

„Vertrieben – Der weite Weg zum neuen Zuhause“ ist ab sofort erhältlich. Verlag: Prof. Dr. med. Roland Tauber, Oderfelderstraße 9, 20149 Hamburg. Beziehungsweise Druck: WIRmachenDruck GmbH, Mühlbachstraße 7, 71522 Backnang.

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