Wilhelm Fischer als Ärztlicher Direktor in Schongau.

Dr. Wilhelm Fischer im Interview

„Erhebliche Zerstörung sozialer Infrastruktur“

Der ehemalige ärztliche Direktor am Krankenhaus Schongau, Dr. Wilhelm Fischer, blickt auf seinen Berufsalltag zurück und prognostiziert, dass es in 20 Jahren nur noch ein zentrales Krankenhaus im Landkreis gibt.

Er hat schon viele hohe Berge auf der ganzen Welt bestiegen und selbst in der Antarktis Forschungen betrieben, aber seine größten Erfolge kann Dr. Wilhelm Fischer in seinem Berufsleben als Internist verbuchen. Die Implantation von Herzschrittmachern und Defibrillatoren war sein Spezialgebiet. Auch wenn sich der 70-jährige Hohenpeißenberger, zuletzt Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Schongau, seit April dieses Jahres im Ruhestand befindet, sind ihm die Gesundheitsversorgung der ländlichen Bevölkerung und der Erhalt der Landkrankenhäuser weiter ein Herzensanliegen.

Herr Dr. Fischer, wie geht es Ihnen im Ruhestand?

Mir geht es gut. Ich habe gerne Verantwortung getragen, es ist aber auch schön, wenn sich jetzt die Verantwortung im Wesentlichen auf die täglichen Dinge des Lebens beschränkt.

Fischer ist unter anderem Facharztprüfungsvorsitzender der Bayerischen Landesärztekammer

Wo kann man Sie in Ihrer Freizeit antreffen?

Ich habe noch einige Ehrenämter, z.B. ehrenamtlich als stellvertretender Chefarzt im BRK-Kreisverband. Als Chefarzt konnte Prof. Dr. Andreas Knez, Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Weilheim, zur Übernahme des Amtes gewonnen werden. Des Weiteren bin ich Facharztprüfungsvorsitzender der Bayerischen Landesärztekammer, Mitglied der Qualitätskommission Bayern für Krankenhäuser und Mitglied im Gesundheitspolitischen Ausschuss. Aber sonst bin ich zu Hause anzutreffen, kümmere mich vermehrt um die Familie und Freunde.

Sie haben als Internist viele Patienten behandelt und auch Leben gerettet. Erntet man dafür im Nachhinein manchmal noch Dankbarkeit?

Ich freue mich immer wieder, wenn ich „frühere“ Patienten irgendwo treffe und sie mir sagen: „Sie konnten mir damals helfen“ oder „Sie haben sich um mich gekümmert“. Ich sehe es auch als Ziel im Arztberuf, eine solche Erfüllung in seiner beruflichen Tätigkeit erfahren zu dürfen. Ich bin sehr dankbar dafür.

Wann haben Sie zum letzten Mal ein Krankenhaus von innen gesehen?

Ab und zu besuche ich meine Kollegen im Krankenhaus Schongau, aber auch in Weilheim, mit der Geschäftsführung bespreche ich die aktuelle krankenhauspolitische Situation. Manchmal muss ich noch einige Formulare oder Facharztzeugnisse nachtragen. Außerdem bin ich ja zum Vorsitzenden unseres Fördervereins der Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau gewählt worden.

Was sagen Sie zu der aktuellen Debatte, dass es zu viele Kliniken gibt?

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung soll die Zahl der Kliniken bundesweit von derzeit 1400 auf weniger als 600 reduziert werden. Sollte dieser Kahlschlag auch bei den bayerischen Landkrankenhäusern Anwendung finden, wäre eine Zerstörung der sozialen Infrastruktur in erheblichem Ausmaß vorgegeben, ohne die medizinische Versorgung zu verbessern. Man kann doch nicht die Situation der Landkrankenhäuser in einem Flächenstaat wie Bayern mit Ballungsgebieten vergleichen. Wir müssen im ländlichen Bereich hohe Qualität und vor allem auch Erreichbarkeit vorhalten.

Schließung des Peißenberger Krankenhauses war unvermeidlich

Wenn Sie zurückblicken: War die Schließung des Krankenhauses in Peißenberg unvermeidlich?

Die Schließung des Krankenhauses in Peißenberg war im Zuge der Zentralisierungstendenz, wie sie jetzt politisch angedacht ist, sicherlich unvermeidlich. Wir konnten uns ja auch sehr lange noch halten, unter anderem weil die Krankenhäuser Schongau und Weilheim noch im Ausbau waren, weil wir zusätzlich zu einer breit gefächerten allgemein internistischen Behandlung das Spezialgebiet Herzschrittmacher und Defibrillator mit internationaler Anerkennung vorhielten. Außerdem war die familiäre Atmosphäre ein großer Vorteil für dieses kleine Krankenhaus. Diese Atmosphäre haben die Mitarbeiter in die Krankenhäuser Weilheim und Schongau mitgenommen. Alle Mitarbeiter wurden damals von der Krankenhaus GmbH in die Krankenhäuser Weilheim und Schongau übernommen und dort nach Schließung des Krankenhauses Peißenberg auch gebraucht.

Und der Verkauf des Krankenhauses in Penzberg, war das eine richtige Entscheidung?

Ich denke nein! Das ist übrigens auch die Meinung unserer heutigen Geschäftsführung. Die Ärzte, die ich kenne, einschließlich meiner Person, waren gegen den Verkauf des Krankenhauses Penzberg, weil wir eine sehr gute kollegiale Zusammenarbeit hatten, die uns in den letzten Jahren damit genommen worden war. Wir haben das sehr bedauert. Der Landkreis ist damit auch gesundheitspolitisch etwas auseinandergerissen worden.

Die Digitalisierung ist in allen Krankenhäusern ein großes Thema

Auch Krankenhäuser unterliegen einem ständigen Wandel. Was ist heute – abgesehen von der fortschreitenden Technik – anders als früher?

Die Technik ist fortgeschritten, es werden immer höhere Anforderungen an die Qualität gestellt, die wir auch bieten, was aber immer mehr Personal erfordert und was auch Geld kostet. Die Digitalisierung ist in allen Krankenhäusern ein großes Thema. Der Konkurrenzdruck ist deutlich höher geworden. Aufgrund der Fallpauschalen sind die Landkrankenhäuser, die die Notfallversorgung der Bevölkerung als Hauptaufgabe haben und Spezialgebiete nicht für Massen anbieten können, deutlich benachteiligt. Mit diesen Spezialgebieten ist in großen Ballungszentren eine deutlich bessere Quer-Finanzierung möglich.

Und wie steht es mit der menschlichen Zuwendung im Rahmen der Patientenversorgung?

Die steht meiner Meinung nach heute im Allgemeinen nicht mehr so im Vordergrund, sie wird verdrängt zu Gunsten der Wirtschaftlichkeit und einer stark zunehmenden, sehr belastenden Bürokratisierung, die zum großen Teil zur rechtlichen Absicherung dient. Wir sind aber sehr dankbar, dass uns im Gegensatz dazu unser Kreistag und Aufsichtsrat mit Landrätin und Geschäftsführung beispielhaft in dem Bemühen unterstützt, dass wir „kommunal“ bleiben und unsere Bevölkerung mit hoher Qualität heimatnah versorgen dürfen.

Und in 20 Jahren gibt es nur noch ein zentrales Klinikum im Landkreis Weilheim-Schongau

Was glauben Sie, wie viele Kliniken wird es in zehn, 20 Jahren im Landkreis Weilheim-Schongau noch geben?

Ich persönlich glaube, dass – im Zuge der Zentralisierungstendenz bundesweit – in 20 Jahren die Krankenhäuser Weilheim und Schongau zentralisiert sein werden, vorzugsweise als neues Zentralklinikum in der Mitte des Landkreises, mit Hubschrauberlandeplatz, genügend Parkplätzen und enger Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel.

Interview: Michael Gretschmann


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