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Helmut Schmidbauer aus Schongau ist mittlerweile seit 16 Jahren Kreisheimatpfleger von Weilheim-Schongau.

Interview mit Kreisheimatpfleger Schmidbauer

Mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl

Im Interview mit den Schongauer Nachrichten erzählt Helmut Schmidbauer unter anderem, warum ihm die Heimatpflege wichtig ist, was seine Aufgaben als Kreisheimatpfleger sind und was Bürger tun können.

Weilheim-Schongau – Die Arbeit der Denkmalschützer erfordert Behutsamkeit, Augenmaß und viel Fingerspitzengefühl. Darauf hat Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer im Interview mit der Heimatzeitung hingewiesen. Wir haben bei ihm nachgefragt.

-Herr Schmidbauer, wie sind Sie eigentlich zu dem Posten des Kreisheimatpflegers gekommen?

Der Vorgang ist in einer Gemeinsamen Bekanntmachung des Kultus- und Innenministeriums aus dem Jahr 1981 festgelegt. Ich wurde Anfang 2002 gefragt, habe mich bereit erklärt und wurde dann auf Vorschlag des Kreisausschusses vom Kreistag Weilheim-Schongau gewählt und vom Landrat ernannt. Ich arbeite in dem Amt seit 2. Mai 2002, also jetzt 16 Jahre hindurch.

-Was bedeutet für Sie „Heimat“?

Seit einiger Zeit redet jeder von „Heimat“, sie wird mit intellektuellem Gehabe dialektisch zerredet, als wäre Heimat ein wissenschaftliches Problem. Ich hab noch nie gehört, dass jemand nach so einer Sache Heimweh verspürt. Vielleicht kann man es so sagen: Heimat ist ein seelisches Wurzelgefühl, eine seelische Befindlichkeit, deren Hintergrund eine Vertrautheit ist, die mir Sicherheit und Orientierung gibt.

-Und was gehört da alles dazu?

Dazu gehören Sprache, Essen, menschlicher Umgang, Kleidung, Architektur, Geschichte, Landschaft usw., wo ich spüre: Das bin ich, das sind wir, und so bin ich, so sind wir. Und muss ich aus irgendeinem Grund länger in die Fremde hinaus, dann kann es sein, dass in mir Heimweh entsteht. Heimweh ist ein Beweis dafür, dass es Heimat gibt und dass sie menschennotwendig ist.

-Für welchen Bereich der Heimatpflege im Landkreis sind Sie zuständig?

Wegen des sehr umfangreichen Aufgabengebietes kann ein Einzelner in unserem Landkreis das weder thematisch, noch räumlich bewältigen – zumindest nicht im Ehrenamt. Mein Kollege Klaus Gast aus Deutenhausen und ich haben die schon bei unseren Vorgängern bewährte Aufteilung beibehalten: Gast bearbeitet das „Erbauliche“, also Brauchtums- und Trachtenpflege, Ortschroniken, Kontakte usw. Meine Aufgabe ist das „Bauliche“ im gesamten Landkreis: Bau- und Bodendenkmäler, Beteiligung als „Träger öffentlicher Belange“ im Planungs- und Bauwesen der Städte und Gemeinden, also Stellungnahmen zu Bebauungs- und Flächennutzungsplänen im Aufstellungsverfahren, Dorfentwicklung, städtebauliche Sanierung, Straßenplanung und Ausgestaltung von Friedhöfen.

-Da haben Sie sicherlich viel zu tun …?

Naja, wir haben im Landkreis ungefähr 1200 Einzeldenkmäler und die Bauplanung von 34 Gemeinden. Einmal im Monat fahren wir mit dem Referenten des Denkmalsamtes und den Vertretern der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt zu den Problemfällen durch den ganzen Landkreis, beratend und entscheidend.

-Was ist dabei wichtig?

Wichtig ist die Herstellung von Vertrauen, damit nicht das Gefühl bei Denkmalsbesitzern entsteht: Da kommt einer von außen und mischt sich ein, wo es doch um meinen Besitz geht. Mein Eindruck ist, dass mit Behutsamkeit, Augenmaß und Fingerspitzengefühl viel zu erreichen ist, dass aber Vertrauen ganz leicht zerstört werden kann, siehe Bernbeuren!

-Was macht Ihnen als Kreisheimatpfleger am meisten Kummer?

Ach, da gäb’s Vieles, was unserer Heimat an den Kragen will. Zwei Entwicklungen machen mir besondere Sorgen. Das eine ist Bestandteil der profitträchtigen Energiewende. Du kannst viele unserer Dörfer schon nicht mehr aus der Südseite anschau‘n, weil die Ansicht überformt wird von schwarzgekachelten Glasdächern der Photovoltaik. Zum einen könnte die Industrie diese Art der Stromgewinnung optisch viel verträglicher gestalten, die Dachbesitzer könnten bereits vorhandene Möglichkeiten nutzen, sie alle tun‘s aber nicht, weil es den Ertrag schmälert. Das Dorfbild kann als Wert nicht dagegenhalten, es ist ihnen einfach weniger oder nichts wert. Ich meine halt immer noch, dass eine menschliche Behausung sich deutlich unterscheiden sollte von einem Trafohäusl. Intakte, anheimelnde Dorfbilder findet man eigentlich nur noch jenseits der Landesgrenze in Tirol, wo über Glasdächer auf Kosten der Allgemeinheit kein Reibach gemacht werden kann.

-Und was ist das zweite?

Das zweite betrifft die dramatischen Änderungen unserer Bestattungskultur. Die berufliche Mobilität und der demographische Wandel wirbeln die Menschen durcheinander, die Wenigsten können am Geburts- und Familienort bleiben, die Gräber werden nach kürzest möglicher Ruhefrist aufgelöst, Urnenbestattungen lösen die Erdbestattungen ab. Kaum mehr ein Dorffriedhof kann deswegen seine einheitliche Gestaltung bewahren, viele davon verändern sich zur heterogenen Gräberansammlung. Und dazu kommen die Grabsteine nach Katalog, die der Steinmetz vielfach fertig bezieht. Dabei werden Granitsteine aus Schweden/Finnland nach Indien/China transportiert und dort vielfach durch Kinderarbeit hergestellt und bei uns verkauft. Man erkennt diese rötlichen Steine mit bläulich/gelben Einschüssen daran, dass diese auf allen Seiten hochglanzpoliert geschliffen sind und wenig mehr als die Hälfte kosten. Als Fremdkörper in unseren gewachsenen Friedhofsanlagen überformen sie ebenfalls in einem sensiblen Bereich die gewohnte Heimatlichkeit.

-Es gibt für Sie sicherlich auch Erfreuliches zu berichten?

Aber ja! Ich stelle fest, dass in vielen Menschen der Wunsch wächst, über die Heimatgeschichte sich ganz bewusst wenigstens den Ort, an dem man lebt und vielleicht auch noch Arbeit gefunden hat, vertraut zu machen. Vielfach sind es zugezogene Neubürger, die so eine Verwurzelung in ihrer unmittelbaren Lebenswelt herstellen wollen. Sie sind besonders sensibel für die Auswirkungen der Globalisierung in allen Lebensbereichen (Migration, Nahrungsmittel/Genveränderungen, bisher unbekannt oder zurückgekehrte Seuchen usw.) und leiden zunehmend unter der Anonymität aller Verhältnisse. Es ist doch so, dass fast alle Lebensbereiche, sei es im Städtebau/Architektur, in Sprache, Kleidung, Essen usw. mehr und mehr ohne jeglichen örtlichen Bezug bleiben. Die Menschen spüren, dass ihnen dabei zunehmend Halt und Orientierung verlustig zu gehen drohen.

-Dagegen bekommt seit einiger Zeit „Regionalität“ eine ungeahnte Konjunktur...

...und davon profitiert der Heimatgedanke. Die Beschäftigung mit der Geschichte eines noch überschaubaren Lebensraums wird von immer mehr Menschen als Chance gesehen, zumindest in dem Bereich Wurzeln zu schlagen und seelischen Halt zu finden, den sie selber noch erfahren und erfassen können. Und die Menschen erspüren darin die Chance, sich dem Sog der globalisierten und anonymen Welt zu entziehen, ohne dabei unmodern zu werden.

-Machen Sie all ihre Arbeit ehrenamtlich ohne Entlohnung bzw. ist das mit einem Dankeschön abgetan?

Damit das klar ist: Diese Arbeit verlangt viele fachliche Voraussetzungen und man muss sich gerne dafür einsetzen. Ab dem Bezirksheimatpfleger ist es ein hauptamtlicher Posten. Der Kreisheimatpfleger erhält dagegen nur das im Landratsamt übliche Kilometergeld für Fahrten mit dem eigenen Pkw bzw. die Fahrkarten der Bahn ersetzt sowie eine monatliche Aufwandsentschädigung von 246,05 Euro, die teils zu versteuern ist. Dafür muss ich mein Telefon, meinen PC/Drucker einsetzen, Fachliteratur beschaffen und viel Zeit mitbringen.

-Sie betreuen ja auch noch den Betrieb des Schongauer Stadtmuseums und leiten das Wallfahrtsmuseum Wieskirche...

Stimmt, und wenn man bedenkt, dass viele Gemeinden dazu übergegangen sind, die Unterlagen (Karten, Bilder usw.) für Bebauungs- und Flächennutzungspläne nur mehr digital zu übermitteln und der Kreisheimatpfleger auf seinen Geräten das dann selber ausdrucken muss, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass meine Tätigkeit weniger Wert ist als die Arbeit einer Putzfrau; aber ich bin ja im Ehrenamt. Wer’s, wie gesagt, nicht aus Leidenschaft tut, der kann es nicht machen. Immerhin hab‘ ich auch die Ehrenamtskarte des Landkreises mit u.a. freiem Eintritt in den Märchenwald erhalten.

-Wie kann jeder einzelne Bürger zur Heimatpflege beitragen?

In meinem Tätigkeitsbereich betrifft das vor allem die Besitzer von Anwesen, die als Einzeldenkmäler eingetragen sind oder im Ensemble (z.B. in der Altstadt von Schongau) liegen. Von diesen Mitbürgern erwarte ich mir die Bereitschaft, sich bei Veränderungen beraten zu lassen und die besondere Verantwortung zu akzeptieren, die mit diesem Besitz verbunden ist. Weggeworfen oder zerstört ist schnell. Was im Umgang mit der Umwelt sich langsam durchsetzt, dass wir nämlich vorübergehende Verwalter der Erde sind, verpflichtet zur Weitergabe an die nächste Generation, das gilt ungeschmälert auch für Baudenkmäler.

-Was ist Ihnen als Kreisheimatpfleger ein besonderes Anliegen?

Ich will Verständnis für überlieferte Werte und überliefertes Kulturgut wecken und vermitteln. Im Mittelpunkt der Heimatpflege steht immer der Mensch in seiner Gegenwart und Zukunft. Bei Schillers „Tell“, der grad in Oberammergau gespielt wird, sinniert Wilhelm Tell in der hohlen Gasse bei Küßnacht: „Hier ist keine Heimat – Jeder treibt sich an dem andern rasch und fremd vorüber und fragt nicht nach seinem Schmerz.“ Heimat, da geht es also um uns Menschen, uns alle, und um unsere Lebensqualität, deren wichtige Bestandteile unsere Denkmäler und unsere Identität sind. Um hier Heimat zu erhalten, ziehe ich nicht als grantelnder Antimodernist übers Land, um daraus ein Museum zu machen. Meine Aufgabe betrifft vielmehr den Konflikt zwischen privater wirtschaftlicher Nutzung, wo’s ums Geld geht und alle Freundschaft aufhört, und den Interessen der Allgemeinheit am Kulturgut. Zum Beispiel ob ein Gebäude aufwändig restauriert oder einem Neubau geopfert wird. Für mich ist entscheidend wichtig, ob ich dabei glaubhaft vermitteln kann.

Die Fragen stellte: Michael Gretschmann

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