Testet Kinder im eigens dafür aufgestellten Bundeswehr-Zelt: Der Schongauer Kinderarzt Dr. Bruno Hilz. 
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Testet Kinder im eigens dafür aufgestellten Bundeswehr-Zelt: Der Schongauer Kinderarzt Dr. Bruno Hilz. 

Einrichtungen ziehen positive Bilanz

Kitas und Schulen im Corona-Kampf: Wer zweimal niest, wird heimgeschickt

  • Barbara Schlotterer-Fuchs
    vonBarbara Schlotterer-Fuchs
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Kaum sind die lieben Kleinen wieder untergebracht, müssen sie auch mit leichter Erkältung schon wieder zu Hause bleiben. In den Einrichtungen zieht man trotzdem eine positive Bilanz.

Landkreis– Wer zweimal niest, wird nach Hause geschickt: Eltern von Schul- und Kindergartenkindern brauchten dieser Tage gute Nerven. Eine Mutter, mit der wir sprechen, möchte anonym bleiben. Sie erzählt: Eine Woche hatte sie ihre kleine Tochter mit Erkältung vom Kindergarten zu Haus gelassen. Das Kind ist topfit. Muss allerdings im Kindergarten zweimal schneuzen. Der Anruf bei der Mutter folgt auf dem Fuße: Bitte Kind abholen.

Die Mutter fragt sich jetzt: „Wie soll das erst im Herbst werden, wenn alle erkältet sind?“ Die Dreifach-Mama ist sich sicher: „So funktioniert das nicht, dass die Kinder mit Rotznase daheim bleiben müssen.“ Schließlich gebe es Leute, die müssten arbeiten. „Die können nicht alle zwei Wochen für zwei Wochen daheim bleiben. Die müssen Geld verdienen.“

Umgang mit Corona: „Die Kinder trauen sich nicht mal mehr husten, wenn sie sich verschluckt haben.“

Die Mutter fürchtet: „Die Kinder trauen sich nicht mal mehr husten, wenn sie sich verschluckt haben.“ Sie bezeichnet die Situation als „bizarr“. „Der soziale Schaden ist inzwischen größer wie alles andere.“

Sie spricht damit vielen Eltern aus der Seele. Kaum waren die Kinder nach dem Corona-Lock-Down wieder in Kindergarten und Schule, schon sind sie wieder zu Hause. 

Kinder mit leichten Erkältungssymptomen müssen heim: Viele Eltern zeigen Verständnis

Ein Besuch im Therese Peter Haus für Kinder in Peiting: Fast 20 Kindergartenkinder sind hier krankgemeldet. Nicht, weil es ihnen furchtbar schlecht geht. Eine einfache Erkältung reicht schon aus. So gibt es die Staatsregierung vor. Vereinzelt mussten Kinder mit Erkältung auch in dem gemeindlichen Kindergarten wieder nach Hause geschickt werden. Die meisten Eltern zeigten Verständnis. So hat es Einrichtungsleiterin Anika Auhorn erlebt. Vereinzelt habe es auch Probleme gegeben. „Wir wissen: Es ist schwierig momentan für die Eltern.“ Und das, obwohl jetzt erst Juli ist. „Wie soll das erst im Winter weitergehen?“, fragt sie.

Mit vielen Szenarien hat man sich hier beschäftigt. A, B, C, D. Die Vorstellungskraft ist groß. Alleine: Noch weiß keiner, was wirklich kommt. Die Vorgaben der Regierung: Sie sind bislang schwammig, so Auhorn.

Umgang mit Corona: Schulrektorin weiß um Anspannung der Eltern

Auch in der Alfons-Peter-Grundschule nebenan hat Rektorin Erna Lindauer vereinzelt Kinder von den Eltern abholen lassen. Auch sie spricht von verantwortungsbewussten Eltern, „die im besten Fall mit ihren Kindern auch noch zum Arzt gehen“. Vier oder fünf ihrer Schüler sind auf das Corona-Virus getestet worden – alle negativ. Auch Lindauer weiß um die Anspannung bei den Eltern. „Zusammen mit dem eingeschränkten Unterricht ist das schon eine äußerst schwierige Situation.“

In der Nachbarstadt Schongau merkt man an der Stauffer-Grundschule indes kaum etwas von den Erkältungs-Corona-Beschränkungen: Genauso viele Krankheitsfälle wie auch sonst um diese Jahreszeit vermeldet Rektorin Ute Meub. Abgeholt werden musste hier noch kein Kind. Eine große Ausnahme.

Umgang mit Schnupfen in Corona-Zeiten: Kindergarten in Penzberg zieht Traum-Bilanz

Wie bei vielen anderen Schulen wurde auch an der Zerhoch-Mittelschule in Peißenberg der Telefonhörer gezückt. Für erkältete Schüler ging es aus dem Klasszimmer wieder nach Hause. Die Schwierigkeit: „Bei manchen Schülern entwickeln sich Erkältungs-Symptome erst im Laufe des Vormittags“, so Rektorin Susanne Coldwell. Rotznase und Schulbesuch: Das geht theoretisch erst, wenn der Arzt bestätigt, dass vom Schüler keine Corona-Ansteckungsgefahr ausgehe.

Noch kein Kind abgeholt, nur zwei bis drei Schnupfen-Kleinkinder in der Krippe, die gleich zu Hause geblieben sind: Eine Traum-Bilanz zieht Bianca Höfler im „AWOlino“-Kindergarten Penzberg. Die Kindergartenleiterin hat in diesen schwierigen Zeiten einen weiteren Grund zur Freude: „Die Eltern sind total vernünftig. Sobald die Nase läuft, lassen sie ihre Kinder zu Hause.“

Interview mit Kinderarzt Bruno Hilz: „Covid-19 von anderen Luftwegserkrankungen nicht unterscheidbar“

Herr Dr. Hilz, rennen Ihnen in der Gemeinschaftspraxis besorgte Eltern die Bude ein, um ihr erkältetes Kind auf Corona testen zu lassen? 

Die bayerische Staatsregierung hat entschieden, dass jeder sich testen lassen kann. In den Augen der Kinderärzte ist das ein bisschen umstritten. Wir glauben nicht, dass das Sinn macht. Tatsächlich aber glauben wir, dass es sehr wichtig ist, dass Schulen und Kindergärten jetzt diesen Zeitpunkt nutzen, um Erfahrungen zu sammeln für den Herbst. Die Frage ist doch: Welche Kinder mit Schnupfen könnten positiv sein? Da macht es dann tatsächlich auch Sinn, großzügig durchzutesten. 

Gibt es Ihrer Meinung nach bereits erste Erkenntnisse? 

Tatsächlich ist Covid-19 derzeit nicht unterscheidbar von anderen Luftwegsinfekten. Wir wissen nichts. Das wiederum wird dann schwierig, wenn im Herbst wieder die üblichen Infekte umgehen. Es ist gut, wenn man in den Einrichtungen jetzt konsequent ist. In den Kindergärten und Schulen muss man jetzt ans eigene Personal, aber auch an die anderen Kinder denken, die angesteckt werden könnten. 

Und was ist in diesem Jahr mit den Heuschnupfen-Kindern? 

Das ist tatsächlich ein großes Problem. Da hatten wir sehr viele in der Praxis, die ein Attest brauchten, um wieder am Unterricht teilnehmen zu können oder wieder die Schule besuchen zu können. Bei plötzlich auftretenden Infekten ist das anders. Wir können schon bestätigen, dass klinisch kein Verdacht auf Corona besteht. Trotzdem müssen solche Kinder zu Hause bleiben, bis sie wieder gesund sind. Sonst stecken die weitere vier bis fünf andere Kinder an. Und die haben wir dann auch wieder hier bei uns in der Praxis. 

Was ist Ihr Eindruck von den Eltern? 

Die sind unsicher und kommen viel früher und häufiger zu uns. Die Kinder, die sie zu uns bringen, wären sonst wahrscheinlich einfach weiter in den Kindergarten oder in die Schule gegangen. Es gibt auch Kindergärten, die Abstrich-Ergebnisse vorgelegt haben wollen. 

Apropos: Abstriche. Wie viele davon machen Sie denn zur Zeit? 

Die Häufigkeit hat sich alleine in der vergangenen Woche mindestens verdoppelt. Wir haben alle Hände voll zu tun. Seit Beginn der Pandemie haben wir ja unser Bundeswehr-Zelt im Freien neben der Praxis aufgebaut. Der normale Praxis-Betrieb ist somit komplett getrennt von den Verdachtsfällen. Wir untersuchen außerdem im Schutzanzug und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. In den ruhigeren Zeiten waren es vier bis sechs Abstriche pro Tag. In den letzten Wochen übrigens alle negativ. Jetzt sind es täglich 15 bis 20 Abstriche, die wir durchführen. Ich bin mir sicher: Es werden mehr werden. Wir müssen jetzt tatsächlich Personal aufstocken, um die Nachfrage bewältigen zu können. Wir müssen vorbereitet sein. Schließlich sind wir wahrscheinlich die einzige Kinderarzt-Praxis in Oberbayern, die unter solchen Bedingungen testen kann. 

Da freuen Sie sich bestimmt schon auf Herbst und Winter... 

Es ist vorauszusehen, was dann kommt, wenn alle wieder in engen Räumen beinander sind. Wir werden wieder mehr Fälle haben. Aber unter kontrollierten Bedingungen. Wenn man alle Faktoren zusammen nimmt, dann wird es bei uns nicht so kommen, wie in den USA, in Spanien oder Italien.

bas

Lesen Sie auch: Gastronomen in Corona-Zeiten: Glücklich ist, wer einen Biergarten hat

Außerdem interessant: Die Berichterstattung der Schongauer Nachrichten über die Sommer-Schließzeit der gemeindlichen Kindergärten in Peiting hat jetzt für ein Nachspiel im Peitinger Gemeinderat gesorgt.

Und hier gibt es weitere Nachrichten aus Schongau und Umgebung.

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