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Eine Nierentransplantation wie hier gibt es in Deutschland viel zu selten. Mehr als 11 000 Menschen warten hierzulande auf ein Spenderorgan.

„Eine Entlastung für Angehörige“

Organspende: Was die Ärzte in den Kreis-Kliniken zur gescheiterten Widerspruchsregelung sagen

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Sollen die Organe eines Angehörigen nach dessen Tod einem kranken Menschen zur Verfügung gestellt werden? Das ist eine Entscheidung, vor der Angehörige oft stehen. Diese wäre ihnen durch die gesetzliche Widerspruchsregelung erspart geblieben. Zumindest sehen es so die Organspende-Beauftragten der Krankenhäuser Schongau und Weilheim, die sogenannte Entnahmekrankenhäuser sind.

Weilheim-Schongau – Ein Angehöriger ist tot. Sollen seine Organe gespendet werden? Eine Entscheidung, die keiner treffen möchte. Zu abstrakt ist die Vorstellung, zu schrecklich der Gedanke. Doch immer wieder kommen Menschen in diese für sie unfassbare Situation. Auch im Landkreis Weilheim-Schongau. In den Krankenhäusern in Weilheim und Schongau wurden in den vergangenen fünf Jahren vier Mal Organe gespendet. Dass der Bundestag jetzt einer Widerspruchslösung bei Organspenden abgelehnt hat: Das macht es künftig für die Mediziner weiterhin schwierig.

Dr. Beate Maria Schieth ist Transplantationsbeauftragte am Krankenhaus Weilheim

Der Brustkorb hebt und senkt sich. „Man sieht auf dem Monitor, dass das Herz schlägt. Der Mensch ist warm.“ Doch sein Gehirn ist tot. Dr. Beate Maria Schieth ist Transplantationsbeauftragte am Krankenhaus Weilheim. Sie beschreibt die Situation, die sich kein Mensch für sich selbst vorstellen möchte: Ein Angehöriger ist hirntot. Sein Körper sieht nach Leben aus. „Das ist für uns Menschen schwer realisierbar, dass dieser Mensch trotzdem tot ist – das ist außerhalb unserer Vorstellungskraft.“

Schieth und ihr Schongauer Kollege Dr. Armin Kirschner haben solche Situationen als Transplantationsbeauftragte der beiden Häuser mehrfach erlebt. Beide stimmen überein: Die Widerspruchslösung, die der Bundestag abgelehnt hat, wäre in erster Linie für die Angehörigen in einer solch emotionalen Ausnahmesituation eine große Erleichterung gewesen – und auch für die Ärzte.

Kliniken in Schongau und Weilheim sind Entnahmekrankenhäuser

Fakt ist: Mehr als 11 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ. Mehr als ein Drittel davon überlebt die Wartezeit nicht, weil es zu wenig Spender gibt. Mit der Thematik befasst ist man in den Krankenhäusern Weilheim und Schongau – beide Häuser sind Entnahmekrankenhäuser mit dementsprechend geschultem Personal, passend ausgestatteten Operationssälen und jeweils einer hochspezialisierten Intensivstation mit allen nötigen technischen Geräten.

Dass an beiden Häusern solche Ausnahmesituationen eher selten vorkommen, ist das Tatsache geschuldet, dass an beiden „Häusern der Grund- und Regelversorgung“ der Krankenhaus GmbH keine Neurologie und keine Neurochirurgie gibt. Schieth, die im Weilheimer Krankenhaus als Anästhesistin arbeitet, hat Erfahrung mit dem Thema Hirntod und Organspende. Diese hat sie im Lauf ihrer Berufsjahre auch an anderen Kliniken gesammelt. Auf der Intensivstation und als Notärztin. „Da hat man es immer wieder mit schlimmen Unfällen oder neurochirurgischen Erkrankungen zu tun.“

Schieth hat beide Seiten gesehen: Den Menschen, der als Hirntoter nicht mehr zu retten ist. Aber auch den Menschen, dem bei einer Operation ein lebenswichtiges Organ transplantiert wird.

Primär, stimmt sie mit ihrem Kollegen Kirschner überein, ginge es immer darum, ein Leben zu retten. Doch was, wenn dieser Kampf verloren ist? „Ich versuche immer, die Angehörigen mitzunehmen.“ Will heißen: In den Augen der Angehörigen lebt der Hirntote. Die Geräte erhalten die Herz-Kreislauffunktion und stellen die Sauerstoffversorgung der Organe sicher.

Klare Beweise für den Hirntod

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass der Hirntod bereits eingetreten ist. Kirschner nennt die fehlenden Augenbewegungen und den fehlenden Lidschluss nach Berühren des Auges. Den Ausfall des Hustenreflexes beim Absaugen der Atemwege. Und darüber hinaus die Möglichkeit, im Kontrastmittel-Computertomogramm des Kopfes „die fehlende Durchblutung des Gehirns nachzuweisen“. Diese ist im Bild durch einen Stillstand der Blutsäule in den vier zuführenden Hirnschlagadern zu erkennen. Viele Mittel, um den Angehörigen die größte Sorge zu nehmen, der Hirntote sei bei einer Organentnahme eigentlich noch am Leben.

Dr. Armin Kirschner ist Transplantationsbeauftragter am Krankenhaus Schongau.

Eine schwere Bürde bleibt die Entscheidung also für diejenigen, die in einer solchen Ausnahmesituation auch noch entscheiden müssen: Organspende, ja oder nein? „Ich hätte mir gewünscht, dass jeder Mensch sich zu Lebzeiten erklärt, ober er zu einer Organspende bereit ist“, so Kirschner.

Wäre Zustimmung, aber auch Ablehnung sicher dokumentiert, „wären Angehörige und Ärzte in einer emotional schwierigsten Situation immens entlastet gewesen“, so Kirschner. „Die Widerspruchslösung wäre eine wünschenswerte Auseinandersetzung mit dem Sterben und eine Entlastung für die Angehörigen und die Mediziner“, stimmt Schieth mit ihrem Kollegen überein. Mit der aktuellen Entscheidung des Bundestags ist eine solche Entlastung aus Mediziner-Sicht in weite Ferne gerückt.

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