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Windkraft im Landkreis Weilheim-Schongau: Zeit, dass sich was dreht?

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Seit 2003 produziert das Windrad auf dem Peitinger Bühlach umweltfreundlichen Strom. Es ist bislang das einzige im Landkreis.
Seit 2003 produziert das Windrad auf dem Peitinger Bühlach umweltfreundlichen Strom. Es ist bislang das einzige im Landkreis. © Hans-Helmut Herold

Um die Klimaziele zu erreichen, drückt die neue Bundesregierung aufs Tempo. Ein wichtiger Baustein dafür ist die Windkraft. Auch im Landkreis Weilheim-Schongau gibt es für Windräder durchaus Potenzial. Doch gebaut wurde bislang erst ein einziges. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Landkreis – Ein ganzes Jahrzehnt ist es mittlerweile her, dass eine Gruppe von über 60 Privatleuten ihre Pläne für den Bau von Windkraftanlagen auf den Köpfingerwiesen bei Peiting der Öffentlichkeit präsentierte. Was damals als Vorzeigeprojekt begann, könnte heute kaum sinnbildlicher sein für den Ausbau der Windkraft in Bayern. Denn noch immer dreht sich keines der drei einst geplanten Windräder der Bürgerwind Pfaffenwinkel GmbH auf jener Fläche. Über die Jahre hinweg waren ihre Gesellschafter regelrecht verzweifelt bei den Bemühungen, Vorbehalte wegen des Artenschutzes und des möglicherweise drohenden Verlusts des Weltkulturerbe-Status der Wieskirche auszuräumen. Die letzte Hiobsbotschaft erreichte die GmbH im vergangenen Jahr vom Deutschen Wetterdienst, der wegen der Höhe der geplanten Windräder um die Funktion seines Wetterradars auf dem Hohen Peißenberg fürchtete.

So ist die Windkraftanlage am Bühlach bei Peiting auch 19 Jahre nach ihrer Errichtung die einzige im ganzen Landkreis Weilheim-Schongau. Doch was bedeutet das für die Energiewende und das Ziel, bis 2035 klimaneutral zu sein, welches sich der Landkreis gesetzt hat? Müssten dafür nicht auch hierzulande deutlich mehr Anstrengungen in den Ausbau der Windkraft gelegt werden, wie es Wirtschaftsminister Robert Habeck jüngst bei seinem Besuch beim bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder forderte? Einiges spricht dafür, wie ein Blick auf das Forschungsprojekt INOLA zeigt.

Windverhältnisse: Die Karte zeigt deutlich, dass im Landkreis Weilheim-Schongau vor allem der Altlandkreis Schongau für Windkraft in Frage kommt. 
Windverhältnisse: Die Karte zeigt deutlich, dass im Landkreis Weilheim-Schongau vor allem der Altlandkreis Schongau für Windkraft in Frage kommt.  © INOLA

Unter der Leitung der Ludwig-Maximilians-Universität und der Bürgerstiftung Energiewende Oberland (EWO) haben Wissenschaftler darin für die Landkreise Weilheim-Schongau, Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen zwei mögliche Szenarien durchgespielt, wie die Region bis 2035 hundert Prozent des Stromverbrauchs aus Erneuerbaren Energien decken kann. Bei beiden Ausbauoptionen spielt die Windkraft eine Rolle, allerdings eine unterschiedlich große.

Um das Ziel zu erreichen, müsste laut den Forschern in der ersten Variante jedes zweite Haus in der Region mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet und zusätzlich neun Windräder zu je drei Megawatt gebaut werden. „Aktuell haben ungefähr sieben Prozent der Gebäude eine PV-Anlage“, sagt Stefan Drexlmeier, Vorstandsvorsitzender des Energiewende Oberland-Kompetenzzentrums und Leiter der EWO-Geschäftsstelle. Selbst ein Drittel der Häuser mit einer PV-Anlage auszustatten, wäre bis 2035 mit einer riesigen Kraftanstrengung verbunden. In dieser Variante müssten zugleich 185 Windräder errichtet werden, um den Strombedarf zu decken. Realistisch umzusetzen sei eine solche Zahl an Anlagen nicht, weiß auch Drexlmeier. Die Berechnungen würden aber eines zeigen: Ganz ohne Windenergie werde die Energiewende im Landkreis nicht funktionieren.

10H-Regel und Regionalplan kontra Windkraftpotenziale

Doch macht der Bau von Windrädern hierzulande überhaupt Sinn? Auch das haben die Wissenschaftler im INOLA-Projekt untersucht. Bei der Gebietsanalyse kam man für den Landkreis Weilheim-Schongau auf eine theoretisch mögliche Anzahl von 486 Windkraftanlagen mit einem potenziellen jährlichen Stromertrag von 1973 Gigawattstunden, was deutlich mehr wäre als der Bedarf.

Natürlich ist das erst einmal nur graue Theorie. Denn längst nicht überall, wo ein Windrad möglich ist, darf es gebaut werden. Seit 2014 gilt in Bayern die 10H-Regelung. Sie schreibt vor, dass Windräder einen Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zur nächsten Wohnbebauung einhalten müssen. Gemeinden können zwar über das Bauleitverfahren geringere Abstände festlegen, doch die wenigsten machen davon Gebrauch. Die Regel sei einer der Gründe, warum der Windkraft-Ausbau in Bayern in den letzten Jahren praktisch zum Erliegen gekommen sei, sagt Drexlmeier. „Die Stimmung gegen Windkraft hat durch 10H politisch einen sehr starken symbolischen Rückhalt erfahren, gegen den man im Einzelfall sehr hart kämpfen muss.“

Wie sich die rechtlichen Rahmenbedingungen auf die theoretisch mögliche Stromproduktion mittels Windkraft auswirken, zeigt diese Grafik. 
Wie sich die rechtlichen Rahmenbedingungen auf die theoretisch mögliche Stromproduktion mittels Windkraft auswirken, zeigt diese Grafik.  © INOLA

Doch die 10H-Regelung ist nicht das einzige Hindernis. Legt man nur sie zugrunde, bliebe immer noch ein Potenzial von 340 Windrädern im Landkreis übrig. Diese Zahl schrumpft allerdings drastisch, wenn man die Einschränkungen berücksichtigt, die sich durch den Regionalplan ergeben. 2015 hatte der Planungsausschuss der Region Oberland in der Teilfortschreibung „Windkraft“ Vorranggebiete festgelegt für Windräder, doch diese sind rar gesät. Eine Fläche findet sich im Landkreis bei Schwabsoien und Ingenried, eine weitere bei Hohenpeißenberg. Dazu kommen noch einige sogenannte „weiße Flächen“, die weder Vorrang- noch Ausschlussgebiet sind, wo Windkraftanlagen prinzipiell ebenfalls möglich sind. Dazu zählen etwa die Köpfinger Wiesen.

Eine Abschaffung der 10H-Regel wäre auch das politische Signal, dass man hierzulande die Windkraft will. Das fehlt bislang.

Stefan Drexlmeier, Energiewende Oberland

Am Ende landet man so laut den INOLA-Forschern bei einem verbleibenden Potenzial für den Landkreis von gerade einmal 13 Windrädern mit einem Stromertrag von 59 GWh/a auf einer Fläche von knapp 700 Hektar. Bei einem Wegfall von 10H würden sich die Möglichkeiten für Windstrom immerhin knapp verdoppeln. Nicht nur deshalb hofft Drexelmeier darauf, dass sich Habeck mit seiner Forderung durchsetzt, auch wenn Söder beim Treffen der beiden Politiker allenfalls Ausnahmen von der Regelung etwa im Staatswald in Aussicht stellte. „Eine Abschaffung der 10H-Regel wäre auch das politische Signal, dass man hierzulande die Windkraft will. Das fehlt bislang.“ Eine Überarbeitung des Regionalplans hält der Vorsitzende der Energiewende Oberland ebenfalls für angebracht, auch wenn das „eine politische Mammutaufgabe“ sei. „Man muss sich bewusst machen, dass man heute einen anderen Maßstab anlegen muss, als es vielleicht 2015 noch der Fall war.“

Beim Planungsverband teilt man diese Einschätzung allerdings nicht, sondern verweist auf das „schlüssige, gesamträumliche Konzept“, das den windkraftspezifischen Festlegungen zugrunde liege. „Aussagen zu einem inhaltlichen und teilräumlichen Ausscheren aus diesem Konzept, um zusätzliche Flächen für die Windkraftnutzung etwa im Landkreis Weilheim-Schongau zu identifizieren, erscheinen für den Planungsverband der Region Oberland zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder geboten noch zulässig“, teilt man mit und verweist darauf, dass innerhalb der bestehenden Vorranggebiete weiterhin ausreichend Flächen für die Errichtung von Windkraftanlagen zur Verfügung stehen.

Selbst in den Vorranggebieten dreht sich bislang kein Windrad

Dass dieses Potenzial bislang noch nicht in Anspruch genommen wurde, merkt auch Veronika Schellhorn, Referentin für Klimaschutz beim Landkreis, an. Konkrete Planungen habe es ihres Wissens nach nur für die Anlagen bei Peiting gegeben. Doch warum ist das so? Im Rathaus in Hohenpeißenberg ist man wenig verwundert darüber, dass es bislang keine Anfragen für den Bau von Windrädern in der sogenannten Vorrangfläche gegeben ha. Das Gebiet sei quasi auf dem Reißbrett festgelegt worden, sagt Stefan Fischer vom Bauamt. Vor allem die Erschließung sei im „weiten Filz“ ein großes Problem, da es sich um ein Moorgebiet handle. Nicht nur die Gründung sei aufwendig, auch die Straßen für den Transport kaum geeignet. dazu komme die Nähe zum Wetterradar auf dem Hohen Peißenberg. „Alles zusammen keine guten Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Betrieb einer Windturbine“ und der Grund, warum es bislang keine ernsthaften Anfragen gegeben habe, sagt Fischer.

Schwabsoiens Bürgermeister Manfred Schmid nennt dagegen die 10H-Regel als Grund dafür, warum sich in der Vorrangfläche auf der Flur seiner Gemeinde bislang nichts in Sachen Windkraft getan hat. „Sachsenried ist nur 600 Meter weit weg, da hat sich die Frage nicht gestellt.“ Zwei Windräder gibt es dennoch bereits in der Gegend und zwar im Nachbarlandkreis Ostallgäu. Das eine entstand als ein Gemeinschaftsprojekt der Gemeinden Bidingen und Ingenried, das zweite wird von einem Bürgerverein betrieben. Für Schmid ein Vorbild, wie Windkraft vor Ort gelingen kann. Ob man auch in Schwabsoien in naher Zukunft sich des Themas annehmen wird, kann der Bürgermeister noch nicht sagen. „Dass wir nicht so weitermachen können wie bisher, wissen wir alle.“

Bürgerbeteiligung als Erfolgsmodell

Die Bürger zu beteiligen, sieht auch Drexlmeier als richtigen Weg, um die Akzeptanz von Windanlagen zu steigern. Ein gutes Beispiel sei die Gemeinde Fuchstal im Landkreis Landsberg, wo man die Bevölkerung beim Bau der dortigen Windräder mitgenommen habe. Gerade kleinere Kommunen gelte es dabei zu unterstützten. Die Windkümmerer, die der Freistaat ins Leben gerufen habe, seien dafür ein wichtiger Schritt, findet Drelxmeier. Wertschöpfung vor Ort sei das Stichwort, Kommunen müssten Windkraftprojekte dabei nicht selbst stemmen, „solange sie sie wohlwollend begleiten“, fordert er.

Wie im Fall Peiting. Dort hat man die Hoffnung trotz aller Rückschläge nicht aufgegeben, dass sich vielleicht doch noch bald Windräder auf den Köpfinger Wiesen drehen. Man stehe nach wie vor bereit, bekräftigt Bürgermeister Peter Ostenrieder, der in Kontakt mit den Gesellschaftern der Bürgerwind Pfaffenwinkel GmbH steht. Der Rathauschef sieht dabei seine Hoffnungen auf die Bundesregierung, die nun beweisen könne, wie ernst sie es mit dem proklamierten Ausbau der Windenergie meine. Denn sowohl das Thema Artenschutz, als auch der Streit um die Auswirkungen auf den Welterbetitel der Wieskirche müssten auf Bundesebene geklärt werden. Gleiches gelte für den Deutschen Wetterdienst, der eine Bundeseinrichtung sei. „Peiting ist bei solchen Problemen ja kein Einzelfall.“

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Dass sich hier der Wind in absehbarer Zeit drehen könnte, damit rechnet auch Schellhorn. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung sehe einen zeitlich befristeten Vorrang für Erneuerbare Energien bis zum Erreichen der Klimaneutralität vor. „Dies könnte dazu führen, dass sich die Rahmenbedingungen für Windkraft bundesweit ändern. Hier erschließt sich dann möglicherweise wieder ein Zugang.“

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