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Eine 42 Kilogramm schwere Wildsau, die der Böbinger Jäger Werner Schubert im Hirtmoos (Schönberg) heuer zur Strecke gebracht hat.

Wildsauen weiter verstrahlt

Erst messen, dann essen

Die Strahlenbelastung von Wildschweinen ist auch 32 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl immer noch ein großes Problem. Das belegen die Messungen. Im Jagdjahr 2017/18 wurden im Landkreises Weilheim-Schongau insgesamt 667 Wildsäue erlegt, von denen etwa die Hälfte radioaktiv so stark verstrahlt war, dass ihr Fleisch zum Verzehr nicht geeignet war.

Weilheim-Schongau – Vier Sauen hat der Böbinger Jäger Werner Schubert heuer in seinem Revier im Schönberger Hirtmoos bereits geschossen. Das Ergebnis: Zwei davon waren verstrahlt – mit Werten von 658 und 1340 Becquerel pro Kilogramm (bq/kg). Vom Bundesverwaltungsamt für Schadensausgleich in Köln gibt’s hierfür als Entschädigung 204 Euro pro Sau, für kleinere Tiere 102 Euro. Die anderen beiden Sauen, die Schubert erlegte, lagen mit 108 und 436 bq/kg unterhalb des Grenzwertes von 600 bq/kg und konnten somit für den Verzehr freigegeben werden.

Dass die Strahlengefahr nach wie vor akut ist, belegen die Zahlen der Unteren Jagdbehörde des Landratsamtes Weilheim-Schongau. Nach Auskunft von Sabine Wiemann wurden heuer bereits 100 Anträge auf Entschädigung für verstrahlte Wildsauen gestellt. Im vergangenen Jahr waren es gerade mal 40.

Die Messungen lassen Werner Schubert und viele andere Jäger bei dem Strahlungsbiologen Walter Mühlhölzl in Wielenbach machen. Der Mann ist ehrenamtlich für den Kreisjagdverband Weilheim tätig und hat in den vergangenen acht Jahren sein Strahlenmessgerät in 1455 Fällen zum Einsatz gebracht, wobei der zulässige Grenzwert durchschnittlich in jedem zweiten Fall überschritten wird. Mühlhölzl geht davon aus, dass die Verstrahlung der Wildsauen noch jahrelang ein Thema sein wird – als Folge des Reaktor-Unglücks in Tschernobyl.

Von der EU ist für die Verkehrsfähigkeit von Lebensmitteln ein Höchstwert von 600 bq/kg festgelegt, der nicht überschritten werden darf. In Bayern werden aus Weisung des Umweltministeriums Messwerte bereits ab 500 bq/kg als Grenzwertüberschreitung betrachtet. Ein Antrag auf Entschädigung kann somit bereits ab 500 bq/kg gestellt werden.

„Höher belastetes Wildbret darf nicht in den Verkehr gebracht und damit auch nicht verschenkt werden“, verweist der Strahlungsbiologe Walter Mühlhölzl auf die gesetzlichen Vorschriften. Die Entsorgung von verseuchtem Fleisch erfolge über Tierkörperbeseitigungsanstalten, z.B. in Kraftisried. Für die Strahlenmessung werden 500 Gramm Muskelfleisch (keine Innereien) benötigt. Die Messung dauert etwa 15 Minuten, anschließend gibt es ein Messprotokoll. Beim Kreisjagdverband Weilheim werden hierfür Gebühren von zehn Euro erhoben. Bei Frischlingen bis zehn Kilogramm und Fallwild sind die Messungen kostenlos.

Einer, der sich ebenfalls intensiv mit der Strahlenmessung bei Wildschweinen beschäftigt, ist Helmut Rummel aus Murnau, langjähriger Strahlenschutzbeauftragter für Radioaktivität und auch Betreiber einer vom Umweltlandesamt qualifizierten Radiocäsium-Messstelle im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Er wirft dem Bayerischen Umweltministerium eine verzerrte Darstellung der Belastungssituation vor. Laut Rummels Recherchen wurden im Jahr 2015 in Südbayern bei 549 Wildschweinen Strahlenwerte von 3000 bis 18 185 bq/kg festgestellt. Laut Darstellung des Landesamts für Umweltschutz lag nur ein Messwert über dem Grenzbereich von 600 bq/kg.

Außerdem will Rummel ermittelt haben, dass im Jahr 2015 in Südbayern insgesamt 11 630 erlegte Wildschweine nicht auf Strahlenbelastung gemessen, aber von der Jägerschaft und ihren Angehörigen verzehrt worden sind.

Gleichzeitig hat Helmut Rummel eine Dosisberechnung vorgelegt. Er geht vom einem Jägerhaushalt mit drei Personen aus, wobei pro Person sechs Kilogramm Wildschweinfleisch mit 3000 bq/kg pro Jahr konsumiert werden. Das ergibt – frei nach Rummel – eine Strahlenbelastung von 18 000 bq/kg. „Das entspricht einer vergleichbaren Dosis von zwölf Röntgenaufnahmen der Lunge“, mahnt er.

Was sagen die Waidmänner dazu? „Bei uns wird jedes erlegte Wildschwein auf seine Strahlenbelastung untersucht“, versichert Florian Pfütze, Chef des Kreisjagdverbandes Weilheim. Hinzu komme auch noch eine Trichinenuntersuchung. „Bevor die Ergebnisse nicht vorliegen, wird kein Stück verzehrt“, so der Jagdchef.

von Michael Gretschmann

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