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Stadtarchivar Franz Grundner in „seiner Höhle“ zwischen den Regalen. Er hat die Seite eines Ratsprotokolls aus dem Jahre 1699 aufgeschlagen. Fein säuberlich in Tusche geschrieben.

Besuch im Stadtarchiv

1248 Meter Dokumente in der Schongauer Unterwelt

Schongau - Es sind die wahren Schätze, die oft im Verborgenen schlummern. Von denen der Bürger fast keine Notiz nimmt. Dokumente und Schriften aus längst vergangener Zeit, die von ungeheuerem historischem Wert sind. Fein säuberlich sortiert und aufbewahrt. Diese sind im Schongauer Stadtarchiv zu finden und einzusehen. Ein Reise in die Unterwelt zum heutigen Tag des Archivs.

Dem Schongauer Museum haben schon viele einen Besuch abgestattet und sich von den Exponaten begeistern lassen. Die Zeugen der Geschichte faszinieren jede Altersstufe. Aber wie sieht’s im Stadtarchiv aus? Wer ist dort schon mal in die Kellerräume abgetaucht? Das Stadtarchiv ist seit 1989 im Gebäude des Stadtmuseums untergebracht. Nur etwas tiefer, quasi in Schongaus Unterwelt. Für den einen sind die vor allem mit Tusche oder Tinte handgeschriebenen Blätter nostalgische Papierfetzen, für den anderen kalligraphische Schmankerl.

Einer, der diese aufbewahrten Leckerbissen einzuschätzen und auch zum großen Teil entschlüsseln vermag, ist Franz Grundner. Seit über zehn Jahren betreut Grundner das Stadtarchiv, und zwar nebenamtlich. Hauptamtlich ist er für die Grundstücksverwaltung, Städtebauförderungen und Denkmalpflege zuständig. Der „Tag des Archivs“ am heutigen Samstag ist eine passende Gelegenheit, mit Grundner in diese Unterwelt abzusteigen.

Schätze in Buchform aus längst vergangener Zeit. Handgebunden und von enormen Wert

Beim Deaktivieren der verschiedenen Bewegungsmelder und Alarmanlagen muss sich Grundner konzentrieren, keinen Fehler bei der Reihenfolge zu machen. Dies würde sofort einen Alarm bei der Polizei auslösen. Gleichzeitig überprüft der „Wächter des Hades“ die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Räumen. Konstante 15 – 18 Grad Celsius bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent. Alles muss im Level liegen, um keine Schäden an den wertvollen Unikaten vergangener Zeit hervorzurufen.

Der erste Anblick beim Betreten des Herzstücks des Lagers ist überwältigend. Von wegen einige Aktenschränke mit vergilbten Papierkram. Ein Rollregal nach dem anderen, die Drehräder stechen besonders ins Auge. „Es sind genau 26 Regale“, sagt Grundner, der offenbar Gedanken lesen kann. „Jedes Regal hat sechs Fächer mit vier laufenden Metern. Mit Vorder- und Rückseite. Das sind 1248 Meter gebündelte Dokumente, Bücher und Schriften.“ Es sprudelt geradezu aus ihm heraus. Es lässt ahnen, wie viel Herzblut zwischen den Schriftstücken heraustropft.

Grundner dreht ein Rad und rollt so das Regal zur Seite. In der freigewordenen Gasse liegen fein säuberlich die Dokumente, griffbereit zum Schmökern. Doch Vorsicht: „Das ist keine Bücherei, in der man Exemplare entnehmen kann, wie man will.“ Erst nach einem Antrag auf Einsicht, der genehmigt werden muss, kann der Antragsteller sich über sein Vorhaben schlau machen.

So sah die Schrift anno dazumal aus.

Dieses Anliegen kann ganz unterschiedlich sein. Da beantragte ein Münchner die Einsicht in Aufzeichnungen über Herzog „Christoph den Starken“ (auf einer Wandmalerei an der Außenseite des Schongauer Landratsamt ist zu sehen, wie er einen Felsbrocken hochhält) für eine Doktorarbeit. Die Unterlagen aus dem Schongauer Stadtarchiv sollen alte Handschriften, die der Münchner gefunden hat, in der Dissertation ergänzen. Ein weiterer Antragssteller schreibt gerade eine Examensarbeit über die Gebietsreform. Auch hier kann Grundner helfen. „Es kommen viele Anfragen über Familiengeschichten“, weiß er. In den meisten Fällen kann er umfangreiche Auskunft geben.

Natürlich müssen Gesetze und Vorschriften eingehalten werden. Wenn man etwas über einen Verstorbenen wissen will, sind Fristen zu beachten. „Sterbeprotokolle sind 30 Jahre unter Verschluss zu halten. Erst dann kann Auskunft gegeben werden“, erklärt Stadtarchivar Grundner. Eine derzeit aktuelle Anfrage betrifft die Staufer-Grundschule. Dort soll der Künstler ermittelt werden, der die mosaikartigen Bilder aus den 1950er Jahren geschaffen hat. Der Hintergrund der Anfrage ist der Erhalt dieser Bilder, die sonst dem Abbruch zum Opfer fallen. Dann wäre ein Stück Schongauer Geschichte Vergangenheit.

Rund 60 Anfragen hat Grundner im Jahr zu beantworten. Nicht zu vergessen seine fachlichen Unterstützungen von Ausstellungen wie im vergangenen Jahr, als der Erste Weltkrieg das große Thema war. Plötzlich wird Grundner still, als er sich seine schneeweißen Stoffhandschuhe überzieht. Fast ehrfürchtig entnimmt er ein handgebundenes Buch einer Pappschatulle. Grundner schlägt die Seiten auf und zeigt ein Ratsprotokoll von 1699. Fein säuberlich geschrieben, da war ein Künstler seines Fachs am Werk. Doch nicht genug. Grundner zeigt eine Urkunde aus dem Jahre 1325. Insgesamt 362 Urkunden von 1325 bis 1759 und fast alle Ratsprotokolle und Stadtkammerrechnungen aus dieser Zeit sind vorhanden. Wer darüber etwas schreiben will: Grundner kennt den Weg in die Schongauer Unterwelt.

Hans-Helmut Herold

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