Kindersegen über die Feiertage: Für die Schongauer Hebammen kein Problem. Auf dem Bild im Kreißsaal des Schongauer Krankenhauses sind zu sehen (von links) Birgit Schmid, Sibylle Kutzner, Frauenarzt Dr. Gerhard Schmidberger, Nadine Lachmann und Frederike Templin, die bald selbst in den „aktiven Teil der Geburtshilfe“ wechselt.

Krankenhaus Schongau

Baby-Boom zum Weihnachtsfest

Schongau - Geburtsmarathon zum Jahresende im Schongauer Kreißsaal: An die 15 Geburten stehen im Dezember noch an. Ein ganz besonderes Weihnachtsfest ist es auch für Susanne Görlich: Die Schwabbruckerin erwartet zwischen den Jahren ihr zweites Kind.

„Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, schrieb Friedrich Nietzsche. Chaos? Bei Susanne Görlich ist davon keine Spur. Töchterchen Annika, gerade zwei Jahre alt geworden, mischt zwar kräftig auf. Aber Stress unterm Christbaum gibt’s wergen der bevorstehenden Geburt nicht. Ein errechneter Geburtstermin zwischen Weihnachten und Silvester: „Schon wieder“, haben sich Susanne und ihr Mann Florian mit einem Schmunzeln im ersten Moment gedacht. Schließlich ist der neue Sprössling im Hause Görlich kein vorweihnachtlicher Einzelfall – auch Annika war eigentlich auf die stade Zeit mitten im Advent terminiert, hat es sich dann aber doch anders überlegt. Die süße Maus ist zwei Wochen zu früh, Ende November, auf die Welt gekommen.

Gut zwei Jahre ist das her. Damals gab es noch ein wenig mehr Weihnachtsdekoration im Hause Görlich in Schwabbruck. Das hat aber nichts mit der Schwangerschaft zu tun – Wirbelwind Annika sorgt dafür, dass die hochschwangere Mama irgendwie nicht mehr in vollem Ausmaß ihren Deko-Ansprüchen gerecht wird. Im Gegenzug freut sich die Kleine schon riesig aufs Christkind – nichtsahnend, dass der Storch die noch viel anspruchsvolleren Geschenke bringt, die man garantiert nicht umtauschen kann.

Hebammen fahren zur Sicherheit Doppelschichten

Es kommt wie es kommt – alte Hebammen-Weisheit. Beim Vorab-Besuch im Schongauer Kreißsaal verbreitet das Schongauer Team eine geradezu unerschütterlich-angenehme Gelassenheit. So schnell kann eine Hebamme eben nichts aus dem Takt bringen. Wer den Anbeginn eines neuen Lebens wehentechisch im Minuten und Sekunden anzählt, der muss einfach die Ruhe weg haben. Daran ändern auch die 15 Geburten nichts, die noch in diesem Jahresendspurt im Schongaur Kreißsaal anstehen. Und vielleicht die werdenden Mütter, die eigentlich erst in der ersten Januarwoche Termin haben. Zu früh, zu spät: Eine Geburt kann man eben nicht im Terminkalender vermerken.

26 Babys haben im Dezember bereits das Licht der Welt im Schongauer Kreißsaal erblickt. Und um für alles Unkalkulierbare gewappnet zu sein, fahren die Schongauer Hebammen Doppelschichten. „An Weihnachten und Silvester ist immer eine zweite Hebamme rufbereit“, erklärt Geburtshelferin Nadine Lachmann. Normalerweise ist immer eine Hebamme für eine Zwölf-Stunden Schicht zuständig – von 7 bis 19 Uhr oder von 19 bis 7 Uhr. Schnell wird aus der Zwölf- auch mal eine 15-Stunden-Schicht. Wenn eine Geburt länger dauert. Der Kreißsaal noch geputzt werden muss. Doppelt gemoppelt hält eben besser. Vor allem, wenn die Feiertage dermaßen geburts-trächtig sind.

Eine Hebamme soll sich nur um eine Geburt kümmern

Sind die Doppelschichten notwendig, um alle Geburten zwischen den Feiertagen in den Griff zu bekommen? Nicht unbedingt. „Aber bei uns gibt es eben noch fast immer eine Eins-zu-Eins-Betreuung, die die meisten anderen Kliniken längst nicht mehr bieten“, bringt Nadine Lachmann das ehrgeizige Ziel der sieben Schongauer Hebammen auf den Punkt. Will heißen: Im Kreißsaal in Schongau kümmert sich eine Hebamme bei der Entbindung fast ausschließlich um eine werdende Mutter und nicht um fünf Geburten gleichzeitig. Warum das so wichtig ist? „Die meisten Frauen kennen wir aus den Praxen vom positiven Schwangerschaftstest an“, sagt Nadine Lachmann. Keine Fließband-Geburten also trotz Geburten-Marathon.

Auch an den Weihnachtsfeiertagen steht im Schongauer Kreißsaal die Menschlichkeit im Vordergrund, die Besonderheit einer Geburt, dieses so Persönliche, das nicht mit Worten zu erklären ist. Weihnachten im Kreißsaal? Für Hebamme Sibylle Kutzner kein Problem. Eher schon fast Routine. Seit 33 Jahren ist sie Hebamme, bereits 24 Jahre hilft sie Kindern im Schongauer Kreißsaal, das Licht der Welt zu erblicken. Sie ist die derzeit dienstälteste Hebamme in Schongau. Und wahrscheinlich auch die mit den meisten Heiligabenden im Kreißsaal.

Sibylle Kutzner ist die Weihnachts-Hebamme

Klar, auch für Hebamme Sibylle Kutzner ist Heiligabend etwas Besonderes. „Aber ich gehe ja auch am Sonntag in die Arbeit und trotzdem gerne in die Kirche.“ Der Beruf der Hebamme: Ein Beruf jenseits der Ladenschlusszeiten. Ein Beruf, der so viel viel von den kostbarsten Minuten des Lebens in sich vereint. Was für ein Dienst also für Hebamme Sibylle, als vor einigen Jahren eine Mutter am Heiligabend ihr Kind im Schongauer Kreißsaal bekommt, von dem sie neun Monate lang nichts wusste. Für die ganze Familie mehr als überraschend. Man könnte von einem Weihnachtswunder sprechen. Nur eine von vielen so persönlichen Geschichten, die Sibylle Kutzner in ihrem Berufsleben erlebt hat. Seitdem die eigenen Kinder größer sind, meldet sie sich immer freiwillig für die Heiligabend-Schicht. Wunder vollbringen: das kann im Kreißsaal jeder Tag. Nicht nur der Heiligabend.

Susanne Görlich: "Das Kind ist noch tiefenentspannt"

Bleibt abzuwarten, ob es dann am heutigen Heiligabend auch ein echtes Christkindl im Schongauer Krankenhaus geben wird. Bei Susanne Görlich aus Schwabbruck zumindest ist alles ruhig. Ein paar Tage Ruhepause hat der Bauchzwerg, auch offiziell, noch. „Wir hoffen, es bleibt über die Feiertage ruhig. Aber wenn’s kommt, dann kommt’s“, gibt sich die werdende Mutter ganz ruhig. Letze Meldung beim CTG aus dem Schongauer Kreißsaal: „Das Kind ist tiefenentspannt.“ Wenn das mal so bleibt?!

Das letzte Heiligabend-Baby in Schongau: Das gab es vor zwei Jahren. Unvergessen für Hebamme Nadine Lachmann bleibt auch ihr erstes Weihnachtsfest im Schongauer Krankenhaus im Jahr 2000: Vier Geburten an Heiligabend, drei in ihrer Schicht. Das ist aller Ehren wert. Bleibt abzuwarten, was sich ereignet – in der stillen, heiligen Nacht. Und bis Silvester. Eines ist sicher: Die 400er-Marke ist, fernab aller Kreißsaal-Romantik, im Jahr 2015 nach langer Zeit wieder einmal geknackt.

Geburtshilfe-Ausbau als richtige Entscheidung

2014 hatte sich die Krankenhaus GmbH dazu entschieden, die Geburtshilfe in den Krankenhäusern in Schongau und Weilheim auszubauen, eine Hauptfachabteilung „Gynäkologie und Geburtshilfe“ aufzubauen – eine offenbar goldrichtige Entscheidung. Denn die Geburtenzahlen in Schongau sind nicht nur stabil, sie klettern nach oben. „Zum ersten Mal knacken wir in diesem Jahr die 400“, freuen sich die sieben Schongauer Hebammen.

Zum Vergleich: Im Vorjahr 2014 haben nur 362 Kinder das Licht der Welt im Kreißsaal in Schongau erblickt, damit fast 40 weniger. Seit drei Jahren steigen die Geburtenzahlen im Schongauer Krankenhaus pro Jahr um zirka zehn Prozent, rechnen die Hebammen mit Blick ins Geburtenbuch vor.

Zu verdanken sind die positiven Zahlen sicherlich auch dem Ausbau des Kreißsaals und der neuen, modernen Wöchnerinnen-Station. Einen Mammut-Anteil tragen aber auch die Schongauer Hebammen mit ihrem persönlichen Engagement dazu bei.

Krankenhaus GmbH unterstützt Hebammen

Bei der Krankenhaus GmbH weiß man das zu schätzen. Mit der Umstrukturierung der Geburtshilfe in den Häusern in Schongau und Weilheim wurde auch eine finanzielle Unterstützung der Hebammen beschlossen. Deren finanzielle Existenz war von der enormen Steigerung bei der Haftpflichtversicherung bedroht. Ein Beispiel: Bei einer jungen Hebamme, die einen neuen Haftpflicht-Versicherungsvertrag abschließen muss, geht der Bruttoverdienst von 22 Geburten nur für die jährliche Haftpflichtversicherung drauf. Da bleibt unterm Strich nicht mehr viel übrig. Für eine Hebamme also existenzbedrohend. Und damit im Umkehrschluss auch für die Geburtshilfe. Denn: Wer soll noch in den Krankenhäusern entbinden, wenn die Hebammen sich ihren Beruf finanziell nicht mehr leisten können?

Die finanzielle Unterstützung der Krankenhaus GmbH also die einzig richtige und gute Lösung für alle. Und weil Weihnachten die Zeit ist, einfach mal „Danke“ zu sagen, möchten die Schongauer Hebammen diese Gelegenheit nutzen: „Wir sind dem Haus sehr dankbar für diese Unterstützung. Die ermöglicht uns, dass unsere Arbeit hier weiter auf dem bisherigen hohen Niveau geleistet werden kann“, sagt Nadine Lachmann stellvertretend für ihre sechs Kolleginnen. So gibt es also im Krankenhaus in Schongau auch weiterhin eine sehr persönliche Betreuung bei der Geburt.

Barbara Schlotterer-Fuchs

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