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Mangelnde Frequenz ist eines der Argumente, warum die Deutsche Bahn ihr Reisezentrum am Schongauer Bahnhof nicht mehr mit Mitarbeitern vor Ort bestücken will. Gestern war kurz vor Mittag viel los.

Am Schongauer Bahnhof

Fahrkarten-Auskunft bald per Video?

Im Reisezentrum am Schongauer Bahnhof soll bald kein Mitarbeiter mehr direkt vor Ort sein, sondern per Video über einen Bildschirm Auskunft geben. Es wäre das erste derartige Projekt der Deutschen Bahn in Oberbayern.

Kurz vor 12 Uhr am Schongauer Bahnhof: Das Reisezentrum ist gut gefüllt, gleich fünf Kunden warten auf Auskunft der Bahn-Mitarbeiterin. Darunter auch der Peitinger Leonhard Wallner. Er hat sich am Vormittag bereits ein Zugticket nach Dortmund besorgt, jetzt ist er wegen Fragen zum Gepäck noch einmal zurückgekehrt. „Früher gab’s einen Fahrkartenschalter auch in Peiting, jetzt muss ich eben nach Schongau kommen“, sagte er. Der reine Automat sei nichts für ihn. „In meinem Alter“, sagt der rüstige Rentner entschuldigend. Er hat sogar eine Schulung mitgemacht, doch da habe man wegen der Sonneneinstrahlung nichts sehen können, da habe er es gelassen. Schließlich gebe es in Schongau die persönliche Beratung vor Ort.

Noch. Denn schon Anfang Juni hatte es Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt auf seiner Fahrt mit der Pfaffenwinkel-Bahn angesprochen, jetzt gab es eine Anfrage im Schongauer Stadtrat – der Fahrkartenschalter soll möglicherweise geschlossen und gegen ein sogenanntes Video-Reisezentrum ersetzt werden. Dabei hat der Fahrgast per Bildschirm Kontakt mit einem Bahn-Mitarbeiter, der ihn bei allem unterstützt. „Der spricht mit den Kunden, und alles, was ausgewählt wird, ist nebenan auf einem Extra-Bildschirm zu sehen“, sagt Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp. Anders als bei den herkömmlichen Fahrscheinautomaten müsse der Kunde auch nicht selber etwas eintippen oder auswählen, das erledige alles der Bahn-Mitarbeiter. „Der Fahrgast muss am Ende nur noch beim Bezahlen per Karte seine Pin-Nummer eingeben“, sagt Honerkamp.

In Nordbayern gebe es bereits vier solcher Video-Reisezentren, „es ist überall sehr gut angenommen worden“, so Honerkamp. Zwei der Orte hatten vorher nur einen Automaten, für die sei es natürlich eine erhebliche Verbesserung gewesen. Bei den anderen beiden gab es wie in Schongau noch ein Reisezentrum mit Mitarbeitern vor Ort, die ersetzt wurden. Doch auch da sei die Resonanz positiv.

An dieser Stelle kommt Schongau ins Spiel. Denn die Video-Reisezentren sollen auch in Südbayern ausgebaut werden. Schongau wäre das erste in Oberbayern. „Es gehört von den Umsätzen nicht zu den großen Reisezentren“, drückt es Honerkamp vorsichtig aus. Bei der Stadt ist das Thema seit einigen Wochen aktuell: Anfang Juni wurde es im Rathaus von der DB präsentiert, am Freitag schließlich war der zuständige Bahn-Projektleiter aus Frankfurt in Schongau am Bahnhof vor Ort. „Mir ist der persönliche Kontakt zu den Fahrgästen wichtig. Deshalb kommt für mich kein Ersatz, sondern nur ein zusätzlicher Einsatz des Video-Reisezentrums in Frage“, sagt Bürgermeister Falk Sluyterman. Bei der Bahn heißt es, man werde nicht gegen den Willen der Stadt entscheiden. Doch Honerkamp macht deutlich: Beides zusammen wird es nicht geben.

Sluyterman weiß, dass es schwer wird. „Schließlich gibt es auch Vorteile, denn die Beratung wäre künftig 70 statt bisher 35 Stunden verfügbar“ – also auch am Wochenende und mittags, wenn der Schalter in Schongau geschlossen ist. „Es ist innovativ und kann funktionieren. Aber ich habe Verständnis für alle, die das nicht machen wollen.“ Zudem müssten drei Mitarbeiter künftig nach Kempten pendeln, wo das Video-Reisezentrum seinen Sitz hat.

Und schließlich denkt Sluyterman an Bahnhofsbesitzer Andreas Holzhey, der am Freitag bei dem Termin auch dabei war: „Ihm ist wichtig, dass Personal vor Ort ist.“ Das bestätigt Holzhey, „ich will den Bahnhof ja weiterentwickeln. Aber es ist eine politische Entscheidung, und nicht zuletzt die der Kunden.“ Denn wenn nur zehn Prozent der Schongauer ihre Bahntickets nicht im Internet kaufen würden, sondern vor Ort, wäre genug Umsatz da und man bräuchte über das Thema gar nicht zu diskutieren.

Sluyterman will nach den Sommerferien mit den Stadträten diskutieren, ob man sich ein Video-Reisezentrum vorstellen kann oder auf dem derzeitigen Fahrkartenverkauf besteht – mit der Gefahr, dass der bald geschlossen wird und dann nur noch ein stummer Automat vor Ort ist. Doch die Zeit drängt. Denn laut Honerkampf soll das Video-Reisezentrum bereits zum nächsten Fahrplanwechsel in Schongau seinen Dienst aufnehmen. Und der ist Mitte Dezember.

Boris Forstner

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